in jenem Leben Folgen haben und dass diese Folgen, wenn uns gleich die Art noch unbegreiflich ist, überschwenglich gross sein können. Wird nun derjenige nicht sicherer gehen, der seine Handlungen nach einer strengen Richtschnur so einrichtete, wie er sie auch in jenem Leben zu verantworten gedenkt, als derjenige, der in der Meinung, es sei nach dem tod alles aus, alles tat, was ihm beliebte, und in dieser Sorglosigkeit vieles beging, das er nicht rechtfertigen und dessen Folgen er in jenem Leben nicht ändern kann? Und überlegen Sie, welcher unter beiden in dieser Welt ein besserer Bürger und ein rechtschaffnerer, tugendhafterer Mensch sein werde.
Der Major sah seinen Freund starr an und schwieg Sebaldus auch.
Endlich brach der Kranke aus:
"Herr, daran habe ich noch in meinem Leben nicht gedacht. Ein Soldat hat auch nicht Zeit, so weit hinzudenken. Aber ich besinne mich jetzt eben. Wenn auch ein künftiges Leben und ein Jüngster Tag ist, so glaube ich, ich werde dann ein Herz fassen und weder vor Gott noch vor dem Teufel erschrecken. Lass ihn kommen, den Teufel, wenn er mich anklagen will, er muss mich doch vor Gott anklagen; und der weiss, dass ich nie wissentlich etwas Böses getan habe. Oh, du mein allmächtiger Schöpfer, würde ich sagen" (er richtete sich ein wenig auf und faltete seine hände), "du weisst, dass ich nie den hilflosen Unglücklichen gedrückt, dass ich nie Witwen und Waisen betrübt, dass ich nie wissentlich, diese hände zum Bösen gebraucht habe. Zwar" (hier schwieg er ein wenig still und schlug seine Augen nieder), "ich hätte noch mehr Gutes tun können! Aber" (hier hob er seine Augen abermals empor), "allgütiges Wesen, ich werfe mich in deine hände. Du hast mich zum Menschen machen wollen, also sollte ich wohl nicht ganz vollkommen sein. Ich verlange auch nicht, wenn ein Himmel ist, im Himmel obenan zu stehen."
Hier sank er, von der Anstrengung entkräftet, sanft zurück, die Luft fehlte ihm, er erholte sich und sprach noch mit stammelnder stimme, indem er dem Sebaldus die Hand drückte: "Ach, mein Freund, wenn Gott ein Regiment von Seligen hat, so wäre es schon genug, wenn unsereiner darin nur ein Gemeiner werden könnte."
Er wollte noch etwas sagen, aber der Stickfluss nahm überhand: er fing an zu röcheln, und nach einigen fruchtlosen Versuchen, ihm zu helfen, verschied er; und Sebaldus drückte ihm weinend die Augen zu.
Elfter Abschnitt
Kaum war er entschlafen, als der Prediger, welchen Sebaldus unter den Linden auf der Bank getroffen hatte, schnell in das Zimmer trat. Er hatte bei seiner Zuhausekunft die durch Franzen an ihn gebrachte Botschaft erfahren. Er eilte, sosehr er konnte, an einen Ort, wo er sich, wie ein anderer Fresenius, durch die Bekehrung eines Freigeistes auf dem Totenbette zu signalisieren dachte; denn weil er alles wissen musste, was in seinem Kirchensprengel vorging, so war ihm unverborgen geblieben, dass der Major besondere Meinungen hegte und weder ihn noch einen von seinen Kollegen zum Beichtvater hatte. Als er sah, dass er zu spät kam, rief er aus: Prediger: O Gott, wie gross sind deine Gerichte! Auch diesen Sünder, dem du so lange Zeit zur Besserung gegeben und der die Gnadenzeit mutwillig hat verstreichen lassen, hast du ins Gericht der Verstokkung dahingegeben! Daran mag sich jeder spiegeln und Busse tun, weil es noch heute heisst! Sebaldus: Mein Herr, schmähen Sie diesen toten Leichnam nicht! Der selige Major war ein rechtschaffener Mann. Sein Innerstes wird Gott richten, vor dessen Richterstuhle er stehet. Prediger: Wie können Sie einen verstockten Sünder selig nennen? Wissen Sie wohl, dass dieser unglückliche Mensch kein ewiges Leben, keinen Himmel und Hölle, keinen Gott und keinen Teufel geglaubt hat? Und so ist er in seinen Sünden dahingefahren!
Sebaldus: Er mag wohl viel Trugschlüsse gemacht haben, aber Trugschlüsse sind nicht Sünden.
Prediger: Wie? Was? Sie sind wohl ein arger Indifferentist! Soll es etwa gleichgültig sein, was man glaubt oder ob man gar nichts glaubt?
Sebaldus: Das nun wohl nicht. Nur kann ich niemand deshalb verdammen, weil er falsche Meinungen hegt, und wenn sie auch noch so sehr irrig wären. Daher habe ich schon oft gewünscht, und dieser Fall erneuert bei mir den Wunsch, dass der Gebrauch einer gesunden Philosophie unter der ganzen Nation gemein würde, damit auch unstudierte Personen über manche Sätze, die sich aufs Übersinnliche beziehen, richtigere Begriffe bekämen. Jeder Mensch ...
Prediger: Oh, Sie mögen wohl selbst sehr irrige Begriffe haben. Wie gehört eine weltliche Philosophie hieher? Der Weg zum Heile ist in Gottes Wort vorgeschrieben und in den Schriften bewährter Teologen, die es erklärt haben; die wollen Sie doch wohl nicht verwerfen? Wollen Sie?
Sebaldus: Davon ist nicht die Rede. Meine Meinung ist nur: Wer sich bei der gewöhnlichen Auslegung oder bei der gewöhnlichen Dogmatik beruhigen kann, der tue es; kann er aber nicht und will er seine Zweifel verfolgen, so wage er sich nicht ohne das Licht einer gesunden Philosophie in die Irrgänge der Dogmatik und Exegese, er wird sich sonst immer mehr in Zweifel verwickeln. Doch kann ich nicht glauben, dass Gott jemand verdammen werde, weil er nicht richtig genug