erwähnen getrauet hätte). Wilhelmine war auch zuweilen so gefällig, von ihrem mann ein Stück seiner neuen Erklärung der Apokalypse, mit Parallelstellen aus Daniels geschichte bestärkt, sich vorlesen zu lassen. Sie rief wohl zuweilen aus: "Sinnreich! Wirklich sehr sinnreich!" Mit diesem Beifalle war er vergnügt wie ein König. Er liess ihn auch nicht unbelohnt. Er setzte sich ans Klavier und spielte ungebeten einige der Oden mit Melodien, von denen er wusste, dass sie seiner Frau am angenehmsten waren. Wilhelmine sang mit frohem Herzen dazu, und gewöhnlich war ein solcher Auftritt eine reiche Quelle guter Laune für diesen und einige folgende Tage.
Gegen das Ende der erstern neun Monate ihres Ehestandes ward er mit einem Sohne gesegnet, dessen sich der Hofmarschall aus alter Bekanntschaft besonders annahm. Er liess ihn oft zu sich in die Stadt holen, beschenkte ihn und konnte lachen, dass ihm der Bauch schütterte, wenn der Junge, der von seiner ersten Jugend an versprach, einst ein durchtriebener Kopf zu werden, einen Umstehenden in die Wade zwickte oder sonst jemand einen kleinen Schabernack antat. Als der Knabe sechs Jahre alt war, so nahm er ihn ganz zu sich, so dass ihn seitdem seine Eltern nur selten zu sehen bekamen. Im vierzehnten Jahre war der Knabe so weit gekommen, dass er die mutwilligen Neckereien, die der Hofmarschall so oft in seiner ersten Kindheit an ihm bewundert hatte, auch an seinem Wohltäter selbst auszuüben anfing. Dieser mochte nun wohl dem Witze des Knaben Beifall geben, wenn er andere hohnneckte, aber nicht, wenn er sich auch an ihn, den Hofmarschall selbst, wagte, und dachte daher darauf, sich dessen zu entledigen. Er besann sich, dass er einen guten Freund hatte, der Kurator über eine etwa fünfundzwanzig Meilen entlegene Fürstenschule war, in derselben verschaffte er dem jungen Notanker eine Freistelle. Als der Knabe in derselben sechs Jahre verharrt hatte und es nun Zeit schien, ihn auf Universitäten zu bringen, verschaffte er demselben durch gleiche Protektion zwei Stipendien auf einer berühmten Universität. Weil nun zwei Stipendien einträglicher waren als eins, so konnte der junge Notanker auch seine Studien mit viel glücklicherm Erfolge fortsetzen, als sonst ein armer, einfacher Stipendiat hätte tun können. Er studierte daher nicht allein in den Kollegien, sondern auch in den Kaffeehäusern, bei den Jungemägden, in den Dorfschenken und also in der grossen Welt der Universitäten. Er machte auch Verse und Satiren, wodurch er denn bald ein Mitglied der Deutschen Gesellschaft des Ortes ward. Von der Philosophie machte er Profession und setzte sich schon in seinen Studentenjahren vor, in derselben einst grosse Veränderungen vorzunehmen; in der ästetischen Kritik aber war er so stark, dass er den Longin, Shakespeare und Homer immer beim dritten Worte zitierte. Diese Nachrichten erfreuten Wilhelminen ungemein, welche ihn als ihren würdigen Erben ansah, obgleich Sebaldus ein wenig darüber den Kopf schüttelte und die Hoffnung, die er sich seit zehen Jahren gemacht hatte, ihn einmal zum Adjunkt seiner Pfarre zu bekommen, beinahe aufzugeben anfing.
etwa sechs Jahre nach der Geburt des Sohnes, als eben die Zuneigung zwischen Sebaldus und Wilhelminen zur wärmsten Zärtlichkeit gestiegen war, wurden sie mit einer Tochter erfreut. Mariane war von ihrer ersten Jugend an der Gegenstand der väterlichen und mütterlichen Zärtlichkeit. Besonders wendete Wilhelmine ihre ganze Sorgfalt auf die Erziehung dieser Tochter. Sie unterwies sie in allen weiblichen arbeiten und in der französischen Sprache, ihr Vater war ihr Lehrer in der geschichte und Erdbeschreibung, und beide vergassen nichts, um den Geist und das Herz dieses geliebten Kindes zu bilden. Mariane hatte in ihrem sechzehnten Jahre die besten deutschen und französischen Schriftsteller gelesen. Nach Endigung ihrer häuslichen arbeiten war ihr Abendgeschäft, wechselsweise ihrer Mutter vorzulesen oder auf dem Klaviere zu spielen, worin ihr Vater ihr erster Lehrmeister gewesen war und ihr eigener Fleiss sie zu mehrerer Vollkommenheit gebracht hatte. Eine sanfte Seele, ein mitleidiges Herz krönte ihre übrige gute Eigenschaften und gab ihnen in den Augen ihrer Eltern noch einen viel grösseren Wert. Als diese älteste Tochter schon erwachsen war, wurde die Familie noch mit einer kleinen Tochter vermehrt, bei deren guter Erziehung Wilhelmine mit der jungen Mariane wetteiferte.
Zweiter Abschnitt
Die häusliche Zufriedenheit hatte auf solche Art viele Jahre ununterbrochen fortgedauret. Sebaldus verrichtete seine Amtsgeschäfte in der Kirche mit frohem Gemüte, ebenso wie Wilhelmine in der Küche und in der Milchkammer. Beide unterstützten willig ihre notleidenden und bekümmerten Nachbarn, und dann kehrten sie vergnügt zu ihrer eigenen Gesellschaft und zur Gesellschaft ihrer inniggeliebten Kinder zurück. Ein frohes Herz war die Würze jeder ländlichen Mahlzeit und verschönerte ihre ruhigen Spaziergänge. Das Einförmige in ihrer Lebensart und in ihrem Vergnügen gewann mehrere Veränderung, so wie ihre Kinder im Alter zunahmen. Eine richtige Anmerkung oder ein witziger Einfall, den Mariane hören liess, ein neues musikalisches Stück, das sie zum erstenmal spielte, war der elterlichen Zärtlichkeit ein fest, woran ihr Vergnügen tagelang Nahrung hatte. Der Tag, da Charlottchen zuerst das süsse Wort Mutter lallte, der, da sie zuerst auf ihren kleinen Füssen drittehalb Schritte von dem Schosse der Mutter zum Vater forttaumelte, der, da sie ihm das erste von ihr genähte Säumchen vorzeigen konnte, oder der, da sie, durch ihre zärtliche Schwester gelehrt, beide Eltern durch Hersagung der Gellertschen Fabel vom Zeisig überraschte, waren in dieser kleinen Familie Galatage, deren Anmut, wider die Art der höfischen, auch noch, nachdem sie vorbei waren, genossen wurde.
So vollkommen das Glück dieser Familie war, so