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nie vergeben, dass ich hatte weiter sehen wollen als er. Nun war ferner auf keine Freundschaft mit ihm zu rechnen. Er missbilligte öffentlich mein Buch, um sich zugleich selbst desto kräftiger vor dem Verdacht der Heterodoxie zu sichern, und machte dadurch meinen Kollegen mehr Mut, die schon längst den jungen gelehrten Diakon mit scheelen Augen angesehen hatten. Man vermied mich, man lud mich ferner nicht zu den gewöhnlichen Zusammenkünften ein, und ich blieb ganz einzeln mit meinem Freunde, dem Offiziere.

Ich hatte nur ein sehr kümmerliches Auskommen. Man weiss, wie schlecht überhaupt die festgesetzte Geldeinnahme der Prediger ist. Ihr hauptsächlicher Unterhalt beruht auf zufälligen Einkünften, besonders auf dem Beichtgelde. Zu der Zeit, da die Laien glaubten, dass sie bloss von dem Priester durch beichte und Absolution die Vergebung der Sünden erhalten könnten, wendeten sie auf eine so nötige Ware freilich schon ein Erkleckliches. Nachdem man ihnen aber in Schriften und von den Kanzeln so nachdrücklich eingeprägt hat, ohne wahre Besserung des Herzens habe die Absolution gar keine Kraft, so merkt die grosse Menge, welche nie willens gewesen ist, sich zu bessern, dass sie ihr Geld für eine leere Zeremonie ausgebe, und verlangt also die Absolution viel seltner und bezahlt sie viel kärglicher. Da nun folglich hierauf wenig mehr zu rechnen war, so konnten wohlgesinnte gelehrte Prediger, die nur ihre Pflichten zu erfüllen suchten, ganz ruhig darben; aber ökonomische Prediger, die ihr Amt als eine Art von Pachtung betrachteten, welche aufs beste zu benutzen wäre, sahen sich zu einer ganz andern Art von Industrie genötigt. Sie gingen in die Häuser, machten sich ihren Pfarrkindern notwendig, erkundigten sich nach ihrem Hauswesen, erforschten ihre Zwistigkeiten, um sie zu schlichten, und gewannen durch fromme Unterredungen das Zutrauen der reichen Bürgerweiber. Da nun die Kirchkinder merkten, dass der Pfarrer etwas fürs Geld tat, so bezahlten sie ihn auch reichlicher, der gelegentlichen Braten, Kuchen, Zuckerhüte, Magenmorsellen und anderer Geschenke nicht zu gedenken. Ohne dergleichen Priesterkünste wird ein ehrenfester Bürgerssohn, der im geistlichen stand nur ein gemächliches Leben sucht und sonst als ein Pächter oder als ein Krämer auch sein gutes Auskommen hätte haben können, es schwerlich der Mühe wert finden, ein Prediger zu sein. Meine Kollegen übten diese Künste in ihrem ganzen Umfange aus und hatten auch vollkommen Musse dazu, weil sie weder durch Studieren noch durch Nachdenken davon abgehalten wurdenDinge, womit ich die meiste Zeit zubrachte, die mir von meinen ordentlichen Amtsgeschäften übrigblieb.

Ich würde den drückenden Mangel noch gern ertragen haben, weil ich mich von Jugend auf gewöhnt hatte, wenig zu bedürfen. Aber ich hatte mich in ein junges, schönes und verständiges Frauenzimmer verliebt, die nicht das geringste Vermögen besass. Die grösste Glückseligkeit meines Lebens hing von dieser Verbindung ab, welche bei meinem geringen Einkommen unmöglich schien. Bloss um dies Hindernis zu heben, wünschte ich eine Verbesserung meiner Umstände, aber mit dem Verluste der Freundschaft des Superintendenten war alle Hoffnung dazu in meiner jetzigen Lage verschwunden. Ich hätte mir nicht zu raten gewusst, wenn mir nicht mein Freund, der junge Offizier, eine einträgliche Pfarre in einem benachbarten Fürstentume verschafft hätte.

Ich nahm sie ohne Bedenken an. Während des Gnadenjahres heiratete ich meine Braut und träumte von weiter nichts als von Glück und Vergnügen, indes an dem Orte meines künftigen Aufentaltes sich ein Wetter wider mich zusammenzog. Ein anderer Prediger hatte sich grosse Hoffnung zu meiner Stelle gemacht und konnte mir nicht verzeihen, dass alle seine Bewerbungen fruchtlos gewesen waren. Er breitete grässliche Gerüchte von meiner Heterodoxie aus und berief sich auf mein gedrucktes Buch, wo sie schwarz auf weiss zu lesen stände. Die Schneider und die Schornsteinfeger in meiner Diözese lasen eine philosophische Abhandlung, die nicht für sie geschrieben war, und fanden Ketzerei über Ketzerei darin.

Als ich also mein Amt antreten wollte, fand ich meine ganze Gemeinde wider mich eingenommen; die Leute auf der Gasse gafften mich als ein Wundertier an und drängten sich vor mein Haus, um den neuangekommenen Ketzer zu sehen. Zugleich erfuhr ich alsdann erst, dass in diesem Fürstentume ein paar symbolische Bücher mehr als in jenem andern müssten beschworen werden und dass die Prediger in dieser Stadt sich auf eine besondere Formulam committendi voll abgeschmackter Schuldistinktionen müssten verpflichten lassen, in welche noch (weil mein Gegner bei Leuten von Ansehen ebensowenig müssig gewesen war als bei dem Pöbel) wider meine besondere Ketzereien drei spitzfindige und verfängliche Klauseln wären einverleibt worden, die ich zu unterschreiben hätte, ehe ich mein Amt anträte.

Ich war wie vom Blitze gerührt. Es war sehr hart, etwas zu beschwören und zu unterschreiben, das ich nicht glaubte; und gleichwohl, wenn ich es nicht tat, brachte ich mich selbst an den Bettelstab und stürzte meine Frau ins äusserste Elend, die seit einigen Monaten schwanger war und die ich wie meine Seele liebte.

Mein Entschluss musste kurz gefasst werden, denn man hielt auf mich, ob ich mich weigern würde. Ich war in der ängstlichsten Verlegenheit, welche ich aus Zärtlichkeit meiner geliebten Gattin zu verbergen suchte. Ich ging den folgenden Morgen mit Aufgange der Sonne zum Tore hinaus, um meinen Gedanken nachzuhängen, und folgte der Landstrasse, die mich an einen Wald führte. In demselben hatte ich eine Zeitlang herumgeirret, als mir unvermutet ein hagerer, blasser Mensch entgegenlief, dem die Verzweiflung an der Stirn geschrieben war. Er hielt mir einen starken Knüttel vors Gesicht und forderte mit einem schrecklichen Fluche mein Geld oder mein Leben.