ein Bienelein
Auf des Lammes Wunden sein
Und fahren so in'n Himmel 'nein."
"So! Und werden ewige Freude haben und werden ganz geruhig zusehen28, wie Millionen ihrer Nebenmenschen sich beissen, fressen, nagen, sich fluchen und lästern, wie der Tod sie recht plagt ohne Ende. Welcher Greuel! Können Menschen ihre Nebenmenschen so verdammen und können mit Wohlgefallen von ihrer Verdammung ein feierliches Lied singen!"
Der Pietist lächelte und sagte mit sanfter stimme: "Da sieht man den natürlichen Menschen! Ich verdamme sie ja nicht, sondern" (er lächelte nochmals) "die Bibel verdammet sie. Da steht es deutlich."
Sebaldus fuhr sehr heftig heraus: "Nein, das steht nicht in der Bibel, und wenn es darin stände, so wäre sie nicht Gottes Wort. Ich möchte lieber ein Ateist sein, als solche abscheuliche Begriffe von Gott haben, dass er uns das Leben rund abspricht, dass er uns dem Teufel zugesellet, dass er uns durch Henker in Marterkammern schleppen lässt, wo keine Reue, keine Klage helfen kann. – Entsetzlich! Von ihm so zu denken, dem Vater des Lebens, dem Geber alles Guten!"
Sebaldus war in grossen Eifer geraten; er brach plötzlich ab, wie der gute Mann gemeiniglich tat, sobald er an sich ungewöhnliche Heftigkeit bemerkte, denn er pflegte alsdann zu überlegen, ob er sich auch vergangen oder zuviel geredet habe.
Der Pietist bewegte den Zeigefinger seiner rechten Hand zweimal auf und nieder und sagte sanftmütiglich:
"Lieber Bruder, ich beweine deinen erschrecklichen Unglauben! Und kannst noch in ungöttlichen Eifer geraten! Hier lässt sich der Unterschied des Standes der natur und der Gnade sichtbar spüren. Wer in der Gnade steht, der ist so ruhig, der erträgt alles, der erduldet alles, stellet alles Gott anheim."
Indem er dies sagte, sprangen Räuber, von welchen damals die ganze Gegend wimmelte, aus einem dikken Gebüsche und fielen mit blanken Säbeln die Reisenden an. Sebaldus gab mit dem ruhigen Bewusstsein, dass er sich nicht wehren könnte, das wenige Silbergeld her, das ihm übriggeblieben war. Der Pietist hingegen war unter den Händen der Räuber totenblass, bezeigte sich sehr ungebärdig, wälzte sich auf die Erde, suchte seine Uhr zu verbergen, empfing aber darüber verschiedene Stösse und Schläge, alle seine Taschen wurden demungeachtet ausgeleert. Man nahm ihm auch sein feines Kleid, und dem einen Räuber gelüstete endlich nach seinen ganz neuen Stiefeln. Er musste, alles Weigerns ungeachtet, sich auf die Erde setzen, um sie auszuziehen. Unterdes entstand ein Geräusch im Busche, und ein Hund schlug an, hierüber wurden die Räuber flüchtig. – Der Pietist sprang auf und schrie aus Leibeskräften: "Halt, Diebe! Halt, Diebe!" Als aber niemand erschien, setzte er sich mit dem Stiefel in der Hand abermals unter einen Baum, um recht herzlich auf die Strassenräuber zu fluchen.29 Zugleich sagte er, indem er dem Sebaldus im Stiefel ein geheimes Täschchen zeigte, worin er sein Gold verwahret hatte: "Sehen Sie nun, wie der Herr die Gottlosen mit Blindheit schlägt. Ist nicht dies Gold durch ein Wunder gerettet worden?" Hier zog er seinen Stiefel an und stand auf.
Sebaldus versetzte: "Ich finde wirklich, der Stand der natur und der Gnade ist unterschieden, so wie Sie bemerkten. Ich natürlicher Mensch kann den Verlust meines Geldes ruhig ertragen. Es waren freilich nur wenige Groschen, aber auch mein letzter heller ist weg. Ihnen ist noch weit mehr übriggeblieben, als ich vorher hatte. Ei, ei, ein Wiedergeborner sollte wenigstens nicht fluchen!"
Der Pietist ward feuerrot und stotterte: "Die Bösewichter verdienen den Fluch, weil sie Menschen wie wilde Tiere anfallen, da wir uns einander unterstützen sollten, wie Sie vorhin ganz richtig sagten. Ach, und das wenige Gold hat der Herr nicht meinetwegen mir so wunderlich erhalten, sondern um notleidender Brüder und Schwestern willen, für die ich es von christlichen Seelen gesammelt habe. Wiewohl ich jetzt selbst notleidend bin."
Er hatte nicht ganz unrecht, denn er stand im blossen Hemde da, indes ein ziemlich starker Regen zu fallen anfing. Sebaldus zog ungebeten seinen alten Überrock aus und überreichte ihm denselben.
"Nehmen Sie", sagte er, "es ist freilich ein geschminktes Laster, Ihnen diesen alten Kittel anzubieten. Aber der Regen fällt allzu stark, als dass wir jetzt feine Distinktionen machen könnten."
Der Pietist nahm den Überrock stillschweigend an; und weil beide Wanderer vielleicht über das Vorgefallene nachzudenken für gut fanden, so schwiegen sie auch den übrigen teil des Weges, bis sie gegen Abend in Wustermark ankamen.
Zweiter Abschnitt
Es scheint, der Pietist war einer von den angesehenen Männern des Konventikels, deren Heiligkeitsgeruch sich gemeiniglich zehn bis zwölf Meilen in die Runde ausbreitet, die daher auf ihren Reisen im haus jedes Bruders und jeder Schwester ebenso zuversichtlich einsprechen als ein wandernder Mönch in ein am Ende seiner Tagereise liegendes Kloster. Unser Mann hatte Wustermark deswegen zum Nachtlager erwählt, weil daselbst eine fromme, wohlhabende Bauerwitwe wohnte, in deren Haus er auch sogleich ging und den Sebaldus in der Dorfschenke unter allerhand Gesindel seinem Schicksale überliess.
Bei den Frömmlingen männlichen Geschlechts ist mit heissem Eifer für fromme Übungen sehr oft eine grosse Harterzigkeit verknüpft, seltener bei denen von weiblichem Geschlechte. Die Bäuerin hörte von ihrem gast kaum, dass er noch einen Reisegefährten habe, welcher gleich ihm von Räubern