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, aber das Bier war sauer." Und damit ging er fort. Der umstehende Pöbel schlug ein Gelächter auf und verliess unsre Reisenden. Der Pietist verstummte.

Die Entusiasten pflegen in der Hitze ihres Eifers gewöhnlicherweise einen Kotregen und allenfalls auch einige Faustschläge nicht zu achten, wenn es ihnen nur gelingt, Aufmerksamkeit zu erregen. Werden sie aber trocknerweise ausgelacht und niemand bleibt bei ihnen stehen, so kühlet sich der Eifer ab, und sie begnügen sich allenfalls, zwischen den Zähnen murmelnd, die dem Worte ungehorsamen Weltkinder dem Teufel zu übergeben.

So war es auch hier. Der Pietist schwieg mürrisch still, und Sebaldus, da sie indes ins Tor traten und Unter den Linden fortgingen, genoss die Schönheit dieser Allee, sog den Blütenduft ein und freute sich über die fröhlichen Gesichter, die ihm allentalben entgegenkamen.

Sie gingen einige Strassen stillschweigend fort und bei einer Kirche vorbei, worin sie noch predigen hörten.

"Siehe da", rief der Pietist aus, "wie leer der Weg zum Gotteshause ist, und wie angefüllt war der Weg zu den Häusern des Teufels! Oh, wie ist doch alle Gottesfurcht, alle Liebe zum Heilande in dieser grossen Stadt ganz ausgetilget! Wie wandelt doch jedermann im Pfade der Ruchlosigkeit, läuft dem Teufel gerade in den Rachen und stürzt sich in das ewige Verderben!"

Sebaldus schaute ungeduldig einigemal rechts und links um sich.

"O Stadt", fuhr der Pietist fort, "die du bist wie Sodom und Gomorrha, wie bald wird Gott seinen feurigen Schwefelregen über dich ergiessen! Und dies wäre schon lange geschehen, wenn nicht wenige Gerechte noch in dir wären, um derentwillen dich der Herr schonet! Ja, mein Freund!" (Hier fing er an zu weinen.) "Es gibt hier einige erwählte Seelen, die bis über den Kopf in den Wunden des Lammes sitzen, die zu einem Pünktlein, zu einem Stäublein, zu einem Nichts geworden sind und sich nur in das blutige Lamm verliebt haben, diese halten noch die verworfene Stadt, dass sie nicht fällt."

Indem er dieses sagte, blieb er plötzlich an einer Ecke stehen, zog des Sebaldus alten Überrock aus und gab ihn zurück. Sebaldus bat ihn, denselben so lange zu behalten, als er ihn brauchte. "Nein", sagte er, "ich trete nunmehr bei einem lieben Bruder ab. Wie wird dem sein, wenn er an meiner Nackteit siehet, was ich um des Heilandes willen gelitten habe! Er wird dann tun, soviel ihn der Heiland heisst." Hier drückte er dem Sebaldus die Hand, wünschte ihm den Segen des Herrn, verliess ihn, klopfte an ein vierzig Schritte davon entferntes grosses, wohlgebautes Haus und ging, nachdem es geöffnet worden, hinein.

Sebaldus stand noch an der Ecke mit dem Überrokke auf dem arme, und nachdem er denselben angezogen hatte, befand er sich an einem sehr heissen Nachmittage nichts besser. Er ging voller Gedanken die Strasse wieder herunter, die er gekommen war, und da er an die Kirche kam, so trat er hinein, weil er nichts Bessers zu tun wusste.

Er fand die Kirche wider Vermuten so gestopft voll, dass es ihm einige Mühe kostete, sich bis dahin durchzudrängen, wo er den Prediger deutlich verstehen konnte. Dies war ein junger Kandidat voll zierlichen Anstandes, der eine erbauliche Rede von der wahren christlichen Liebe beinahe zu Ende gebracht hatte und jetzt eben bei der Nutzanwendung war. Das Herz des guten Sebaldus erweiterte sich wieder, da er die vielen schönen Lehren des Predigers und die Aufmerksamkeit der zahlreichen Zuhörer betrachtete; und die finstere Vorstellung von Berlin, welche seines Reisegefährten Bericht bei ihm verursacht hatte, fing an, in seinem geist sich etwas aufzuheitern.

Vierter Abschnitt

Indes war der Gottesdienst geendigt. Alle Zuhörer verliessen die Kirche, und Sebaldus mit ihnen. Nun fiel ihm wieder ein, dass er nicht wusste, wohin er gehen sollte, indem er keinen Pfennig in seiner tasche hatte und in dieser weitläufigen Stadt ganz unbekannt war.

Er begann darüber verschiedene traurige Betrachtungen zu machen, als eben der Kandidat vorüberging, welcher gepredigt hatte. Sein volles und rundes Gesicht, auf welchem die frühe Jugend blühte, war in eine weissgepuderte, in sanften Locken herabwallende Perücke gehüllt. Er dankte mit süsser, selbstgefälliger Miene und mit langsamem Kopfneigen rechts und links den gemeinen Leuten, die seinen steifgestärkten Kragen und den auf seinem rücken schwimmenden Mantel grüssten, den er zuweilen mit der linken Hand zierlich aufnahm, indes er, mit dem hut in der rechten Hand, den Laien für ihren Gruss eine Art von Segen zu erteilen schien.

Er trat in ein nicht weit entlegenes Haus, und in Sebaldus' geist stieg plötzlich der gute Gedanke oder, nach gelehrter Exegese zu reden, die Offenbarung auf, dass er sich in seiner gegenwärtigen Bekümmernis am besten an den Jüngling wenden könnte, welcher so fein von der christlichen Liebe gepredigt hatte. Er klopfte also an die tür an.

Diese öffnete ein ältlicher Mann, wie sich nachher auswies, der Vater des Kandidaten, ein ehrlicher, guter Krämer, der in den Abendstunden und Sonntagsnachmittagen gern Erbauungsschriften las, die er nicht ganz verstand. Er war daher in des hochtrabenden Ömler, in des mystischen Trescho, in des wortreichen Tiede Schriften sehr belesen und galt deshalb bei seinen Nachbarn für einen gelehrten Mann.

Das Herz hüpfte dem ehrlichen Krämer, als Sebaldus nach dem Prediger fragte, von welchem er eben die schöne Predigt von