nicht widersprechen durfte. Ich konnte mir also nicht merken lassen, dass Sammlereien und Klassifikationstabellen, wie er sie liebte, für mich sehr wenig Reiz hatten, sonderlich wenn dabei bloss die Augen und das Gedächtnis, keineswegs aber der Verstand beschäftigt ist. Hingegen musste ich geduldig zuhören, wenn er mir als eine väterliche Weisung einprägte, dass Spekulation den Geist nicht bessere, dass man bei tiefsinnigen Untersuchungen über Raum und Zeit ein Deist bleiben könne, dass hingegen durch Walpurgers 'Kosmoteologische Betrachtungen'33 schon mancher Freigeist bekehret worden sei. Er stichelte mit solchen Worten zugleich auf den Umgang, den ich mit einem jungen Offizier angefangen hatte, einem Jünglinge von guten Gaben und guten Gesinnungen, der, obgleich ein wackerer Soldat, gleichwohl die Wissenschaften liebte und sich, gleich mir, gern mit philosophischen und moralischen Untersuchungen beschäftigte. Dieser Umgang hatte auf keine Weise den Beifall des Superintendenten; denn weil ihm ein sehr hoher Begriff von der Würde des geistlichen Standes beiwohnte, so wollte er, dass ein Geistlicher nur mit seinen Amtsbrüdern oder mit andern alten ernstaften, angesehenen Männern umgehen sollte. Er verlangte, jeder Schritt eines Geistlichen solle verraten, dass er zu den Lehrern des menschlichen Geschlechts gehöre; er verlangte, dass er vor allem vermeiden solle, sich auf irgendeine Art zu kompromittieren; dass er sich beständig bedächtig anstellen und sogar auf der Strasse langsamer gehen solle als die Laien. Ich war freilich anderer Meinung. Ich bildete mir ein, es wäre sehr nützlich, wenn ein Geistlicher sich im Umgange nicht auf Personen seines Standes einschränke, sondern auch öfters mit Weltleuten umginge; ich glaubte, er würde dadurch ein gewisses steifes Wesen ablegen, das man von der Universität und aus dem Kandidatenstande mitbringt; er würde, wenn er die mannigfaltigen Einsichten und Verdienste von Personen anderer Stände oft vor Augen hätte, sich den Lehrerton abgewöhnen, der bei verständigen Leuten den Prediger nie ehrwürdiger macht, oft aber wohl zur Zurückhaltung und zum Kaltsinne Anlass gibt; er würde, wenn er sich der Sitten, der Beschäftigungen, der Vergnügungen anderer Menschen nicht schämte, weit eher ihr Zutrauen erhalten, würde sie genauer kennen und folglich auch ihren Gemütszustand besser beurteilen lernen, als wenn er bloss mit Leuten umginge, die mit ihm aus ebendem steifen Kompendium der teologischen Moral räsonieren, worin nicht selten Dinge als ausgemachte Wahrheiten behauptet werden, die oft ein einziger blick in die natur des Menschen und in den Lauf der Welt widerlegt.
Dies waren die Vorteile, die ich mir von der Freundschaft mit dem jungen Offiziere versprach und von den ausgesuchten Gesellschaften, in die er mich zuweilen führte. Indessen brachte dieser mein sogenannter weltlicher Umgang mir bei dem Superintendenten grossen Nachteil. Sowie ich den Zirkel überschritt, den er mir angewiesen hatte, ward er gegen mich kälter und feierlicher, und sowenig er sich gegen mich deutlich erklärte, konnte ich doch merken, dass seine Zuneignug abgenommen hatte.
Mein Unstern trieb mich endlich, ein Buch zu schreiben, worin ich mich über gewisse dogmatische und moralische Materien freimütig erklärte, worüber ich lange und reiflich nachgedacht hatte. Dies machte im Städtchen aufsehen. Weder der Superintendent noch meine übrigen Kollegen nebst ihren Vorfahren seit drei Generationen hatten jemal ein Buch geschrieben. Man hielt mich also für naseweis, dass ich, der jüngste Diakon, hierin eine Neuerung machte. Selbst der Superintendent billigte diesen Schritt nicht, besonders war ihm die dreiste Art sehr missfällig, womit ich verjährte Vorurteile angegriffen hatte. Vergebens erinnerte ich ihn, dass dieses zum Teile ebendie Sätze wären, die ich aus seinem eigenen mund gehört hatte und über deren Richtigkeit wir in unsern Unterredungen übereingekommen wären.
'Das war ganz etwas anders', versetzte er etwas erhitzt. 'Dergleichen Sachen kann man wohl unter vier Augen untersuchen, aber man muss sie nicht öffentlich sagen. Und Sie am wenigsten, als ein Prediger, hätten sich hierüber so positiv erklären sollen. Wir müssen uns dem Urteile des gemeinen Haufens nicht blossstellen; er erschrickt über ungewohnte Wahrheiten, und wir verlieren das Zutrauen, das wir zu seiner Besserung anwenden könnten. Wenn ein Prediger Zweifel über dogmatische Sätze hat, so ist's am besten, dass er sie ganz verschweige; aufs höchste kann er lateinisch darüber schreiben, für gelehrte Teologen, die davon so viel in die Welt können kommen lassen, als sie nötig finden.'
Vergebens stellte ich ihm vor, wie nötig es sei, den grossen Haufen über gewisse Wahrheiten zu belehren; vergebens bemerkte ich, dass viele Zweifel deshalb nicht unbekannt blieben, wenn auch die Gottesgelehrten davon schwiegen, indem sie den sogenannten Weltleuten aus andern Büchern und durch Unterhaltungen mit denkenden Köpfen schon längst bekannt und ebendarum näher beleuchtet und erörtert werden müssten, damit ihre wirkung nicht noch nachteiliger werden möge. Ich ging noch weiter; ich wollte ihm zeigen, dass ich aus nötiger Klugheit noch verschiedene Gedanken verschwiegen hätte, die ich öffentlich bekanntzumachen noch nicht für ratsam hielte. Ich entdeckte ihm einige, sie gefielen ihm nicht, er wollte mich widerlegen, ich suchte mich zu verteidigen, und was das schlimmste war, ich hatte recht. Er ward hitzig, nahm ein saures Amtsgesicht an, tat einen Machtspruch und brach das Gespräch ab.
Der gute alte Mann sah es zwar ganz gern, wenn andere insoweit frei dachten, als er sich selbst das Ziel gesteckt hatte; aber denjenigen, der nur einen Schritt weiter gehen wollte, verachtete und hasste er noch mehr als den, der alles beim alten liess. Er hat es mir nachher