Ehrfurcht mehr, wir haben sie uns selbst vergeben, da wir vernünfteln und beweisen wollen, anstatt dass wir solchen Leuten imponieren, dass wir ihnen den Daumen aufs Auge drücken sollten."
"Ach", rief der Kandidat mit einem Seufzer aus, "seitdem ich mich dem geistlichen stand gewidmet habe, habe ich schon oft beklagt, dass dies nicht mehr so recht angehen will. Nun muss man schon aus der Not eine Tugend machen, muss die Zweifel der Gegner kennenlernen, muss sich auf Widerlegungen und Beweise gefasst machen ..."
"Damit", fiel ihm der Prediger ins Wort, "werden Sie nicht weit kommen. Die Laien müssen glauben, was ihnen an Gottes Statt gesagt wird, und ihre Zweifel unterdrücken. Darauf muss man dringen! Die Dogmatik ist ein statutarisches Recht, dem gehorsamet werden muss, wenn man es auch gar nicht bis aufs Recht der natur zurückführen kann. Zuletzt würde bei dem Vernünfteln doch nichts herauskommen! Ich wiederhole nochmals, dem Laien muss und soll man nicht erklären und beweisen, sondern er muss glauben. Es kommt hier gar nicht auf die Vernunft, sondern auf die Bibel, auf eine übernatürliche Offenbarung an. Hier muss man nur nicht schmeicheln, sondern die menschliche Vernunft in ihrer Ohnmacht zeigen, ihr aber keinesweges, wie unsere treffliche Tugendprediger tun, ein Recht in Glaubenssachen zugestehen."
Herr F. hörte dieses Gespräch stillschweigend an, das Gesicht auf seinen Stock gestützt. Sebaldus aber ward dabei unruhig und rückte sich auf der Bank hin und her, so dass er unvermerkt dem Prediger näher kam.
Dieser fuhr fort: "Und unsere neumodische Teologen, unsere Erleuchter der Welt, die so viel untersuchen, vernünfteln, philosophieren, wie wenig haben sie ausgerichtet! Wie müssen sie sich krümmen und winden! Sie philosophieren Sätze aus der Dogmatik weg und lassen doch die Folgen dieser Sätze stehen; sie brauchen Wörter in mancherlei verstand, sie verwickeln sich in ihre eignen Schlingen, sie sind aufs äusserste inkonsequent ..."
Sebaldus fiel ihm schnell in die Rede: "Und wenn sie denn nun inkonsequent wären? Wer den Mut hat, wenigstens einzelne Vorurteile zu bestreiten, aber viele andere damit verbundene nicht bestreiten mag oder darf, kann wohl zuweilen seiner Ehrlichkeit und Einsicht unbeschadet inkonsequent sein oder scheinen. Die Verbesserer der Religion mögen immerhin ein zerrissenes Buch sein, das weder Titel noch Register hat und in welchem hin und wieder Blätter fehlen; aber auf den vorhandenen Blättern stehen nötige, nützliche, vortreffliche Sachen. Ich will diese Blätter ohne Zusammenhang lieber haben als Meenens 'Beweis der Ewigkeit der Höllenstrafen', und wenn dies Buch noch so komplett wäre!"
Der Prediger, mit stierem Blicke und verlängertem Angesichte, schaute dem Sebaldus gerade ins Gesicht, zog seinen Hut langsam ab und sagte, sich gegen ihn neigend, mit dem Tone steifer Würde:
"Sie sind also, wie ich merke, ein gönner der neuern heterodoxen Teologen. Sie werden vermutlich alles, was dahin gehört, wohl überlegt haben, denn Herren Ihrer Art handeln ja niemals unüberlegt. Sagen Sie mir also doch, was für ein Christentum wir bekommen möchten, wenn diese Herren so fortfahren, wie sie angefangen haben?"
"Ei nun", versetzte Sebaldus, "es könnte wohl ein sehr christliches Christentum werden."
"Christlich? Ein heidnisches Christentum wird es werden. hören Sie wohl? Heidnisch ist der wahre Name!"
"Mag es doch heissen, wie es will; das menschliche Geschlecht wird durch eine Benennung weder glücklich noch unglücklich."
"So? Wenn Sie denn also meinen, so mögen die Herren immer auf den Naturalismus fortarbeiten; Indifferentisten sind sie ohnehin schon. Auf die Art könnten sie ziemlich fortschreiten. Zum Glücke aber", setzte er mit weiser Miene hinzu, "sind sie seichte Köpfe, die sich in kurzem vor sich selbst scheuen und so wie in ihrer Philosophie auch in ihrer Teologie auf dem halben Wege stehenbleiben."
"Wenn es der Weg zur Wahrheit ist, so besteht meines Erachtens schon kein geringes Verdienst darin, bis auf den halben Weg zu kommen. Dieser Weg ist so steil und ungebahnt, dass der eine früh und der andere spät ermüden kann. Ein jeder gehe so weit es ihm seine Kräfte erlauben. Auch derjenige, der nur einen einzigen Schritt fortgeht, auch derjenige, der nur eine ganz kleine Strecke durch seinen Fleiss zu bahnen sucht, ist mir ehrwürdig. Aber der nicht, welcher aus Stolz den Weg gar nicht antreten will, welcher aus Trägheit, um nicht einen Schritt weiter zu gehen, die Falschheit, die vor den Füssen liegt, für Wahrheit ausgibt."
"Also", rief der Prediger mit einem spöttischen Lächeln aus, "wollen Sie erst neue Wege zur Wahrheit bahnen? Sie kommen zu spät, lieber Herr! Der Weg ist schon ganz gebahnt, er heisst die Bibel. Und dabei haben uns unsere Vorfahren einen ganz untrüglichen Wegweiser gesetzt, der heisst die symbolischen Bücher. Die haben Sie freilich vermutlicherweise nicht gelesen, denn die Herren Selbstdenker pflegen nicht sehr belesen zu sein. Wenn Sie mich zuweilen besuchen wollen, so können Sie sich näher belehren. Ich will Ihnen unsere ältere Teologen zu lesen geben, denn die werden Ihnen wohl gänzlich unbekannt sein. Sie werden darin zu Ihrer Verwunderung alle Streitfragen längst erörtert, alle Zweifel längst bestimmt und alle die neuen Meinungen, worauf sich die neuen Heterodoxen soviel zugute tun, längst widerlegt finden