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neben ihnen der dichtere Wald, wo einsam der sokratische Ahorn wächst und die Pappel und der Masholder, wo die weit sich ausbreitende buch ihre gestreckten Äste wiegt und der Tannenfichten schlanke und gerade Stämme ihre erhabene Krone einzeln himmelan strecken. Der frische Geruch des Nadelholzes, vom Regen ausgelockt, und balsamische Lindenblüte erquickten die Wanderer; die Aussicht begrenzte der benachbarte Spreestrom und die aufgespannten Segel der auf ihm hinabgleitenden Schiffe.

So kamen sie endlich gegen drei Uhr auf den Platz bei den Zelten, den gewöhnlich sonntags nachmittags eine Menge Spaziergänger anfüllt. Zwar war noch nicht die modische sechste Stunde da, welche in dem Zirkel des Tiergartens die schöne Welt zusammenbringt, um zu sehen und gesehen zu werden. Die Exzellenzen und die gnädigen Damen hatten sich eben zur Tafel gesetzt. Die Kenner im Essen kaueten noch an den reichgewürzten Frikasseen, schmeckten die zusammenkonzentrierten Säfte der feinen Ragouts in Schüsseln, mit Asa foetida gerieben, und zogen im voraus das Fumet des raren Wildes in sich, das ihrer Zähne wartete. Die reichen Kapitalisten waren eben vom Burgunder und sechsundzwanziger Rheinweine gesättigt und begannen, den Peter Semeins, Syrakuser, Rivesaltes und Capwein beim Desserte aus kleinen Gläsern zu schlürfen. Die schönen Damen bürgerliches Standes schickten sich an, zu Kaffeevisiten zu fahren, und ordneten die geschichte des Tages, so wie sie zu erzählen wäre, in ihrem kopf zusammen; und die französische Kolonie war noch in der Vesperpredigt.

Kurz, es war drei Uhr und also von der schönen Welt noch wenig zu sehen; hingegen wimmelte der Platz von den glücklichen Söhnen der Erde, welche alle Sorgen der Woche am Sonntage völlig vergessen und sich und ihr Leben bei einem Spaziergange und bei einem geringen Labetrunke herzlich geniessen. Arbeiter auf Weberstühlen und in Schmiedeessen füllten die Zelte an und liessen ihren Groschen unter lautem Gelächter aufgehen oder steckten ernstaftiglich über das gemeine Beste ihre Köpfe zusammen, weissagten neue Auflagen und fällten Urteile über Gerüchte von bevorstehenden Kriegen.

Der Zirkel, der nach drei Stunden der Schauplatz der Schönen vornehmen Standes sein sollte, war jetzt im Besitze des gemeinen Mannes, im besten Anputze und voll fröhlichen Mutes. Da war mancher gesunder Jüngling im neugewendeten Rocke und mit goldner Troddel am hut köstlich geputzt, neben ihm in silberbebrämter Mütze seine rotbäckige Liebste, die zur Feier dieses ihm längst versprochenen Spazierganges ihre sämtlichen sechs Röcke übereinandergezogen und die neuen kalmankenen Schuhe nicht vergessen hatte. Hinter ihnen, das Bild der ehelichen Verträglichkeit, ein ehrlicher Handwerksmann, der seinen jüngsten Knaben im langen Rocke auf dem arme trug, indes die Mutter ihres Mannes Stock in der rechten Hand führte, zur Linken ihre fünfzehnjährige Tochter in der Schönheit der Jugend, mit niedergeschlagenen Augen, unter der emporstehenden Haube sanft hervorblickend. Die grosse Allee von der Stadt her war bedeckt von Spaziergängern zu fuss und zu Pferde, und einige Wagen brachten bis ans Tor wohlbeleibte Tanten und bürgerlich erzogene Nichten, die nur die Reize eines angenehmen Spazierganges suchten und auf wohlfrisierte Köpfe und Aufsätze nach der neusten Mode achtzuhaben nicht waren gewöhnt worden.

Sebaldus' Stirn erheiterte sich bei dem Anblicke so vieler vergnügten Leute. Des Pietisten Stirn aber runzelte sich vor geistlichem Verdrusse. "Siehe da", rief er aus, "siehe da, die Kinder Belials, wie sie den Lüsten des Fleisches nachziehen! Wie sie den Weg der Sünden gehen, reiten und fahren! Immer gerade in den höllischen Schwefelpfuhl hinein!"

"Behüte Gott!" sagte Sebaldus. "Ich finde nichts Sündliches darin, dass diese Leute den herrlichen Tag geniessen, den uns Gott gibt; soweit ich sehen kann, ist ihr Vergnügen sehr unschuldig."

"Oh, wie sündlich", sagte der Pietist mit entflammten Augen, "das ist eben des Teufels Lockspeise, wenn er uns mit dem weltlichen Vergnügen ankörnen kann. Ein recht echtes Gnadenkind soll kein anderes Vergnügen haben, als sein eigenes Elend zu kennen und zu fühlen, was es heisst, ein armer Sünder zu sein."

Sebaldus, dem diese gesalbten Weidsprüche nicht gefielen, antwortete nichts, würde auch nicht zum Worte gekommen sein; denn der Pietist, den die Herzlichkeit zum Heilande ergriffen hatte, begann, die Vorübergehenden zu ermahnen, ihnen die Abscheulichkeit des Spaziergehens an einem schönen Sonntage vorzustellen und dafür das Seitenhöhlchen anzupreisen, worin sie recht selige Spaziergänge halten könnten.

Einige gingen vorbei, beinahe ohne ihn zu hören, andere gafften ihn an, ohne zu wissen, was sie aus ihm machen sollten, andere schüttelten den Kopf. Endlich versammelte sich doch allerhand Pöbel, welcher schrie und lärmte und vom Tollhause zu reden anfing, ja einige hoben Erdklösse auf und warfen sie über ihn weg.

Sebaldus fürchtete jetzt, der Auftritt möchte ernstafter werden, und suchte seinen Reisegefährten von seinem Vornehmen abzuhalten, diesen aber hatte der geringe Anschein, eine Art von Märtyrer zu werden, den Kopf angeflammt; er erhob seine stimme noch mehr, um den Vorübergehenden ein Wort ans Herz zu legen.

Endlich geriet er an einen Menschen, der nach seinem braunen Rocke und rund um den Kopf herum abgeschnittenen Haaren nichts anders als ein Schlächter oder Gerber sein konnte. "Mein Freund", redete er ihn an, "Er gehet, um sich die Zeit zu vertreiben. Oh, wenn Er wüsste, wie wohl dem ist,

Der da seine Stunden

In den Wunden

Des geschlacht'ten Lamms verbringt."

"Herr", sagte der Kerl mit starren Augen, "was kann mir das helfen? Ich bin vorigen Sonntag im 'Lamme' gewesen