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zu einer Freundlichkeit, die ihr gar nicht von Herzen ging, stellte ihr die unverdiente Gnade vor, dass sie ihr, anstatt sie zu strafen, einen so guten Platz verschafft habe. Sie versicherte zugleich, sie wolle alles Vergangene vergessen, verlangte aber auch von Marianen das Versprechen, alle Verbindung mit Säuglingen aufzuheben, ja ihm nie ihren Aufentalt zu melden.

Mariane, die einige Wochen in grosser Verlegenheit über ihr jetziges und künftiges Schicksal zugebracht hatte, war sehr erfreut, dass es eine so glückliche Wendung nahm. Sie hatte die vortrefflichen Gesinnungen der Gräfin bei derselben Anwesenheit kennenlernen und sah also sehr wohl ein, dass der Vorfall mit Säuglingen derselben Zutrauen zu ihr mindern könnte. Sie versprach daher mehr, als verlangt wurde, nämlich niemand, wer es auch sei, das geringste von der Sache zu entdecken; ja sie versprach sich selbst, wenn sie von Säugling nichts mehr hörte, ihn ganz zu vergessen, und hoffte dadurch wieder so ruhig zu werden als vormals, ehe sie die Wirkungen dieser unglücklichen Liebe erfuhr.

Um jedermann den Ort ihres künftigen Aufentalts zu verbergen, ward sie des Nachts mit Postpferden nach einer nicht weit von den Gütern der Gräfin gelegenen Stadt gebracht, wo ein Wagen der Gräfin auf sie wartete, um sie abzuholen.

Viertes Buch

Erster Abschnitt

Sebaldus wanderte auf der von ungefähr gefundenen Landstrasse, ohne zu wissen wohin. Er war schon ein paar Meilen einsam fortgegangen, als er von weitem einen Fussgänger erblickte, den er einzuholen suchte. Er verdoppelte seine Schritte und sah nun einen Mann, gekleidet in einen grauen Rock von feinem Tuche, eine runde ungepuderte Perücke auf dem kopf, einen kleinen Bündel an einem Stabe auf der Schulter tragend, der mit heller stimme das Lied: "Wachet auf, ruft uns die stimme" sang. Sebaldus, ein Freund des Singens geistlicher Lieder, zumal gewisser entusiastischer Melodien, gesellte sich zu dem mann und summete halblaut eine extemporierte Basspartie zu dem lied.

Nach dessen Endigung grüssten sich die beiden Wanderer, und Sebaldus fragte den Fremden, wohin der Weg führe, auf dem sie gingen.

"Nach Wustermark", sagte der Fremde, "wo ich Nachtlager zu halten und den andern Morgen nach Berlin zu gehen gesonnen bin."

Sebaldus freute sich, dass er auf dem rechten Wege war; denn ob er gleich nach dem Verluste seiner Empfehlungsbriefe nicht wusste, was er in Berlin machen sollte, so wusste er doch ebensowenig, was er an irgendeinem andern Orte in der Welt hätte machen sollen.

Er bat also den Fremden um Erlaubnis, in seiner Gesellschaft zu gehen, und erzählte ihm den Unfall, den er auf dem Postwagen gehabt hatte.

Jener kreuzte und segnete sich über diese Begebenheit und lobte seine eigene Vorsicht, dass er lieber zu fuss gegangen sei, da die Wege nach dem Frieden so unsicher wären. "Nicht eben", setzte er hinzu, "als ob ich viel Geld bei mir hätte. Ich bin zufrieden, wenn ich reich bin im Heilande. Aber der Herr hat doch meine Überlegung gesegnet."

Sebaldus versetzte: "Ich habe an dergleichen Vorsicht nicht gedacht, denn ich hatte noch keinen Begriff davon, dass ein Mensch seinen Nebenmenschen mit kaltem Blute anfallen und berauben könnte."

"Ach, mein lieber Bruder, die arme menschliche natur ist ganz verderbt. Wenn wir nicht durch die Gnade ergriffen werden, so sind wir in grundlosem, unerforschlichem, tiefem Verderbnisse!"

"Ei, mein Freund, von den Lastern einiger Bösewichter kann man nicht auf die natur der Menschen überhaupt schliessen. Wir sind von natur nicht geneigt, wie die wilden Tiere uns anzufallen, sondern in Gesellschaft zu leben und uns zu unterstützen."

"Ach, wir armen Menschen! Wie könnten wir uns unterstützen, wenn uns die Gnade nicht unterstützte? Wie könnten wir etwas Gutes wirken, wenn es die alleinwirkende Gnade nicht wirkte?"

"Freilich, wir haben alles durch die göttliche Gnade, sie wirkt aber nicht wie der Keil auf den Klotz. Gott hat die Kräfte zum Guten in uns selbst gelegt, hat uns Verstand und Willen, Neigungen und Leidenschaften gegeben, hat Würde und Güte in die menschliche natur gelegt, damit wir zum Guten tätig sein sollen und können."

"O welch ein Selbstbetrug, mein lieber Bruder!" rief der Fremde mit einem tiefen Seufzer aus. "Wenn wir Gott wohlgefällig werden wollen, so müssen wir nichts als lauter Elend und Unwürdigkeit an uns sehen.

Wollt ihr zu Jesu Herden,

So müsst ihr gottlos werden!

Das heisst, ihr müsst die Sünden

erkennen und empfinden,

wie ein teurer Knecht Gottes singet.25 Wir müssen an der Gnade hangen, die Gnade alles wirken lassen, der Gnade alles zuschreiben; dann wird die Gnade in uns erst recht gross, wenn wir recht klein, recht unwürdig werden.

Wenn wir uns mit den Siechen

Ins Lazarett verkriechen!"

Sebaldus zuckte die Achseln und sagte: "Dies sind gesalbte Schälle ohne Sinn, die nur einer verderbten Einbildungskraft heilig scheinen. Wir besitzen Kräfte zum Guten. Wer dies leugnen wollte, würde Gottes Schöpfung schänden, der uns so viel Vollkommenheiten gegeben hat. Ohne den Einfluss einer übernatürlich wirkenden Gnade können wir Tugenden und edle Taten ausüben. Oder sind etwa Wohlwollen, Menschenliebe, Freundschaft, Grossmut, Mitleiden, Dankbarkeit nicht Tugenden?"

"Scheintugenden, mein lieber Bruder, weltliche ehrbare Scheintugenden. Mit solchem Bettlermantel will der unwiedergeborne Mensch den Aussatz seiner von Grund