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der Liebe gehört habe. "Es ist mein Sohn", rief er freudig aus, "treten Sie doch näher, mein lieber Herr", und damit führte er ihn in die stube.

Sebaldus fand den Kandidaten unter den Händen seiner über die erste Predigt ihres Sohnes noch entzückten Mutter, die ihm eben einen leichten Schlafrock angezogen und eine weisse Mütze aufgesetzt hatte und noch beschäftigt war, ihm den gelehrten Schweiss von der Stirne zu wischen.

Sebaldus redete ihn an: Seine Predigt mache ihm Mut, sich bei seiner jetzigen Verlegenheit an ihn zu wenden. Er sei selbst ein Prediger, obgleich seines Amts entsetzt. Er habe zweimal durch Räuber seinen letzten heller nebst seinen Empfehlungsbriefen verloren. Er bitte ihn nur um Obdach und um guten Rat, wie er notdürftig sein Brot verdienen könne.

Der Kandidat fragte ihn mit sehr weiser Miene: Warum er sei entsetzet worden?

Sebaldus glaubte, dem Berichte seines gewesenen Reisegefährten zufolge, er werde sich am besten empfehlen, wenn er sich als einen Heterodoxen angebe. Er gestand also ohne Umstände, dass er wegen Abweichungen von den symbolischen Büchern sein Amt verloren habe.

"Abweichungen!" rief der alte Krämer. "Oh, wenn Sie doch das schöne Büchlein gelesen hätten, das wir neulich hier hatten. Fritz, wo war's doch gedruckt, in Nürnberg, oder in Jena? Da würden Sie haben lesen können, wie der liebe Mann die Abweicher abführt, 's ist' n gelehrter Mann, wahrlich' n gelehrter Mann, er würde Sie verachten, wenn er Sie kennte. Der Mann hält was auf Ortodoxie."

Er hätte noch weit mehr geplaudert, aber der Kandidat, der es ungern sah, dass sein ungelehrter Vater geschwinder antworten wollte als er, rief mit patetischer stimme: "Es tut mir sehr leid, dass Sie nicht besser auf die symbolischen Bücher gehalten haben. Hierzulande schwören wir leider zwar nicht darauf, sie sind aber doch ein Pactum, und pacta sunt servanda. – Und worin", fuhr er mit aufgeworfenem Unterkinne fort, "worin fanden Sie denn für so nötig, von den symbolischen Büchern abzugehen?"

Sebaldus, etwas kleinlaut, antwortete: "In der Lehre von der Ewigkeit der Höllenstrafen."

Der Kandidat schlug seine hände über seine weisse Mütze zusammen und rief aus: "Wie ist es möglich, dass jemand an einer so göttlichen Lehre zweifeln kann? Haben Sie denn den ersten teil meiner Predigt nicht gehört?"

"Nein", sagte Sebaldus, "weil ich erst gegen das Ende derselben kam."

"Das tut mir leid", sagte der Kandidat, "denn ich habe darin bewiesen, die wahre christliche Liebe erfordere, dass man alle diejenigen, welche nicht den wahren evangelischen, seligmachenden Glauben haben, durch alle nur mögliche Mittel zu demselben zurückzubringen suche, eben deshalb, damit man ihre Seelen rette und sie nicht ewig verdammet würden."

Er würde seine ganze Predigt wiederholt haben, wenn nicht der Vater in grossem Eifer aufgefahren wäre: "Wie, keine ewige Höllenstrafen? Das wäre schön, wenn mein Nachbar an der Ecke gegenüber nicht sollte ewig verdammt werden! Er, der das Predigtamt verachtet, der in gar keine Kirche gehet, der mir einen Prozess an den Hals geworfen, der ihn gewonnen hat, der gottlose Mann, der Ateist, der Separatist!"

Sebaldus wollte sich verteidigen; aber der Krämer nahm ihn beim arme und schob ihn höflich zur tür hinaus.

Sebaldus war sehr betreten, weil er aber sah, wie äusserst notwendig es sei, sich an irgend jemand zu wenden, so ging er zum Nachbar gegenüber, von dem er bessere Gesinnungen hoffte, weil er nicht so ortodox sein sollte als der Krämer.

Er fand einen Mann von blassem, sanftmütigem Ansehen in einem simpeln grauen Rocke und einer baumwollenen Perücke an seinem Pulte sitzend, der einen Posten in sein Hauptbuch trug.

Sebaldus erzählte ihm, was in des Nachbars haus vorgefallen war, und wiederholte seine Bitte um einen guten Rat.

Der Separatist sagte mit schwacher und sanfter stimme: "Ich wundere mich nicht über meines Nachbars unchristliche Rede, denn er hat den Geist nicht, der das Leben gibt. Freilich sind die symbolischen Bücher eine Erfindung des Teufels, so wie der ganze geistliche Stand. Ein jeder wahrer Christ ist ein Hoherpriester. Die Geistlichen haben die Welt von jeher verführt; und da Er, mein Freund, von dem stand ist, so gehe Er in Gottes Namen, wohin Er will, ich habe nichts mit Ihm zu schaffen."

Sebaldus klopfte noch an einigen Türen an, wo man ihn als einen gemeinen Bettler abwies.

Endlich geriet er in ein Gelag, wo vier lockere Brüder zwischen acht Flaschen sassen und sämtlich vom Weine glüheten. Sie hatten schon dreimal ihren gewöhnlichen Zirkel von schlüpfrigen Wortspielen und abgeschmackten Spöttereien durchgegangen, hatten schon dreimal sich gekitzelt, über das zu lachen, was nicht lächerlich ist, und waren eben im Begriffe, trotz der Dünste des Weins, womit sie ihre hirnlosen Köpfe anfeuerten, in ein allgemeines Gähnen zu geraten. Der Zufall führte ihnen den Sebaldus zu, dem sie gleich ansahen, dass er sehr leicht aufzuzäumen sein würde. Der Witzigste unter ihnen, nachdem er den andern einen Wink gegeben hatte, nahm den Sebaldus, der eben wieder aus der tür zurücktreten wollte, mit freundlicher Miene bei der Hand, liess ihn niedersitzen und fragte dem guten mann, dessen Herz gewöhnlicherweise auf seiner Zunge