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ruhige Beschaulichkeit lieben und unerkannt wohltun. Schon um die Gegend der Hospitalkirche zu Sankt Gertraud zeigen sich die Herrnhuter; und weiterhin, in den folgenden breiten und hellen Strassen der Friedrichsstadt, fangen auch die Religionsgesinnungen der Einwohner immer mehr an, luftiger und geistiger zu werden. Pietisten, die in Gefühlen und innigen Empfindungen ihre Religion suchen, und Schwärmer von allen Gattungen finden sich hier, so dass der innere Trieb der Raschmacher und Wollkämmer oft in Erbauungsstunden und Weissagungen ausbricht. Die Doroteenstadt wird zum Teile von Reformierten und Franzosen bewohnt. Jedoch in allen Gegenden der Stadt ist eine andere Gattung Leute verbreitet, die ich oft in Gesellschaften angetroffen habe, denen man es anmerkt, dass sie niemals weder Ortodoxie noch Heterodoxie untersucht haben, bei denen es hingegen feststeht, dass alles darin bleiben soll, wie es war. Es gibt unter ihnen sogar deliierte Weltleute, welche scherzen, Karten spielen, mit Frauenzimmern tändeln und doch die Nase rümpfen können, wenn sich die geringste Ketzerei spüren lässt."

"Dies sollte mir herzlich leid tun", sagte Sebaldus, "denn wenn solcher Leute in Berlin viele sind, so kommt mir Ihre Nachricht nur allzu glaubwürdig vor, dass hier die Erleuchtung und die Freiheit zu denken noch nicht so gross ist, als ich mir vorgestellt habe. Ich fand immer, dass diejenigen, die aus Trägheit und Nachlässigkeit die Wahrheit nicht suchen wollen, die Selbstdenker am meisten hassen, weil sie sich sonst ihrer Trägheit und Nachlässigkeit schämen müssten. Immer ist mir aber selbst derjenige viel ehrwürdiger gewesen, der durch Liebe zur Untersuchung der Wahrheit auf Irrtümer verfällt, als derjenige, der sie gar nicht untersuchen mag."

"In diesen Gesinnungen", antwortete Herr F., "werden viele Einwohner Berlins nicht mit Ihnen übereinstimmen, und vielleicht nicht einmal alle berlinische Geistliche."

Siebenter Abschnitt

Während solcher Unterredungen hatten sie sich unvermerkt von ihrem Spaziergange linker Hand geschlagen und waren in die Lindenallee geraten, wo sie sich ziemlich ermüdet auf eine Bank niedersetzten, an deren anderm Ende ein Prediger mit einem Kandidaten in tiefem gespräche sass.

"Es müssen doch noch einige andere Ursachen sein", sagte der Kandidat, "warum die Freidenkerei so sehr in Berlin überhandgenommen hat. Üppigkeit und Wollust gehen in andern grossen Städten auch im Schwange, aber man sieht da nicht soviel öffentliche Freidenker."

"Freilich", versetzte der Prediger, "unsere schöne heterodoxe Herren, welche die Religion so menschlich machen wollen und dabei die Würde unseres Standes ganz aus der Acht lassen, sind am meisten schuld daran. Sie wollen den Freidenkern nachgeben, sie wollen sie gewinnen. Als ob es sich für uns schickte, mit Leuten solches Gelichters Wortwechsel zu führen! Man muss ihnen kurz und nachdrücklich den Text lesen, man muss ihnen das Maul stopfen, man muss sich bei ihnen in der Ehrfurcht zu erhalten wissen, die sie uns schuldig sind." "Das ist wahr. Nur ist es zu beklagen, dass diese Leute für alle ehrwürdige Sachen und besonders für den Predigerstand nicht die gehörige Ehrfurcht hegen."

"Daran sind wieder die neumodischen Teologen schuld! Sie benehmen sich selbst die Mittel, womit man die Laien im Zaume halten sollte. Sie schwatzen viel vom Nutzen des Predigtamts und vergessen darüber das Wesen des Predigtamts. Sie selbst geben sich als die nützlichen Leute an" (hier verbreitete sich ein mildes ironisches Lächeln dicht unter seinem breiten Schiffhute), "die der Staat verordnet hat, Weisheit und Tugend zu lehren. Eine rechte Würde! Weisheit und Tugend dünkt sich jetzt jeder Wochenblättler oder Romanschreiber zu lehren! Damit werden wir eine feine Ehrfurcht von Laien fordern können! Aber wenn wir, so wie es recht ist, darauf bestehen, dass unser Beruf ein göttlicher Beruf ist, dass die Ordination, die wir empfangen haben, nicht eine leere Zeremonie ist, sondern dass sie uns zu Nachfolgern der Apostel, zu Boten Gottes, zu Handhabern seiner Geheimnisse macht, dass sie uns das Amt der Schlüssel überträgt, so wird unser Orden bald wieder zu seiner vorigen Würde gelangen, und dann wird auch natürlicherweise die Religion mehr geschätzt werden. Unsre feinen Lehrer der Rechtschaffenheit hingegen haben eine so grosse Begierde, nützlich zu sein, dass sie darüber sich und ihren Orden und damit die Religion selbst vergessen."

"Es ist wahr", sagte der Kandidat, indem er den Kopf schüttelte, "es scheint mir auch fast, dass die Protestanten aus unüberlegter Furcht vor einer päpstischen Hierarchie den geistlichen Stand andern Ständen allzu gleich machen."

"Oh, ein wenig Papsttum wäre uns sehr nötig, oder wir werden nie wieder Glaubenseinigkeit und Glaubensreinigkeit erlangen. Ich kann es Lutern und Melanchton nicht vergeben, dass sie die Hierarchie ganz aufgehoben und auf die Vorzüge des geistlichen Standes so wenig geachtet haben. Daraus ist dann endlich der ganze Verfall des christentum entstanden. Wer gibt wohl darauf achtung, was ein elender Prediger sagt? Hingegen wenn ein Erzbischof spricht, so müssen die Freigeister schweigen. Man sieht es ja: an den protestantischen Orten, wo den Geistlichen ein Schatten von Autorität übrig ist, wird auch die Religion geachtet. Ich wollte unsern Freidenkern raten, einem Senior in Hamburg oder einem Präpositus in Mecklenburg oder einem Superintendenten in Sachsen oder einer teologischen Fakultät in Greifswald oder in Giessen in die hände zu fallen; da würde ihnen ein kurzer Prozess gemacht werden. Aber mit uns armen berlinischen Predigern können sie bald fertig werden: wir haben keine Würde mehr, wir verdienen keine