! Sie haben nur auf jene Veränderung mehr achtgegeben als auf diese, welche ebenso merklich ist. Ja, sie entstand oft aus Begierde, sich von andern Glaubensgenossen zu unterscheiden; und dann ward sie sogar ein Stück der Kirchengeschichte."
"Sie scherzen. Wie kann die Glaubenslehre auf die Kleidertracht einen Einfluss haben! Ausserdem siehet ja in der ganzen protestantischen Kirche eine Priesterkleidung der andern ähnlich."
"Keinesweges! Der steife Wolkenkragen in Hamburg, Braunschweig, Breslau, Leipzig und das feine Überschlägelchen anderer Länder, die enge Summarie in Mecklenburg und Holstein, der weite Priesterrock in Sachsen und Anhalt, der Mantel in Brandenburg, das sammetne Kalottchen, das der Danziger Prediger auf seine Perücke nähet, sind wesentliche Unterschiede der Kleidung protestantischer Geistlichen, haben, wie alle Dinge in der Welt, ihren zureichenden Grund" (determinierenden Grund, dachte Sebaldus heimlich bei sich), "und vielleicht oft zunächst in der Lehre. Hier habe ich eben in der tasche eine ungedruckte Handschrift, betitelt: 'Historische Versuche über Berlin', die mir ein Freund mitgeteilt hat. Ich will Ihnen daraus etwas weniges von der geschichte der Hüte und Mäntel der berlinischen Geistlichkeit vorlesen. Vielleicht merken Sie daraus, dass die Eingeweihten aller Orden Zeichen haben, die den Augen der Profanen entgehen."
Sie setzten sich abermals auf eine Bank, und Herr F. las wie folget:
"Philipp Jakob Spener, ein gutmütiger, redlicher Mann, bescheiden und friedliebend in einem Zeitalter voll teologischen Stolzes und teologischer Zänkerei, der gern alle dogmatische Spitzfindigkeiten vermieden hätte, der sie zwar nach dem Genius seines Zeitalters nicht vermeiden konnte, aber vorzüglich auf die Rechtschaffenheit und auf die Lauterkeit des Herzens drang, befliss sich nicht, in seiner Kleidung etwas Sonderliches zu haben. Sein ehrwürdiges Haupt36, von welchem sein silberweisses Haar in natürlichen Locken hinabfiel, wärmte ein kleines Kalottchen; und sein weitgefalteter Mantel (die damals gewöhnliche Tracht der Gelehrten, welche noch bis in das erste Vierteil dieses Jahrhunderts alle Schüler in Berlin trugen) hing, als eine brauchbare Bedeckung, ungekünstelt über Schultern und arme herab. Bald nach seiner Zeit gelüstete einen teil der berlinischen Geistlichkeit nach dem modischen Putze der spanischen Perükken37, welche sie auf den Häuptern der Edelknaben und der Geheimen Räte an dem prunkvollen hof unsers guten Königs Friedrich I. gesehen hatten. Obgleich beim Regierungsantritte König Friedrich Wilhelms meist alle Leute die grossen Perücken ablegten, so mochten doch selbst die pietistischen Prediger diese so oft abgekanzelte und nebst den Fontangen der Frauenzimmer vom Einblasen des leidigen Teufels hergeleitete Kopfzierde ferner nicht verschmähen. Vermutlich der Gravität wegen; denn nunmehr begannen sie, gleich den Leuten, die ihre Denkzettel breit und die Säume an ihren Kleidern gross machten38, in ihrer Kleidung sich geflissentlich von andern Menschen zu unterscheiden39. Sie setzten an ihre Kragen einen breiten Saum. Ein grosser, nur zweimal aufgestutzter Schiffhut beschattete vorn und hinten ihr Haupt, und in den Mantel wickelten sie den Unterleib dermassen ein, dass die Füsse gar wenig Raum übrigbehielten; daher auch derjenige unter ihnen, der von natur nicht bedächtig war, einen bedächtigen gang annehmen musste. Da um diese Zeit unsere ganze luterische Geistlichkeit sich von der hamburgischen Ortodoxie der polternden Mayer und Neumeister zum sanftern Pietismus neigte, so ward dieser eben beschriebene Anzug sehr bald das Merkzeichen eines jeden luterischen Pfarrers. Denn die Reformierten, dem hof näher, wollten sich nicht so sehr wie jene von der gewöhnlichen Kleidung abwenden. Sie behielten den dreimal aufgestutzten Hut bei; und den Mantel40, dessen viele pedantische Falten sie unvermerklich verminderten, schlugen sie von den Schultern zurück und hoben ihn im Gehen mit der linken Hand zierlich auf, so dass sie mit mehrerm Anstande fortschreiten konnten. Nach einiger Zeit fingen sie an, den Mantel41, den sie mit der linken Hand emporgehalten hatten, zu mehrerer Bequemlichkeit ganz auf den linken Arm zu legen. Unter den Luteranern, welche schon längst den schmalern Mantel und die freiern Füsse der Reformierten mit heimlichem Neide mochten angesehen haben, wagte es zuerst ein Mann, in grossen Dingen klein und in kleinen Dingen gross, den Mantel42 um den Leib zu schlagen und mit freien Füssen einherzutreten, worin er bald viele Nachahmer bekam. Es wäre zu weitläufig, zu erzählen, welche Widersprüche jede von diesen Veränderungen leiden musste, wie oft man aus der veränderten Art, den Mantel zu tragen, auf eine Neuerung in der Lehre geschlossen hat und wie oft eine Neuerung in der Lehre unbemerkt durchgegangen ist, weil der Neuerling den Mantel noch nach der alten Art trug. Genug, die alte symbolische Reinigkeit des Manteltragens bekam einen noch grösseren Fleck, da einige Kryptokalvinisten sich unterstanden, den Mantel nach Art der Reformierten auf den Arm zu legen, ob sie ihn schon, um sich jenen nicht ganz gleich zu stellen, auf dem rechten arme trugen43. In kurzem ward dieser kleine Unterschied der Konfessionen auch nicht mehr beobachtet. Die Mäntel wurden ohne irgendeine Regel rechts oder links getragen, wie es jedem einfiel. Und nun konnte man einen luterischen Prediger von einem reformierten desto weniger auf der Strasse unterscheiden, da eben zu der Zeit einige unsrer Geistlichen sich unterfingen, den ehrbaren Schiffhut, das bisherige Schibbolet eines berlinischen luterischen Geistlichen, mit dem dreieckigen hut zu vertauschen, den nebst allen Einwohnern Berlins auch die reformierten Geistlichen trugen. So vielem Widerspruche auch dies Unternehmen anfangs ausgesetzt war44, so ging es doch ohne weitere Ahndung durch. Denn nunmehr war die Zeit gekommen, da die Unordnung und Lauigkeit in der Lehre, die sich schon lange in