geplündert worden, so kam sie in die Schenke, um den Sebaldus zu sich einzuladen. Sie trug auf, was ihr Haus vermochte, und die Wanderer erquickten sich.
Nach Tische fing der Pietist die Betstunde an, womit die reisenden Heiligen gemeiniglich ihre Zeche zu bezahlen pflegen. Sebaldus, ob er gleich eine dürre Dogmatik und eine störrische Polemik hasste, war doch ein Freund herzlicher Andacht. Er war daher sehr erbaut von der stillen Aufmerksamkeit der Bäuerin und ihrer Kinder. Sogar auch der Vortrag seines Reisegefährten war ihm weniger zuwider, als er erwartet hatte; denn dieser besass vollkommen die Biegsamkeit, womit Leute seiner Art sich bestreben, bei denjenigen, die sie nicht bekehren können, wenigstens eine gute Meinung von sich zu hinterlassen. Er vermied daher sehr weislich alle Punkte, worüber etwa Sebaldus anderer Meinung sein konnte, und hielt sich bei asketischen Betrachtungen auf, welche der Bauerfamilie begreiflich und seinem Reisegefährten nicht zuwider waren, so dass sich jedermann sehr zufrieden zur Ruhe legte.
Morgens sehr früh, nach eingenommenem reichlichen Frühstücke, dankten sie ihrer Wohltäterin und setzten ihren Weg weiter fort. Sebaldus genoss den schönen Sonnenaufgang, sang ein fröhliches Morgenlied und war so innig vergnügt, dass er weder an seinen misslichen Zustand noch an den Zweck seiner Reise dachte, bis sein Gefährte selbst das Gespräch auf Berlin brachte, wohin sie gingen. Denn er beseufzte mit auf die linke Achsel gesenktem haupt und gegen Himmel erhobenen Augen das Elend dieser grossen Stadt und versicherte, dass daselbst die Religion ein Gespötte sei, niemand in die Kirche gehe, Rotten und Ketzereien regierten und ein jeder rechtschaffener Christ verachtet werde. Er beklagte recht geflissentlich seinen Reisegefährten als einen Fremdling, der sich nicht in den besten Umständen befinde und in dieser Stadt voll Unglaubens und Irrgläubigkeit ganz gewiss werde umkommen müssen.
"Ich habe", sagte Sebaldus, "bessere Hoffnung. Ich weiss aus der Erfahrung, dass die Liebe des nächsten sehr wohl mit den Gesinnungen bestehen kann, welche von vielen Leuten als Unglauben gebrandmarkt werden."
"Nein! Nein!" rief der Pietist mit erhabener stimme. "Wo Glauben ist, da ist auch Liebe! Die findet man aber in dieser Stadt, ja in diesem ganzen land gar nicht. Da herrscht lauter Eigennutz und Betrug, da gehen alle Laster im Schwange, da ist die Ruchlosigkeit aufs höchste gestiegen, da ist alle christliche Liebe erloschen." Er sagte dieses so dreist und versicherte so fest, dass es eine weltbekannte Sache sei und dass er Berlin genau kenne, weil er sich oft da aufgehalten habe; dass endlich Sebaldus anfing, darüber nachdenkend zu werden.
"Ich gestehe", sagte er nach einiger Überlegung, "wenn die Einwohner dieser Stadt, ja dieses ganzen Landes Ihrer Beschreibung gleichen, so muss es ein wahres Unglück sein, unter ihnen zu wohnen. Aber", fuhr er nach einigem Staunen30 fort, "sollten Menschen, die so gesinnet sind, wohl in Gesellschaft leben können? Sollte ein Staat wohl in kurzer Zeit blühend werden können, der lauter solche Bürger entielte? Und doch soll, nach allgemeiner Versicherung, der preussische Staat nur seit Menschengedenken sehr blühend geworden sein; besonders soll ja Berlin am Wohlstande seit dreissig Jahren sichtlich zugenommen haben."
Der Pietist, welcher den Sinn dieser Rede nicht fassen konnte, sagte mit dummer Gleichgültigkeit: "Was hat das Zeitliche mit dem Himmlischen zu tun? Die Kinder dieser Welt sind immer klüger als die Kinder des Lichts! Glauben Sie mir gewiss, es gibt in dieser grossen Stadt, wenige fromme Seelen ausgenommen, die noch ihren Heiland liebhaben, nichts als böse Ateisten, die keinen Gott, keinen Teufel und keine Hölle glauben."
"Ei nun", sagte Sebaldus, "wenn diese Leute keinen Gott glauben, so glaube ich einen und weiss, dass er keinem seiner Geschöpfe mehr Elend auflegen wird, als es tragen kann."
Dritter Abschnitt
Sie waren unter dergleichen Gesprächen durch Spandau gegangen und kamen unvermerkt bei Charlottenburg an. Sebaldus erblickte mit Vergnügen jenseit der Spree, im königlichen Garten, die lange Allee dichtbelaubter Kastanienbäume, worunter einige einzelne Spaziergänger auf und ab wandelten. Er blieb auf der brücke stehen, um noch einmal darnach zurückzuschauen. Das Schloss hingegen liess er liegen, ohne dass ihm auch nur eingefallen wäre, zu fragen, was für ein grosses Gebäude dies sei. So sehr ward er von den Schönheiten der natur gerührt, und so wenig aufmerksam war er auf alle Pracht der Kunst.
Je weiter sie in den berlinischen Tiergarten kamen, desto mehr ward Sebaldus entzückt. Es war in der Nacht ein starker Regen gefallen, welcher den Sand, womit die natur in diesen Gegenden so freigebig gewesen ist, zum Stehen gebracht und den Staub von den Baumblättern abgewaschen hatte, den tausend Frauenzimmerschleppen nebst einer verhältnismässigen Anzahl von Wagenrädern und Pferdefüssen bei trockenem Wetter im Tiergarten zu erregen pflegen. Den Vormittag hatte sich das Wetter aufgeklärt, und der Bäume mannigfaltiges Grün ward durch den heitern Sonnenschein und durch die völlig reine Luft noch mehr erhoben.
Die Wanderer sahen die glückliche Mischung dunkler Fichten mit schlanken Ulmen, hellgrünen, weissrindigen Birken und freundlichen Akazien, denen hundertjährige majestätische Eichen zum Hintergrunde dienen. Melancholische Gänge von dichtem Lärchenholze und von düstern Eiben führen auf grüne Säle, mit Statuen geziert und mit Hecken von jungen Eichen und von immergrünem Nadelholze umkränzt. Sie traten in Gänge, beschattet von Linden und breitbelaubten Platanusbäumen, hinter welchen dichte Gebüsche von Erlen und Espen die feuchten Gründe anfüllen;