den andern ins Gesicht. Der Major lag in seinem Blute, der Edelmann machte ihm eine verbindliche Entschuldigung wegen dieses unglücklichen Vorfalls, die der Major bloss mit einem Blicke voll Verachtung beantwortete. Herr F. schickte nach der Wache. Der Kammerdiener und sein Herr wurden in Verhaft genommen. Der Major ward von einem Wundarzte verbunden und in sein Bette gebracht; und der Schulmeister, noch mehr ausser aller Fassung über seines Verteidigers Unfall als über seinen eigenen, ward halbtot in eine Mietskutsche gesetzt und von Herrn F. und von Sebaldus nach haus begleitet.
Zehnter Abschnitt
Des Majors Wunde schien im Anfange nicht gefährlich, aber nach einigen Tagen verschlimmerten sich die Umstände sehr. Die Entzündung und das Wundfieber wurden heftiger, daher der Arzt erklärte, dass sehr wenige Hoffnung zur Wiedergenesung sei. Die Freunde des Majors waren äusserst niedergeschlagen; der gute Franz aber, der über dreissig Jahre in des Majors Diensten gestanden hatte, weinte unablässig, so dass ihn der Kranke selbst tröstete, der allein des Wundarztes Nachricht mit Gleichmut anhörte. Die geschwinde Abnahme seiner Kräfte liess nur allzusehr befürchten, dass der Wundarzt richtig geurteilt habe.
Eines Tages ward der Kranke besonders schwach. Gegen Mittag aber fiel er in einen sanften Schlummer, worin er einige Stunden verblieb, und schien darauf äusserlich ein wenig erquickt. Franz, sehr traurig über dessen misslichen Zustand, ergriff die gelegenheit, da der Major heiteres Gemüts und er mit ihm allein war, nach vorgängiger Entschuldigung eine Frage zu tun, die ihm schon lange auf dem Herzen gelegen hatte, nämlich:
Ob der Herr Major nicht das Sakrament nehmen wolle.
"Lieber Franz, du meinst es recht gut", sagte der Kranke, "aber wozu? Ich habe das Abendmahl immer nur genommen, wenn entweder das Regiment kommunizierte oder wenn ich besondere Ursache fand, mich zu sammeln und ernstaft über mich nachzudenken; aber glaube mir, Franz, ein Krankenlager von drei Wochen gibt an sich selbst gelegenheit genug zum ernstaften Nachdenken."
"Aber, lieber Herr Major, ein Mensch muss doch so schwer sterben, wenn er nicht gebeichtet hat."
"Höre nur, mit der beichte habe ich niemals etwas zu tun gehabt. Anstatt der beichte sagte ich allemal laut und ernstlich: Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen gewissen Geist, verwirf mich nicht von deinem Angesichte, und sei mir gnädig! Damit war mein Feldprediger zufrieden, und ich denke, Gott wird auch damit zufrieden sein, wenn ich's jetzt sage. Aber höre, Franz, ich will jetzt tun, was ich sonst bei der beichte tat, ich will dich wegen alles dessen um Vergebung bitten, was ich dir kann zuwidergetan haben; vergib es mir."
Hier reichte er Franzen die Hand.
Franz küsste und benetzte sie mit seinen Tränen und sagte schluchzend: "Ach, Herr Major, ich kann Ihnen nichts vergeben, Sie sind immer mein guter Herr gewesen und haben an mir mehr Liebe bewiesen, als ich verdiente. Vergeben Sie mir nur, wenn ich zu vorschnell gewesen bin. Ich dachte doch, man könne nicht ruhig sterben, wenn man nicht von einem geistlichen Herrn ordentlich vorbereitet würde. Als Sie daher schliefen, lief ich geschwind zu einem Prediger, der nicht weit von hier wohnt, aber er war nicht zu haus."
"Du hast's recht gut gemeint, Franz; da er aber nicht zu haus war, ist's nun auch ebenso gut. Ich habe mit diesen Herren nicht gern etwas zu tun, wenn ich sie nicht vorher genau kenne. Ich lag, du weisst es, hart verwundet auf dem Schlachtfelde bei Torgau an zwölf Stunden, ehe du mich unter den Toten und Blessierten herausfandest. Damals konnte mir kein Feldprediger zusprechen, und ich war zum tod ebenso bereit wie jetzt."
Indem er dieses sagte, trat Sebaldus herein, um ihn zu besuchen.
"Sie kommen, mein lieber Freund", sagte der Kranke, "gerade zur rechten Zeit. Ich werde von diesem Lager nicht wieder aufkommen, ich weiss es und bin gefasst zu sterben. Nun meint mein guter Franz" (er drückte demselben die Hand), "es sei nötig, dass ich von einem Geistlichen zum tod bereitet würde. Dies wünschte ich von niemand lieber als von Ihnen, mein Freund. Tun Sie, als ob Sie mein Beichtvater wären. fragen Sie mich, lehren Sie mich, beten Sie mit mir."
Sebaldus sagte sehr gerührt: "Der Zuspruch auf dem Totenbette ist allezeit eine sehr schwere und zuweilen eine vergebliche Sache. Es kann daselbst kaum noch eine Veränderung der Gesinnung vorgehen, wenn sie nicht vorher im ganzen Leben vorbereitet ward. Glaubens lehren zu beweisen, ist die Zeit zu kurz und der Geist nicht heiter genug, Pflichten einzuschärfen ist zu spät. Die Schwachen aufrichten kann ein menschenfreundlicher Prediger noch am leichtesten"
Major: Herr, ich bin nicht schwach! Schonen Sie meiner gar nicht, sondern gehen Sie mit mir um, wie ein Pfarrherr am Totenbette tun soll, recht wie es vorgeschrieben ist.
Sebaldus: Ich würde mich wahrlich freuen, wenn ich zur Beruhigung eines Mannes, den ich so sehr wertschätze, etwas beitragen könnte. Da Ihr Gemüt gelassen ist, so ist es vielleicht am nützlichsten, wenn ich Sie an Wahrheiten erinnere, die allen Menschen ehrwürdig und wichtig sein müssen. Ich kann nicht wissen, ob Sie dieselben in gehöriger Verbindung gedacht