die Herzen eingeschlichen hatte, auch an den Kleidern sichtbar werden sollte. Vorzeiten hatten sich die Luterischen und Reformierten soviel wie möglich voneinander abgesondert, auch wohl – eine Folge des Eifers für eines jeden Symbolum – weidlich miteinander gehadert, nicht weniger – eine Folge des Haders – einander herzlich gehasset; nunmehr aber, da sich ihre Geistlichen auch nicht einmal mehr der Kleidung nach voneinander unterschieden, war fast gar nicht mehr die Frage, ob jemand luterisch oder reformiert sei. Diese Indifferentisterei hatte aber auch andere schädliche Folgen. Denn die geistliche Kleidung verlor einen grossen teil ihrer symbolischen Deutung und zugleich einen grossen teil ihrer Gravität. In der allgemeinen Sorglosigkeit gegen alle bestimmte äusserliche Zeichen wurden die Mäntel immer schmäler, leichter und kürzer45 und hingen als eine zwecklose Verzierung den rücken herunter; die Perücken, die sonst in feierlicher Zierde über den Nacken herabwallten oder in sanften Seitenlocken auf den Schultern ruhten, gewannen täglich ein weltlicheres Ansehen, hoben sich in Taubenflügeln und gesteckten Locken in die Höhe; und endlich trugen Prediger kein Bedenken, ohne Perücken, ja sogar ohne alle Amtskleidung46 in blauen, grauen und braunen Röcken auf der Strasse und in Gesellschaften zu erscheinen und sich keiner gleichgültigen Handlung zu entziehen, die ein jeder anderer unbescholtener Bürger auch verrichten darf."
Und nun fragte Herr F. lächelnd: "Was sagen Sie zu diesen Veränderungen der Kleidertracht, die doch offenbar mit gewissen Veränderungen in den Glaubensgesinnungen Schritt gehalten haben?"
"Ich sage", antwortete Sebaldus sehr ernstaft, "dass sie nur merkwürdig werden, wenn sie merkwürdige Folgen haben, und die haben sie nur, wenn man sie für etwas hält. Macht man ein unwichtiges Ding wichtig, sei es nun ein Rockärmel oder ein symbolisches Buch, so kann über dessen Veränderung Zank und Bitterkeit, ja wohl gar Aufruhr und bürgerlicher Krieg entstehen. Ebendeshalb sollte man, meines Erachtens, in Dingen, die von der Meinung der Menschen abhangen, nicht allzuviel bestimmen und durch Zeichen festsetzen wollen, weil dadurch Nebendingen mehr Wert beigelegt wird, als sie eigentümlich haben. Das Bezeichnete ist wesentlich, das Zeichen willkürlich. Hat ein jetziger Geistlicher Speners edelmütige Gesinnungen, so wird er gleich verehrungswert sein, er mag sich schwarz oder grün kleiden; und jeder rechtschaffene Mann, der, soviel er kann, tugendhafte Taten tut, verdient achtung, er mag seine Gedanken vor sich selbst weglaufen lassen oder sie an irgendein Symbolum heften wollen. Wenn mich nicht alles trügt, was ich als Kennzeichen der Wahrheit erkenne, so muss ich glauben, Gott selbst werde uns nach unsern Gesinnungen und nicht nach unsern Spekulationen richten; er werde jedem gnädig sein, der so viel Gutes tut, als er in seiner Lage tun kann, und werde niemand verdammen, weil er symbolische Bücher entweder nicht verstehen oder nicht billigen konnte, die irgendeine mächtigere Partei zur Richtschnur festzusetzen suchte."
Neunter Abschnitt
Unter diesem gespräche waren sie aufgestanden und bis vor die wohnung ihres beiderseitigen Freundes, des Majors, gekommen, dem sie diesen Abend einen Besuch zugedacht hatten. Indem sie ins Haus traten, sahen sie zu ihrem grossen Erstaunen, dass der Armenschulmeister, Sebaldus' Freund, von zwei Bedienten mit Gewalt die Treppe hinuntergeworfen ward. Der Pietist, mit welchem Sebaldus nach Berlin gekommen war, folgte ihnen mit weggewandtem Angesichte, schlug die hände über das Haupt zusammen und drängte sich eiligst durch die Haustür auf die Strasse. Herr F. und Sebaldus stiessen die Bedienten zurück, die den wehrlosen und totenblassen Schulmeister noch übler behandeln wollten; und der Major, der im Erdgeschosse wohnte und bei dem heftigen Lärm seine Tür geöffnet hatte, nahm ihn in Schutz und führte ihn ins Zimmer, wo er ihn in einen Armstuhl sich niedersetzen liess.
Sobald der Mann wieder etwas Atem zu schöpfen anfing, war die allgemeine Frage: was die Ursache des Lärms gewesen sei und was er mit dem im ersten Stockwerke wohnenden jungen Herrn, dessen Bedienten ihm so hart begegnet, zu tun gehabt habe.
Der Schulmeister antwortete bloss durch tiefes Schluchzen und durch die kläglichsten Ausrufungen: "Ich elender Mann! Ich unglücklicher Mann! Ich bin ohne Rettung verloren!"
Sebaldus suchte ihn durch die besten Gründe wieder zur Fassung zu bringen, der Major bot ihm seinen Arm, Herr F. seine Börse und alle sonst nur mögliche Hilfe an. Vergebens! Er wiederholte seine trostlosen Ausrufungen mit den Gebärden eines Verzweifelten, bedeckte einmal über das andere sein Angesicht mit beiden Händen und weinte bitterlich. Nach langem Zureden beruhigte er sich endlich so weit, dass er, mit vielen untermischten Seufzern, folgendes erzählen konnte:
"Sie wissen es", sagte er, indem er sich zu Sebaldus wandte und ihm wehmütig die Hand drückte, "wie ruhig und wie glücklich ich war. Obgleich arm, hatte ich doch mein Auskommen. Ich arbeitete nebst meiner Frau fleissig; und meine Tochter- o mein einziges Kind! Sie war nie ihren Eltern ungehorsam gewesen, sie hatte uns nie den geringsten Verdruss gemacht, sie übertraf uns an Fleiss, sie machte uns mit ihrer künstlichen Arbeit Vergnügen; wenn wir Eltern nur gerade die Notdurft erwerben konnten, so verschaffte uns ihre Emsigkeit zuweilen einen festlichen Tag. Sie war mein Augapfel, ich war mehr als glücklich, als der heuchlerische Bösewicht, den Sie haben aus der tür rennen sehen, meine ganze Glückseligkeit zerstörte. Er setzte sich in der Sankt-GertraudsKirche oft neben mir, wo er auch wohl zuerst meine Tochter mag gesehen haben. Er suchte meine Bekanntschaft, indem er