Ich war erschrocken und wehrlos, gab ihm also meinen Beutel, der, von einigen Talern kleiner Münze schwer, mehr wert schien, als er es war. Der Räuber sah ihn starr an und rief: 'Nein! Das ist zuviel!' Er band den Beutel auf, wollte etwas herausnehmen, aber die Hand zitterte ihm. Er warf den Knüttel weg, fiel vor mir auf die Knie, hielt mir den Beutel vor und schrie laut:
'Ich kann nicht! Ich kann nicht! Nein, lieber Herr, ich bin kein Strassenräuber! Ich bin ein unglücklicher Vater.
geben Sie mir selbst nur so viel, dass meine Frau und meine armen Kinder nicht noch heute Hungers sterben!'
Ich rief voll Entsetzen: 'Nimm, Freund! Ich bin arm, aber nicht so arm als du!' Indem hörte ich in der Nähe einen weiblichen Schrei. Eine Frau mit einem vierteljährigen kind im Mantel schleppte sich zu uns, drei kleine Kinder in Lumpen folgten ihr. 'Mann! Was willst du machen!' schrie sie und sank halb tot zu meinen Füssen.
'Dich und deine Kinder nicht vor meinen Augen verschmachten sehen!' rief er mit wildem Tone.
Ich suchte diese Leute zu besänftigen. Ich setzte mich zu ihnen nieder, fragte, wie sie hieherkämen und was dies alles bedeuten solle.
'Lieber Herr', sagte der Mann, nachdem er ein wenig Atem geschöpft hatte, 'ich bin ein Baumwollenweber. Ich wohnte in einem Flecken in Böhmen und hatte sonst mein gutes Auskommen, aber unser Gutsherr war ein harter Mann; er wollte uns nicht Gott nach unserm Glauben dienen lassen, wir sollten in die Messe gehen, und wir hielten dies wider unser Gewissen. Ich will mich aufmachen, sagte ich, und in ein protestantisches Land gehen, wo ich Gewissensfreiheit habe. Ich flüchtete; ich kam bis in eine Stadt einige Meilen von hier, ich ward wohl aufgenommen und konnte frei in die Kirche gehen. Doch es ist nicht genug, in die Kirche zu gehen, man muss auch Frau und Kinder ernähren. Ich fing also an, mit Mühe einen Stuhl zurechtzubringen, und webte Kotonade. Dieses Zeug war dort bisher noch unbekannt gewesen, es fand viele Käufer, sobald es bekannt wurde. Plötzlich ward ich auf das Rataus gerufen und bekam Befehl, meine Arbeit einzustellen. Ich fragte erstaunt: Weswegen? – Weil Ihr ein Pfuscher seid, rief der Altmeister der Raschmacher, welches die stärkste Zunft in der Stadt ist, weil Ihr keinen Lehrbrief vorzeigen könnt und weil Ihr kein Meisterstück gemacht habt. – In Böhmen, erwiderte ich, gibt man keine Lehrbriefe, sondern es kann weben, wer will und was er will; und was das Meisterstück anbetrifft, so seht meine Ware an, ob sie nicht so gut ist als irgend Kotonade sein kann. Ebendieses Zeug sollt Ihr gar nicht machen; es ist verboten, sagte ein Ratsherr sehr ernstaft. – Weswegen? sagte ich, noch mehr erstaunt. – Weil es nicht der Vorschrift gemäss ist, weil es der Grundverfassung der Stadt zuwider sein würde. Schon vor langen Jahren haben die Gewerke Streit miteinander gehabt, und da ist durch ein Gesetz festgesetzt worden, was für Zeuge und wer sie machen soll: die Leinweber Leinwand, die Tuchmacher Tuch und die Raschmacher Rasch. – Aber, lieber Gott, rief ich, was kann ich dafür, dass derjenige, der das Gesetz machte, alle möglichen Zeuge in Leinwand, Tuch und Rasch abteilte und nicht daran dachte, es könne auch Zeug in der Welt geben, das aus Leinen und Baumwolle gewebt wird. – Kurzum, hiess es, Euer Gesuch ist wider alle gute Polizei, lasst ab, das neue Zeug zu machen, das wir nicht dulden wollen, oder man wird Euch Ernst weisen.
Ich musste aber fortarbeiten, wenn ich leben wollte; und so kamen des andern Tages die Altmeister, schlugen meinen Stuhl auseinander und brachten ihn mit allem meinem Werkzeuge aufs Rataus. – Ich schrie über Gewalt. – Hat man Euch nicht genug gewarnt? sagte der Ratsherr frostig. – Aber, lieber Gott! Ich muss ja Hungers sterben, wenn ich nicht arbeiten soll. – Wer sagt denn, sprach der Ratsherr mit weiser Miene, dass Ihr nicht arbeiten sollt? Ihr sollt nur nicht solches Zeug machen, das wir hier bei uns nicht leiden wollen; es sind ja sonst Handwerke genug. – Aber, lieber Herr, sagte ich, die werden auch zünftig sein und werden mich nicht aufnehmen, und denn habe ich einmal nichts anders gelernt als Kotonade weben. – Ich merke wohl, Ihr seid widerspenstig; seht zu, ob man Euch sonstwo dulden will, bei uns werden wir Euretwegen die gesetz nicht ändern. – Dies war mein Abschied.
Ich musste also mit meiner Familie fort. Gestern abend kamen wir bei der benachbarten Stadt an, wo man uns nicht einlassen wollte, weil wir keinen Pass hatten. Ich besass keinen heller mehr, wir alle hatten den ganzen Tag nichts gegessen. Wir mussten in diesem wald unter einem Baume bleiben, die Kinder schrien bis nach Mitternacht um Brot. Ich war ausser mir, dass ich ihnen nichts geben konnte. Nach ein paar Stunden unruhigen Schlummers erwachte ich vor Sonnenaufgange; ich betrachtete meine unglückliche Frau und Kinder und sah sie voll Entsetzen alle in diesem wald verschmachten. Ich erblickte von fern einen einzelnen wohlgekleideten Menschen. Die Verzweiflung gab