die Erziehung ihrer Kinder. Er wünschte, zum Schulmeister einen verständigen, menschenfreundlichen Mann zu haben, der nicht etwa die Jugend bloss die fragen und Antworten einer unverständlichen, zwecklosen Heilsordnung auswendig lernen liesse, sondern ihr auch ihre Pflichten gegen Gott und Menschen deutlich mache, der die Kinder früh vor den Vorurteilen bewahre, die sich sonst beim bauern Jahrhunderte lang fortpflanzen, und der ihnen richtige Begriffe vom Landbaue, den sie zu treiben bestimmt wären, beibringe: kurz, der sie zu künftig vernünftigen Menschen und guten Bauern erzöge. Einen solchen Mann wollte der Menschenfreund aus seinen eignen Mitteln besolden48, und er bat seinen Freund F., ihm einen solchen Mann zu verschaffen.
Herr F. schlug unserm Sebaldus diese Stelle vor, der sie auch vielleicht würde angenommen haben, wenn er nicht überlegt hätte, dass sein Wohltäter, der Armenschulmeister, sie so gut als er verwalten könne und dass diesem mann nach der unverschuldet erlittenen Beschimpfung seiner Familie die Entfernung von seinen bisherigen Bekannten zur Beruhigung gereichen würde. Er empfahl also denselben, und Herr F. nahm ihn an.
Indes verliess Sebaldus dennoch Berlin gegen den Frühling. Er hatte seit geraumer Zeit keine Nachricht von seiner Tochter, welches ganz natürlich zuging. Der Frau von Hohenauf war daran gelegen, dass niemand Marianens Aufentalt wissen sollte. Sie hatte daher für gut befunden, den Brief zu verbrennen, welchen Mariane vor ihrer Abreise zur Gräfin ***, unter Einschluss des Hieronymus, an ihren Vater geschrieben hatte. Als sich Hieronymus auf Sebaldus' wiederholtes Bitten bei der Frau von Hohenauf nach Marianen erkundigte, war derselben kaltsinnige Antwort: die Mamsell habe sich heimlich fortgemacht, und sie wisse nicht, wohin. Durch diese Nachricht ward Sebaldus sehr beunruhigt und beschloss, im Frühlinge selbst seinen Freund zu besuchen, um womöglich von seiner Tochter nähere Nachricht zu erhalten.
Ob es auf diese Entschlüsse nicht einigen Einfluss gehabt habe, dass weder Herr F. noch sonst jemand in Berlin von seiner Auslegung der Apokalypse etwas hören wollte und dass er ursache finden mochte, zu glauben, der Offizier werde nicht sehr apokalyptisch gesinnet sein, so vorteilhaft auch sonst Herr F. denselben schilderte, wollen wir den Schreibern metaphysisch-moralischer Systeme zu untersuchen überlassen, welche auf ein Haarbreit anzugeben wissen, aus welchen grundsätzen die menschlichen Handlungen entspringen sollen und nicht entspringen.
Genug – Sebaldus, der bei seiner fleissigen Arbeit und sparsamen Lebensart eine für ihn beträchtliche Summe zurückgelegt hatte, nahm im Maimonate von Herrn F. Abschied, setzte sich auf die Post und befand sich in wenig Tagen bei seinem lieben Hieronymus und bei seinem ihm ebenso lieben Kommentar über die Apokalypse.
Dreizehnter Abschnitt
Sebaldus konnte wider sein Vermuten durch Hieronymus nichts vom Aufentalte seiner Tochter erfahren, und dieser widerriet ihm auch, deshalb zur Frau von Hohenauf zu reisen, weil schon vorauszusehen war, alle Nachforschung würde vergeblich sein. Er tröstete sich indes damit, dass er gelegenheit hatte, seinen Kommentar der Apokalypse aufs neue zu übersehen und zu vermehren. Nachdem er länger als einen monat damit zugebracht hatte, fing er an, der müssigen Lebensart überdrüssig zu werden, und wünschte sich wieder eine ordentliche Beschäftigung. In der fürstlichen Residenzstadt hatte er kein Amt zu hoffen. Zu Herrn F. zurückzukehren, trug er kein Belieben, und andere Aussichten konnte er in Berlin nicht wohl haben. Es fügte sich aber, dass ein gewisser Edelmann, der vormal am fürstlichen hof Kammerjunker49 gewesen war und nachher im Holsteinischen ansehnliche Güter erheiratet hatte, vom Hieronymus einen Aufseher seiner Bibliotek und seines Antiquitätenkabinetts verlangte. Sebaldus liess sich leicht bereden, die Stelle anzunehmen. Hieronymus gab ihm einen Empfehlungsbrief an den Kammerjunker mit; und weil er eben an der magdeburgischen Grenze Rechnungen für verkauftes Getreide abzutun hatte, so setzte er sich mit demselben auf die Post, um ihn, so weit sein Weg ging, zu begleiten.
Nachdem sie einige Meilen gereiset waren, gesellte sich zu ihnen ein Mann zu Pferde, der wie ein Verwalter aussah und den Hieronymus als einen Bekannten begrüsste; und in der folgenden Station bestieg den Postwagen, nebst andern unbedeutenden Reisenden, ein Mann ernstaften Ansehens, der ihnen nach der ersten Begrüssung selbst sagte, er sei ein Gelehrter und sein Hauptstudium die arabische Sprache. Er galt in der Tat, wie man nachher unterderhand erfahren hat, auf ein paar kleinen Universitäten für einen grundgelehrten Mann, der Hebräisch, Arabisch, Persisch, Syrisch, Samaritanisch, Phönizisch und Koptisch aus dem grund verstehe. Er hatte nicht allein, gleich andern Kennern der höhern Exegese, das Hebräische durch das Arabische zu erklären gesucht, sondern war auch auf eine Höhe gestiegen, die noch kein anderer Exeget erreicht hatte, nämlich zu dem Versuche, das Arabische durch das Hebräische in helleres Licht zu setzen. Er war in Leipzig gewesen, wo freilich seine gerühmte arabische Kenntnis bei Reisken nicht grossen Beifall gefunden haben soll, welcher glaubte, dass sie sich nicht weit über des Golius Lexikon erstrecke. Unser Mann hielt dies aber, wie billig, für Neid, und wandte sich nach Wittenberg. Er hatte eine Sammlung der vermittelst des Arabischen von ihm neuentdeckten Beweissprüche der Bibel bei sich, wodurch die vornehmsten Artikel der Dogmatik noch mehr befestigt würden; und er glaubte dadurch in dieser ortodoxen Stadt gewiss eine ansehnliche Belohnung oder Beförderung zu erhalten. Aber zu seinem Erstaunen hielten auch dortige Doktoren der Gottesgelahrteit seine neuen Beweisstücke für ganz überflüssig, weil sie meinten, die Dogmatik sei durch die "Augspurgische Konfession" und durch das Konkordienbuch befestigt genug. Zum Glücke konnte ihm