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verbarg er abermal sein Angesicht und überliess sich einer trostlosen Verzweiflung.

Alles, was Sebaldus und Herr F. taten, um ihn aufzurichten, verfing nichts. Er rief mit kläglicher stimme aus: "Alle Hoffnung ist für mich verloren! Selbst die gesetz haben keinen Schutz für mich. Mein Gegner darf mich ungestraft beleidigen, ungestraft unglücklich machen!"

"Nein! Das soll er nicht", rief der Major, der schon lange mit starrer Aufmerksamkeit zugehört hatte. "Wir wollen sehen, was der Bursche zu tun vermeint."

Er rief seinen Reitknecht, liess sich bei seinem Nachbar eine Treppe hoch melden, und ein paar Minuten drauf nahm er seinen Hut und Degen und stieg hinauf, ohne erst Antwort zu erwarten.

Er fand den jungen Herrn im Vorsaale, im Begriffe auszugehen, um diesen Besuch zu vermeiden. Er wollte sogleich eine höfliche Entschuldigung stammeln, aber der Major trat ihm in den Weg und rief mit gerunzelter Stirne: "Herr! Sind Sie ein Edelmann?"

"Ich dächte", war die Antwort, "ich könnte mich in ein hohes Stift aufnehmen lassen, wenn ich wollte. Aber um Vergebung, wozu diese Frage, die mich befremden könnte?"

"Wozu? Weil ich dächte, dass ein Edelmann auch ein ehrlicher Mann sein müsste, ehe er ein Edelmann sein kann."

"Wieso? – Mein Herr! Sie kommen in meine eigene wohnung, mich zu beleidigen; geben Sie wohl acht!"

"Herr, die Wahrheit ist gut zu sagen, wo es auch ist. Sie haben, Herr, eines ehrlichen Mannes Tochter verführt und haben noch dazu den Vater gröblich beleidigt; das tut kein Mann, der Ehre im leib hat, und das haben Sie getan."

"Herr Major, wenn ich nicht für Ihr Alter achtung hätteso würde ich ... Aber parbleu, ich weiss auch noch nicht, was Sie von mir eigentlich wollen. Meinen Sie etwa den Kerl, der eben hier war? Der geht mich gar nichts an. Mein homme de chambre hat mit seiner Tochter was zu tun gehabt, und darüber lärmt der Vater. Aber er hat unrecht, denn mein homme de chambre will das Mensch heiraten."

Der Kammerdiener trat vertraulich hervor und versicherte den Major in gebrochenem Deutsch, dass er noch zur Heirat bereit sei.

Der Major sah ihn flämisch über die Achsel an und sagte: "Patron, wenn ich mit dir werde reden wollen, werde ich dir's sagen. – Mit Ihnen habe ich's zu tun, Herr, der Sie sich ins Herz schämen sollten. Meinen Sie, Herr, dass ich nicht weiss, wer mit dem Mädchen zu tun gehabt hat? Denken Sie, Herr, dass die Tochter eines ehrlichen Mannes, weil Sie sie geschändet haben, nun für Ihren Kuppler gut genug ist?"

"Das ist doch besondersganz besonders; und Sie mässigen sich noch dazu gar nicht in Wortenlassen Sie doch die Leute die Sache ausmachen, die Sache geht mich ja gar nichts an; und darf ich fragen, wie Sie dazu kommen, daran teilzunehmen?"

"Wie? Herr, weil der Mann mein Freund ist."

"Ah pardi, das ist eine andere Sache. Ich habe nicht gewusst, dass Sie unter Leuten solcher Art auch Freunde hätten."

"Ja, Herr! Ich schäme mich nicht, eines ehrlichen Mannes Freund zu sein, und scheue mich nicht, jeden Schurken zur Rede zu setzen, der ihm ungestraft unrecht tun will."

"Ich bin ganz betroffen, Herr Major; da ich gar nicht die Ehre habe, Sie zu kennen, kommen Sie in meine wohnung und sagen mir voll Ungestüm Dinge vor, dieich weiss gar nicht ... Was verlangen Sie denn, das ich dem mann und dem Mädchen tun soll?"

"Herr! Genugtuung sollen Sie beiden geben, und ... Doch durch welche Genugtuung können Sie ein so schimpfliches Verfahren wiedergutmachen!" Er schlug sich mit der Hand vor die Stirn.

"Sie sehen also selbst, Herr Major, dass ich bei der Sache nichts weiter tun kann, und wenn mein homme de chambre das Mädchen heiratet und ich ihr, in Ansehung seiner, ein Heiratsgut gebe ..."

"Nein, Herr, mir sollen Sie Genugtuung geben, weil Sie ein Schurke sind und sich unterstehen, mit mir unter einem dach zu wohnen!" Und hiermit zog er den Degen.

"Herr Major, hören Sie doch vernünftige ..."

"Herr! Zieh Er, oder, straf mich Gott!, ich will Ihm zeigen, dass Er nicht wert ist, einen Degen an der Seite zu tragen."

"Gut, Herr Major, ich will Ihnen Satisfaktion gebenaber auf Pistolen. Ich schlage mich nicht anders als auf Pistolen."

"Herr, mach Er kein Federlesens, zieh Er auf der Stelle, oder ich will Ihn ..."

Dem jungen Herrn, so ungern er wollte, blieb nichts übrig, als den Degen zu ziehen. Der Major drang auf ihn ein. Der Kammerdiener kam seinem Herrn mit gezogenem Hirschfänger zu Hilfe; und plötzlich fuhr der Hirschfänger tief in des Majors rücken, ob von ungefähr oder vorsätzlicherweise, war nicht auszumachen.

Franz, der Reitknecht, fasste den Kammerdiener in die Gurgel und gab ihm einen deutschen Faustschlag auf