drohte es doch ein kleiner Zufall zu unterbrechen. Es erschien in den letzten Jahren des vergangenen Krieges eine Schrift, "Vom tod für das Vaterland" betitelt. Diese kleine Schrift würde in das ruhige Fürstentum so leicht nicht eingedrungen sein, welches von neuen Schriften, sonderlich von solchen, die sich mit dem Tande der weltlichen Weisheit und mit dem Spielwerke der schönen Literatur beschäftigten, gar nicht beunruhigt wurde. Man hatte darin gewöhnlicherweise ausser dem fürstlichen privilegierten Gesangbuche, welches jährlich in grobem und feinem Drucke aufgelegt ward, und einigen auswärtigen Kalendern als dem "Hinkenden Staatsboten" und dem "Nürnbergischen Land- und Hauskalender" und so weiter nichts als des Herrn von Bogatzky "Tägliches Hausbuch", den kleinen Görgel in Lebensgrösse, Schabalie, wandelnde Seele, Försters "Expedirten Prediger" in sechs Quartbänden, die Grundrisse von Predigten der Hamburgischen Herren Pastoren nebst der "Insel Felsenburg", dem "Im Irrgarten der Liebe taumelnden Kavalier" und einigen Romanen des Dresdner Türmers, zum Beispiel: "Das Leben Peter Roberts", "Das wunderbare Schicksal Antoni", "Das Leben des Malers Michael", und dergleichen Sachen mehr.
Wilhelmine aber, welche auf alle neue Bücher neugierig war, die in die schönen Wissenschaften, in die Sittenlehre, geschichte und so weiter einschlugen, hatte, wie wir schon erwähnt haben, für sich selbst eine kleine auserlesene Bibliotek solcher Schriften, dergleichen in dem ganzen Fürstentume nicht anzutreffen war. Sie hatte dem Buchhändler in der fürstlichen Residenzstadt, ihrem Gevatter, den Auftrag gegeben, ihr alle merkwürdige neue Bücher dieser Art in ebendem Pakete zuzusenden, worin Sebaldus alle neue Schriften, die über die Apokalypse herauskamen, empfing. So nährte der ehrliche Hieronymus den Geist beider Eheleute mit Witz und mit Prophezeiungen.
Dieser Buchhändler hatte in seiner Jugend einige Schulstudien gehabt und dadurch vor verschiedenen seiner Handlungsgenossen den kleinen Vorzug erlangt, die Titel der Bücher, die er verkaufte, ganz zu verstehen. Er hatte in verschiedenen ansehnlichen Buchhandlungen in Holland, Frankreich und Italien als Handlungsdiener gestanden. Dabei hatte er nicht allein sein eigenes Gewerbe in einem weit grösseren Umfange eingesehen, sondern auch Städte und Sitten der Menschen kennenlernen. Daher kam es wohl, dass er zuweilen, vielleicht ohne es selbst zu wissen, ein vernünftigeres Urteil von verschiedenen Sachen fällte als sein Nachbar, der Superintendent, oder sein anderer Nachbar, der Rat in dem fürstlichen Expeditionskollegium, die beide, ausser ihren auf einer benachbarten Akademie verbrachten Universitätsjahren, niemals ihre Vaterstadt verlassen hatten.
Hieronymus pflegte aber die Einsichten, die er besass, eben nicht unablässig geltend zu machen, daher hatten sie ihm auch nicht Feinde zugezogen. Er war in der kleinen Residenzstadt, in der er sich gesetzt hatte, im Ansehen, ohne von jemand beneidet zu werden, denn er war gegen jedermann dienstfertig und hatte eine natürliche Abneigung, jemand ins Gesicht zu widersprechen oder erlangte Vorteile von irgendeiner Art zur Schau zu tragen. Bei diesen grundsätzen und einer so glücklichen Temperamentstugend war er in seinem Städtchen wohlhabend geworden, ohne dass es eben bei seinen Nebenbürgern sonderliches aufsehen verursacht hatte.
Gleichwohl waren durch seinen Fleiss ganz unvermerkt in dem Ländchen, wo er sich befand, zwei neue Handlungszweige eröffnet worden, an die vorher noch niemand gedacht hatte. Das kleine Fürstentum hatte einen fruchtbaren Boden und nicht wenig Viehzucht, es brachte alles hervor, was die Einwohner nähren konnte. Sie nährten sich auch und zehrten richtig dasjenige auf, was ihnen zuwuchs. Weil sie aber ausser ihrem mässig bestellten Ackerbaue gar keine einzige Art von Kunstfleiss trieben, so war freilich unter ihnen wenig Geld. Es reichte kaum zu, die Röcke und die Strümpfe zu bezahlen, die die Handwerker eines benachbarten Herzogtums aus der Wolle, die in diesem kleinen Fürstentume sehr wohlfeil verkauft ward, webten und alsdann in dasselbe wieder einführten. Es war also kein Wunder, dass bisher noch kein Buchhändler in diesem Ländchen hatte Bücher verkaufen können. Hieronymus war der erste, der sich unterstand, Bücher darin einzuführen. Er sah aber auch nicht so genau darauf, ob er eben bar Geld erhielt. Er verkaufte mehrmal zum Beispiel das "Juristische Oraculum" in sechzehn Foliobänden für einen fetten Ochsen, Leopolds "Landwirtschaftsbuch" für sechs Scheffel Roggen und Riegers "Herzpostill" oder Cardilucii "Kunst–, natur- und Nahrungspostill" für ein paar Schock Eier; ja er gab noch wohl Mürdelii "Süsse Geisteserquickungen" oder Meletaons "Tugendschul" in den Kauf.
Hierdurch machte er sich besonders bei den Predigern in den Städten, Flecken und Dörfern sehr beliebt, die gern etwas von ihren Zehenten oder von ihrem Naturaldeputate daranwagten, um sich Krausens "Evangelischen und epistolischen Predigerschatz", Kleiners "Hirtenstimme", Schlichtabers "Fünffache Dispositionen aller Evangelien" oder Weihenmeiers "Epistolische Spruch- und Kernpostill" anzuschaffen und sich dadurch die schwere Last des Predigtamts, die sie so sehr drückte, zu erleichtern. Die Bürger folgten bald dem Exempel ihrer Seelenhirten und schafften sich von einem teil des Ertrags ihrer Ernte und ihrer Kälber- und Hammelzucht einige erbauliche und nützliche Bücher an, zum Beispiel Hollazens "Gnadenordnung" und "Pilgerstrasse", das Gebetbuch "Die reine Wasserquelle", den vom Engel Raphael begleiteten "Wandersmann", Goezens "Betrachtungen über die Dinge", die nach dem Jüngsten Gerichte vorgehen werden, "Hocuspocus oder Die neuvermehrten Taschenspielkünste", Schnurrs "Kunst–, Hausund Wunderbuch", "Der getreuen Bellamira wohlbelohnte Liebesproben", Heussens "Biblische Seelenweide" und dergleichen. Die fürstlichen Räte und Sekretarien aber kauften Bolzens