aus verderbten natur bedecken! Mit diesen sogenannten Tugenden aber kann man auf ewig in den Schwefelpfuhl geworfen werden, aus welchem keine Erlösung ist! Wenn Tugenden nicht aus der Gnade entspringen, so sind sie geschminkte Laster zu nennen."
"Wozu soll man so seltsame Benennungen erdenken? Ich vergebe zum Beispiel den Räubern, die mich beraubt haben, ich wünsche ihre Besserung. Dies ist sowenig die wirkung einer übernatürlichen Gnade, dass es vielleicht bloss die wirkung meines Alters oder Temperaments ist. Ist dies aber deshalb Gott nicht gefällig? Ist es ein Laster?"
"Wenn es nicht aus Herzlichkeit zu dem blutigen Versöhner geschieht, so ist es nichts als ein weltliches Tugendbild, eine nachgemachte Frömmigkeit, wobei man ewig verlorengehen kann!"
"Sprechen Sie doch nicht so! Hiermit kann man alten Mütterchen allenfalls eine Furcht einjagen, aber man beweiset nichts. Ich habe über diese Sachen reiflich nachgedacht und finde, dass weder eine blutige Versöhnung noch eine ewige Verdammnis mit den erhabenen Begriffen zusammenstimmen, die wir von Gott haben müssen, sobald wir den Begriff Gott denken wollen."
"Ja, ja, so geht es! Je mehr die Menschen alles durch ihre blosse Vernunft einsehen wollen, desto weniger erkennen sie die ihnen angeborne Blindheit und Finsternis. Mir fällt hierbei ein, was ein lieber Sohn des Heilandes sagt26: 'Es ist unvermeidlich, dass Seelen, die sich nicht so ganz in das evangelische Wesen verloren haben, dass sie ihren Bissen Brot, den sie in den Mund stecken, gleichsam in dem Heilande verzehren, und denen das im Namen Jesu auf den Abtritt gehen noch ein Geheimnis ist, in allerhand Bedenklichkeiten verfallen; aber die Gnaden- und Bundesleute verstehen sich auf halbe Worte und wissen die Teilung des Tempels des Heiligen Geistes in allen Einund Ausgängen ohne Kopfzerbrechen zu machen.'"
Sebaldus starrete den Fremden an, ohne ein Wort zu sagen. Dieser glaubte vielleicht, er verstumme aus Bewunderung oder Entzückung; er fuhr also fort: "Ach, Lieber! Lass dich von der alleinwirkenden Gnade ergreifen! Lass dich von der Kraft des Bundesblutes anfassen. Bete herzlich um die Wiedergeburt. Bete, dass du bald zum Durchbruche kommen mögest. Bete, bete, ich will mit dir beten, lieber Bruder!"
Sebaldus sagte sehr kalt:
"Ich pflege das Vaterunser zu beten; darin steht nichts vom Durchbruche, nichts vom Bundesblute, nichts von der Wiedergeburt oder von der alleinwirkenden Gnade."
Der Pietist schlug die hände über sein Haupt zusammen und rief aus:
"Welcher Unglauben! Welche fleischliche Sicherheit! O betrüge dich nicht, Mensch! Die Ewigkeit wird kommen! Qual ohne Ende für den Sünder!"
Sebaldus geriet in Eifer und fing an, die Ewigkeit der Höllenstrafen mit den besten ihm beiwohnenden Gründen zu widerlegen, aber der Pietist, der sich von jeher auf inneres Gefühl, nie aber auf Gründe eingelassen hatte, antwortete nichts, sondern schlug nochmals die hände zusammen, hob die Augen gegen Himmel und fing an, so laut er konnte, nachfolgendes Lied27 zu singen:
"Zu spät ist's zu erfahren, was Höll' und Ewigkeit.
Ach, willst du's darauf sparen, tu's nicht, heute ist's
noch Zeit.
Bekehre dich von Herzen, dass du der Qual ent
gehst;
denke, dann gibt es nicht Scherzen, wenn du vorm
Richter stehst.
Der dir das Urteil fället, das Leben rund abspricht,
zum Teufel dich gesellet des ew'gegen Tods Gericht.
O Zeter! Ach! Weh! Jammer! Welch Heulen wird
da sein,
wenn in die Marterkammer der Henker schleppt
hinein.
Dahin, wo keine Reue, kein Klagen helfen kann,
die Marter geht aufs neue nach tausend Jahren an!
Da ist kein Glied so kleine, das nicht sein Leiden
hat;
der Leib, der fühlt das seine, die Seel' auch früh
und spat.
In grosser Furcht und Schrecken, in finstrer Dunkel
heit,
wird die Verdammten decken, Angst, Grauen,
Traurigkeit;
die Zähne werden klappen für Frost und grosser
Hitz
und werden blindlings tappen nach einem frischen
Sitz.
Sie werden ewig fallen ins Loch, das keinen Grund,
und aufeinanderprallen zusammen in den Schlund,
sich beissen, fressen, nagen, sich fluchen, lästern
stets,
der Tod wird sie recht plagen, ohn Ende: Seht, so
geht's!
So geht es den Verfluchten in ihrem Höllenloch,
den Schlemmern und Verruchten, ach, glaubet's,
glaubet's doch.
Wollt ihr daran noch zweifeln? So wahr ist's, so
wahr Gott,
ihr fahret zu den Teufeln, wo ihr das halt't für
Spott!"
Dies Lied sang Sebaldus nicht mit, vielmehr zeigte er unter Absingung desselben sichtbare Kennzeichen der Ungeduld. Nach dessen Endigung geriet er einige Minuten lang in ein tiefes Nachsinnen und fragte endlich seinen Mitwanderer:
"Sind Sie denn also ein Wiedergeborner?"
"Ja", antwortete er mit sehr sanfter stimme, "das bin ich durch Gottes Gnade. Vor drei Jahren, den 11. September, nachmittags um 5 Uhr, hatte ich zuerst das selige, innere Gefühl der Gnade, die bei mir zum Durchbruche kam; seitdem habe ich an der Gnade beständig gehangen, bin nie der Gnade satt geworden."
"Also glauben Sie doch gewiss, ewig selig zu werden?"
"Ach ja! Dessen bin ich gewiss:
Denn ich will stets