Auf diese Kenntnis der hebräischen Sprache wurden sowohl Luters deutsche Übersetzung als auch alle unsere symbolischen Bücher gebaut; wir stritten beinahe zwei Jahrhunderte lang mit bitterm Eifer über darauf gegründete Lehrsätze; und endlich, nach zweihundert Jahren, erfahren wir, dass die Bedeutung der meisten Wörter der hebräischen Sprache verlorengegangen ist und dass wir sie im Arabischen aufsuchen müssen. Nun haben wir wieder zweihundert Jahre zu streiten. Alsdann kommt vielleicht jemand, der uns berichtet, dass sich die Bedeutung der arabischen Wörter auch verändert hat51, so wie es in allen Sprachen in der Welt gegangen ist, und dass wir diese Bedeutung jetzt in der persischen Sprache52 oder wer weiss wo aufsuchen müssen." Hier ward Sebaldus durch ein heftiges Geschrei unterbrochen, welches sich auf der Landstrasse einige hundert Schritte von dem Postwagen erhob. Der Postillon trieb die Pferde an, um zu sehen, was es bedeute. Was dieses nun für ein Geschrei gewesen, wollen wir künftig berichten und indes zur geschichte Marianens und Säuglings zurückkehren.
Fünftes Buch
Erster Abschnitt
Mariane ward bei ihrer Ankunft auf dem Gute der Gräfin von *** mit offnen Armen empfangen. Diese Dame, welche in der schönen Jahreszeit häufige Besuche hatte, fand sich mehrenteils vom Eintritte der rauhen Herbstwitterung an einsam. Alle ihre Nachbarn, denen kaum der heitere Sonnenschein und die grünenden Bäume den Landaufentalt hatten erträglich machen können, eilten nach der Residenzstadt, um zu Vergnügungen zurückzukehren, die ihnen angemessener waren: zu Cour Tagen, wo man sich tief neiget, um seinen Stolz zu zeigen; zu Bällen, wo jeder sich bis über die Zähne vermummt, obgleich keiner mit einer Maske spricht oder tanzt, die er nicht kennet; zu grossen Mittagsmahlen, wozu man alles, was vornehm und angesehen ist, zusammenbittet, um vier Stunden Langeweile zu haben; und zu feinen Abendmahlzeiten, zu welchen man sich mit leichtsinnigen oder sittenlosen Leuten einschliesst, um sich ein paar Stunden lang einzubilden, man sei vergnügt gewesen. Die Gräfin, welche alle diese herrlichen Vergnügungen jahrelang geschmeckt hatte und davon sehr bald war gesättigt worden, trug kein Verlangen, im Winter ihre Güter zu verlassen. Sie hatte gelernt, sich selbst genug sein. Die Besorgung ihrer Angelegenheiten, kleine weibliche arbeiten und die Lektur konnten sehr wohl den grössten teil ihrer Zeit beschäftigen. Nur fehlte ihr noch eine Gesellschafterin ihres Geschlechts von unbescholtenen Sitten und die Verstand und Geist genug besässe, um an derselben bei Spaziergängen (die sie auch in schönen Wintertagen nicht verabsäumte) und bei ihren wohltätigen Besuchen ihrer Untertanen eine Gefährtin zu haben, in deren Gesellschaft sich der Geist, der in der Einsamkeit erschlafft, zu angenehmer Unterhaltung wieder anspannen könne. Eine solche Gesellschafterin fand sie an Marianen, welche ihr daher alle Tage werter ward.
Mariane auf ihrer Seite lebte sehr glücklich. Die Gräfin verbannte aus ihrer Gesellschaft alle Art von Dienst; sie bedurfte einer Freundin. So verflossen die Wintermonate unter gemeinschaftlichen arbeiten, Lektur und Unterhaltung. Es ist leicht zu erachten, dass der Umgang mit einer Dame, welche so viel Verstand mit so viel Erfahrung und Weltkenntnis verknüpfte, Marianen zu ihrer Bildung ungemein lehrreich sein musste. Die von der Gräfin sehr wohl gewählte Lektur trug das ihrige dazu bei; und obgleich Mariane dadurch belesener ward, so wusste die Gräfin doch durch feinen Scherz sie von der kleinen Torheit, ihre Belesenheit in Gesellschaft zu zeigen, in kurzem ganz zu heilen.
Die einzige Störung der Reihe von sanften Vergnügungen, worin Mariane lebte, war das Andenken an Säugling; und vielleicht ist eine solche Störung einem jungen und lebhaften Frauenzimmer behaglich, weil dadurch die Einförmigkeit ihrer Empfindungen mannigfaltiger wird. Sie dachte sehr oft an den schnellen Abschied, wodurch sie getrennt worden, und war zuweilen ungehalten, dass er ihr keine Nachrichten von sich gebe; dann überlegte sie wieder, dass er ihren Aufentalt nicht wissen werde, und indem sie ganz leise den Gedanken dachte, dass sie an ihn schreiben könne, errötete sie als vor einem ihr unanständigen Schritte. Sie klagte sodann wieder in Gedanken über die Unmöglichkeit, von ihm Nachricht zu erhalten, dann fiel ihr ein, dass sie der Frau von Hohenauf versprochen hatte, alle Verbindung mit Säugling aufzuheben; und dann entschloss sie sich, ihn völlig zu vergessen. Indem sie aber diesen Entschluss recht zu befestigen suchte, ward sein Bild unvermerkt in ihrer Einbildungskraft lebhafter, und sie vernichtete ihren Vorsatz selbst, indem sie ihn auszuführen dachte.
Säugling, auf seiner Universität, zerbrach sich nicht weniger den Kopf über Marianens Zustand. Er hatte vermittelst des Kammermädchens nichts weiter erfahren können, als dass Mariane in der Nacht in einem Wagen wäre weggebracht worden. Er spannte seine ganze Einbildungskraft an, um zu mutmassen, wohin sie geraten sei, aber vergebens. Er musste sich begnügen, an ihr geliebtes Schattenbild die zärtlichsten Seufzer abzusenden. So verging der Winter damit, dass er an Marianen dachte, ihren Namen in Ermangelung eines Baums in sein Schreibepult schnitt, wenn er sie besingen wollte, und über beides von Rambold geschraubt ward.
Im Frühlinge, nachdem er auf dieser zweiten Universität ein Jahr gewesen war, berief ihn sein Vater, der sich nach geendigtem Kriege in Westfalen ein Landgut gekauft hatte, nach haus. Er reisete mit Rambold ab und nahm seinen Weg über den Landsitz seiner Tante, die sich stellte, als hätte sie den Vorfall mit Marianen ganz vergessen, und ihn mit vieler Freundlichkeit aufnahm. Demungeachtet wagte er nicht, sich nach Marianen zu erkundigen. Aber die Tante selbst nahm einst gelegenheit, mit lächelndem mund