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gedacht hat47; und Menschen sollten es auch nicht tun.

Prediger: O der feinen Philosophie! O der sündlichen Weichherzigkeit eines natürlichen Menschen! Wer Gottes Wort nicht für Gottes Wort hält, wer sich der Sakramente als von Gott gegebener Gnadenmittel nicht bedient und so in seinen Sünden dahinstirbt, der ist verdammt.

Sebaldus: Wenn Sie nähere Nachrichten von dem Zustande in jenem Leben haben, so muss ich es geschehen lassen Ich aber kann mich nicht überzeugen, dass ein Mensch, der, soviel er konnte, seinen Pflichten nachlebte und Gutes tat, der uneigennützig, gerecht und wohltätig gewesen und sich bei seinem Ende in des barmherzigen Gottes arme geworfen hatdass dieser von Gott ausdrücklich müsse verdammt werden. Ist es anders, so weiss ich es wenigstens nicht.

Prediger: Ja! Ich aber weiss es besser! Ich, als ein berufener und verordneter Diener Gottes, sage Ihnen, dass Gottes Wort ausdrücklich lehret: Wer nicht an den dreieinigen Gott glaubt, der ist ewig verdammt, und ist keine Erlösung für ihn, weder in Zeit noch in Ewigkeit.

Sebaldus, dessen Blut durch das Wort ewige Verdammnis sehr leicht erhitzt ward, fuhr auf und wollte heftig antworten. Er fasste sich aber zum Glücke bald und sagte bloss, indem er nach der tür ging:

"In der Tat, nur der, welcher glaubt, er sei ein unmittelbarer Gesandter Gottes, darf sich unterstehen, das Schicksal eines Verstorbenen so positiv zu bestimmen. Verantworten Sie dies bei dem, der Sie gesandt hat zu verdammen." Und so ging er zur Tür hinaus.

Der Prediger, weil er niemand anders hatte, wendete sich an Franzen. Er bewies ihm, der Major müsse ewig verdammt sein. Franz weinte, schlug sich an die Brust und rief aus:

"Ach, er war doch so sehr böse nicht, dass nicht für seine arme Seele Hilfe sein sollte. Ich wollte gern selbst für ihn hundert Rosenkränze beten, wenn ich seine Seele aus dem Fegefeuer retten könnte. Doch was kann ich armer einfältiger Mensch! Nein! Ich kenne einen frommen Prior in Böhmen, dessen Kloster der Major vom Anzünden und Plündern gerettet hat, der wird ihm gern von den guten Werken des Klosters etwas zukommen lassen, den will ich bitten, dass er für ihn Seelmessen lese."

Der Prediger entdeckte nun mit Erstaunen, dass Franz katolisch sei. In dem Eifer seiner Bekehrungssucht fing er an, ihm den Greuel des papistischen Sauerteiges recht lebhaft vorzumalen, und drohte ihm, wenn er sich nicht zur reinen seligmachenden evangelischen Lehre wendete, müsse er ebenso wie sein Herr ewig verdammt werden.

Franz, der solche Worte nie bei dem Major gehört hatte, sah den Prediger starr an und segnete sich über solche Lästerungen; und da der Prediger fortfuhr, den Papst den Antichrist zu nennen, schalt er ihn eine ketzerische Bestie und lief zur Tür hinaus.

Der Prediger blieb also bei dem Leichnam allein; und da derselbe auf seine Verdammungen weiter nichts antworten konnte, so begab er sich auch fort. Als er über den Hausflur ging, machte Franz zwei grosse Kreuze vor sich und spie ihm nach.

Zwölfter Abschnitt

Herr F. und Sebaldus lebten nun den Winter über sehr eingezogen. Ihre Unterhaltung, vordem durch die Gesellschaft des Majors viel mannigfaltiger, ward jetzt etwas einförmig. Sie bezog sich mehrenteils auf gelehrte Gegenstände, hatte aber bald das gewöhnliche Schicksal gelehrter Unterredungen unter vier Augen, die nicht sonderlich gemeinnützig und lehrreich werden, wenn jeder nur sein eigenes Steckenpferd dem andern vorreiten will. Herr F. hatte sich auf den Sensus kommunis ein Lehrgebäude der Sittenlehre und der natürlichen Teologie gebauet, welches dem Sebaldus gar nicht einleuchten wollte, der seine Etik als ein echter Crusianer auf die Telematologie gründete. Dieser hingegen suchte seine neuen Entdeckungen über die Apokalypse seinem Freunde mitzuteilen, welche aber gar kein Gehör fanden, sondern geradezu ausgelacht wurden, indem Herr F. schon längst bei sich ausgemacht hatte, dass in der ganzen Apokalypse kein Sensus kommunis zu finden sei. Sebaldus fing zu seiner eignen Verteidigung an, das der Apokalypse sowie der teoretischen Philosophie im Wege stehende Grundgesetz des Sensus kommunis zu untergraben. Er suchte mit philosophischen Gründen zu zeigen, welch ein schwankender Begriff dies sogenannte Principium sei, und bewies standhaft, dass eine Appellation an den Sensus kommunis, als an ein untrügliches Gericht über den Wert spekulativer Wahrheiten, nicht viel mehr als eine Appellation an ein inneres Gefühl bedeute, welches von Menschen zu Menschen verschieden sein müsse und folglich nicht erwarten lasse, dass dadurch irgend etwas mit Erfolge behauptet oder widerlegt werden könne. Vergebens! Herr F. hatte sein System lieb; Sebaldus wollte sich seine Weissagungen nicht nehmen lassen: sie wurden also heftig, machten nichts aus, und endlich, ob sie gleich nicht aufhörten, sich hochzuschätzen, so fand doch nach und nach einer nicht mehr so viel Vergnügen in des andern Gesellschaft.

So standen die Sachen am Ende des Winters, als Herr F. von seinem Freunde, dem Offiziere, dem er so viel zu danken hatte, einen Brief bekam. Dieser edle Mann, nachdem er in allen Feldzügen des letzten Krieges für das Vaterland gefochten und ehrenvolle Wunden erworben hatte, begab sich auf seine Güter, um in Gesellschaft einer würdigen Gattin den Rest seines Lebens in häuslicher Zufriedenheit zuzubringen. Aber er wollte, dass nicht er allein, sondern auch andere glücklich sein sollten. Er betrachtete sich als den allgemeinen Vater seiner Untertanen, und in dieser Absicht sorgte er für