gar kurzer Zeit in den Stand gesetzt, seinem Wohltäter und vertrauten Freunde nicht ferner beschwerlich zu fallen, ob er gleich fortfuhr, bei ihm zu wohnen.
Es waren schon ein paar Monate in Zufriedenheit und ohne merkwürdige Vorfälle verflossen, als eines Tages dem Sebaldus von einem gewissen Herrn F. einige Musikalien zum Abschreiben zugeschickt wurden. Er ward auf diesen Namen sehr aufmerksam, weil er glaubte, ihn irgendwo gehört zu haben. Nach näherer Erkundigung erfuhr er, dass dieser Mann bei einem Grafen Hofmeister gewesen, von dem er noch eine ansehnliche Pension erhalte. Nun besann er sich, dass das Rekommandationsschreiben des Majors in Leipzig an einen Mann dieses Namens gerichtet gewesen wäre, an welches er, seitdem es verloren war, nie gedacht hatte. Um diesen Mann näher kennenzulernen, überbrachte er seine Abschriften selbst, gab sich zu erkennen und ward von Herrn F. mit der grössten Freundschaft aufgenommen. Noch mehr, er erfuhr von ihm, dass der Major, durch Wunden zum Dienste untüchtig, in Berlin von einem Gnadengehalte lebe.
Er sah denselben noch an ebendem Tage in Gesellschaft des Herrn F. und ward von ihm mit herzlichem Händedrucke empfangen. Der Major biss die Zähne zusammen, als er hörte, wie treulos Stauzius nach dem Abmarsche des Obersten gegen seinen Freund gehandelt habe, und erbot sich auf die treuherzigste Weise, ihm durch Vorsprache noch eine Feldpredigerstelle zu verschaffen, bis dahin aber sein Gehalt mit ihm zu teilen. Sebaldus, obgleich über diese grossmütigen Anträge gerührt, verbat sie doch. Das unabhängige Leben fing an, ihm zu gefallen, und gewohnt, wenig zu bedürfen, erwarb er mit seiner Arbeit mehr, als er zu seinem Unterhalte nötig hatte.
Mit Mühe liess er sich bereden, bei dem Herrn F eine bequemere wohnung einzunehmen und desselben Tischgenosse zu werden, weil derselbe, seitdem er Witwer war und seine Kinder verloren hatte, in der Einsamkeit einen Gesellschafter zu haben wünschte.
Sechster Abschnitt
Einsmal, nach dem Mittagsessen, verlangte Herr F. vom Sebaldus die ausführliche Erzählung seiner Schicksale. Als sie geendigt war, gingen sie, weil es einer von den schönen Herbsttagen war, die unter diesem Himmelsstriche oft den Sommertagen weit vorzuziehen sind, nach dem Weidendamme. Sebaldus war über die Schönheit dieses Spaziergangs entzückt. Mitten in einer bewohnten weitläufigen Stadt erblickte er eine grosse grünende Wiese, umkränzt mit Weiden, hoch und belaubt, wie sonst nur Ulmen und Linden zu sein pflegen32; dieser ländlichen Szene gegenüber Gärten und Gartenhäuser, Werke der Kunst, ohne Pracht, aber anmutig, und zwischen beiden Aussichten den Spreestrom, von Schwänen bewohnt. Er genoss ganz das Vergnügen des reizenden Anblicks; er wollte es seinem Gesellschafter mitteilen, aber nun ward er erst gewahr, dass derselbe in tiefen Gedanken einherging und, anstatt auf seine Ausrufungen zu antworten, einigemal tief seufzte.
"Was fehlt Ihnen?" fragte ihn Sebaldus. "Sie scheinen ganz tiefsinnig zu sein."
"Ihre geschichte", antwortete Herr F., "bringt mir das ganze finstere Gemälde der Intoleranz und der Priestergewalt lebhaft wieder zu Gemüte. Ich bin selbst ein Opfer derselben gewesen. Ich habe erfahren, was es heisse, seine gesunde Vernunft unter den Gehorsam vorgeschriebener symbolischer Bücher gefangenzunehmen; ich habe erfahren, welchen bequemen Vorwand solche Vorschriften herrschsüchtigen und eigennützigen Geistlichen darbieten, um ihre Absichten in der Stille auszuführen; ich habe erfahren, wie bitter der Hass ist, den sie augenblicklich gegen jeden erregen, den sie einer Abweichung zeihen können. Und das wird ihnen leicht, solange sie das Volk in der Meinung zu erhalten wissen, dass solche Vorschriften unwiderruflich feststehen bleiben müssen."
Sebaldus war begierig, diese geschichte zu hören, und Herr F. erzählte sie folgendermassen:
"Ich war in meinen jüngern Jahren dritter Diakon an der Kirche einer Stadt eines kleinen Fürstentums. Ich lebte vergnügt, ich hatte Freunde. Der Superintendent war ein ganz feiner Mann, auch nicht fremd in verschiedenen Arten der Gelehrsamkeit. Wir unterredeten uns oft von Verbesserung der Mängel der Religion, denn ob er gleich nichts dazu beizutragen Lust hatte, so mochte er doch gern unter vier Augen davon sprechen. Er freute sich, dass ich selbst dächte. Ich durfte ihm meine Zweifel vortragen; und da ich oft mit seinen Beantwortungen zufrieden war, gewann er mich lieb. Die Hauptneigung dieses alten Mannes war die Naturgeschichte, und zwar hauptsächlich die Nomenklatur und Klassifikation derselben, welches nun freilich eben nicht meine Neigung war. Er wollte mich belohnen, indem er mich zum Mitgliede einer Gesellschaft aufnehmen liess, welche er mit dem Bürgermeister, dem Konrektor und dem Apoteker errichtet hatte. Diese sammelten Insekten, Vögel, Steine, Versteinerungen, Mineralien, tauschten mit benachbarten Liebhabern, brachten Kabinette zusammen, ordneten sie bald nach diesem, bald nach jenem Systeme, lasen sich lange Abhandlungen darüber vor, wozu der Superintendent die Teologie lieh und keinen Insektenflügel, keine Vogelklaue oder Quarzdruse ohne erbauliche Nutzanwendung liess. Dies war alles ganz gut, nur für mich ein wenig langweilig. Ich fing also nach einiger Zeit an, seltener in die Gesellschaft zu kommen, und vermied, soviel ich konnte, auf die Insektenjagd zu gehen. Hierüber bekam ich einen Verweis vom Superintendenten, denn so freundschaftlich er war, hatte er doch den kleinen Fehler, dass er sich derer ganz bemächtigte, die er in Affektion genommen hatte. Er ordnete ihre Studien an, er bestellte ihr Hauswesen, er erdachte Vergnügungen für sie und hatte für alles weise Gründe anzuführen, denen man