sass, sehr bald seine geschichte ab und erfuhr auch von ihm seine Neigung zur Apokalypse, der er den lautesten Beifall zu geben schien, indes seine gefährten im inneren mund lachten. Er bedauerte nun mit scheinheiliger Miene den Sebaldus wegen seiner vielen erlittenen Unglücksfälle und fragte ihn, wie er sie habe so geduldig ertragen können.
"Unvermeidliches Unglück zu ertragen wird dem leicht, der die Hoffnung jenes Lebens ..."
Hier konnte sich einer der Gäste, der dem Sebaldus gegenübersass und ihn schon lange, den Kopf auf beide Ellenbogen gestützt, angegafft hatte, nicht länger halten, sondern schlug über jenes Leben eine laute Lache auf.
"Du alter Narr", rief er, "du wirst ebensowohl in Nichts verwandelt werden als ich und wir alle, drum lass uns noch eins trinken. Denn" (er sang)
"Unser Leben währet kurz,
Es vergeht geschwinde."
Hiermit schenkte er ein volles Glas ein und brachte es dem Sebaldus. "Da, trink mit, auf der babylonischen Hure Gesundheit!" Alle vier brachen in ein Pferdegelächter aus; und Sebaldus, der jetzt erst merkte, in was für Gesellschaft er war, liess sich durch kein Zureden aufhalten, sondern eilte zur tür hinaus und schöpfte nicht eher wieder frische Luft, bis er auf der Strasse war.
Er empfand den ehrlichen Unwillen eines verständigen Mannes, wenn er merkt, dass er einer Gesellschaft von Narren zum Schauspiele dienen soll. Hiezu kam die Bekümmernis über seine nun mehrmals fehlgeschlagene Hoffnung, sich die ersten Bedürfnisse des Lebens zu schaffen.
Er wollte eben in laute Klagen ausbrechen, als ihm sein gewesener Reisegefährte begegnete. Dieser war in einen guten tuchenen Rock gekleidet, ging mit nieder- geschlagenen Augen ernstaft einher, in Gesellschaft eines braunen, von der Sonne verbrannten Menschen von widriger Miene, der in Reisekleidern und mit einem Hirschfänger umgürtet war. Er würde den Sebaldus nicht angesehen haben, wenn dieser ihn nicht bei der Hand genommen und ihn also angeredet hätte:
"Ach! Sie haben wohl recht, dass in dieser Stadt alle christliche Liebe erloschen ist. Aus den Häusern weiset man mich weg, und auf der Strasse bin ich unter hundert Menschen, die bei mir vorbei ihren Vergnügungen oder Geschäften nacheilen, ebenso einsam als in einer Wüste. Der Tag fängt an sich zu neigen, und ich weiss noch nicht, wo ich ein Obdach finden soll. grosser Gott, was soll aus mir werden?"
"Ja freilich", sagte der Pietist, "wo die seligmachende Gnade nicht ist, da ist keine Liebe, aber ein Christ muss doch nicht verzagen. Wissen Sie was, wenn es dunkler wird, so gesellen Sie sich zu den Nachtwächtern und gehen mit ihnen auf eine Hauptwache, da können Sie schlafen. Morgen früh wird sich wohl etwas finden. Leben Sie wohl, ich muss eilen."
Sebaldus wollte ihn noch aufhalten, aber er riss sich los; denn er sollte einem jungen Herrn noch heute unverzüglich Geld verschaffen, und das Pfand war sehr sicher.
Sebaldus, von aller Hilfe verlassen, irrte noch einige Stunden fast ohne Besinnung auf den Strassen herum. Er hatte seit dem frühen Morgen noch nichts gegessen, war äusserst ermüdet von der Reise, sein Herz vom Gram zerrissen; seine Glieder ermatteten, alle Hoffnung verliess ihn, und er sank, als es jetzt dunkler ward, beinahe ohne es selbst zu wissen, unter dem Bogengange der Stechbahn in einen Winkel trostlos nieder. Hier lag er unter den traurigsten Betrachtungen. Bald fiel ihm die Harterzigkeit des Stauzius und des Präsidenten ein, die ihm in seinem vaterland nicht einmal die Luft gegönnet hatten, bald ging ihm die Gleichgültigkeit der Einwohner Berlins ans Herz, die auf das Elend eines Nebenmenschen so wenig achtatten. Die Standhaftigkeit, die ihm sonst sein ruhiges Temperament gewährte, hatte ihn ganz verlassen. Er stiess laute Seufzer und die bittersten Klagen aus. Er erregte dadurch die Aufmerksamkeit vieler Vorübergehenden, die von Gastereien oder Spaziergängen zurückkamen. Einige sagten: "Da liegt ein Mensch!", andere: "Was muss das für ein Mensch sein?", andere warfen ihm ein paar Dreier zu, die einen Mann, dessen Gesinnungen das Elend noch nicht ganz hatte erniedrigen können, demütigten, ohne ihm zu helfen.
Endlich, da es schon ganz dunkel war, ging ein Mann mit einer Laterne in der Hand vorüber, eben als Sebaldus einen tiefen Seufzer ausstiess und in unzusammenhangende Klagen ausbrach. Der Mann leuchtete ihm mit der Laterne gerade ins Gesicht und fragte, was er begehre.
"Ha", sagte Sebaldus mit starren Augen, "ich möchte wohl einen mitleidigen Menschen sehen, denn in dieser Stadt kann eine menschliche Kreatur auf der Strasse verschmachten, indes in allen Häusern Wohlleben und Freude herrschet."
Der Vorübergehende fragte weiter und erfuhr in wenig Worten, wer Sebaldus sei und die fehlgeschlagenen Versuche dieses Tages.
"Sie haben sich, mein Freund", sagte der Mann mit der Laterne lächelnd, "nur an allzu reiche Leute gewendet. Ein wohlhabender Mann kennt das wahre Bedürfnis eines Unglücklichen nicht recht, wirft ihm aufs höchste einen Dreier oder Pfennig zu und geht weg. Königen können am besten Könige und Armen am besten arme helfen. Stehen Sie auf!" Er hob ihn auf und führte ihn mit sich.
Dieser Mann war Schulmeister in einer von den Freischulen für arme Kinder, die eine rechtschaffne Patriotin31 aus Liebe zu guten Handlungen zuerst angelegt hat und die bisher durch