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demselben Augenblicke von ihr getrennet ward, fand sie zwar ihr Herz tief verwundet, glaubte aber, dass dies von ihrer beleidigten Empfindlichkeit und vom Widerwillen gegen die Härte der Frau von Hohenauf herrühre. Nur nach Säuglings Abreise, da sie in der Heftigkeit ihrer leidenschaft sich vorstellte, dass sie ihn nie wiedersehen würde, merkte sie erstlich, vor sich selbst errötend, wie sehr sie ihn liebte. Bald war sie zornig, dass er nicht von ihr Abschied genommen hatte, bald entschuldigte sie ihn mit dem Gedanken, wie untröstlich er selber sein müsse; und dieses Bild ihrer Einbildungskraft selbst machte ihn ihrem Herzen liebenswürdiger. Jeden Ort, wo sie ihn gesehen hatte, besuchte sie mit einer zärtlichen Schwermut, und des Nachts stand sein geliebtes Bild beständig vor ihren Augen.

Einst ergriff sie von ungefähr die "Lettres d'une réligieuse portugaise", die sie auf Befehl so oft ihren fräulein ganz ruhig vorgelesen hatte. Sie erstaunte darüber, dass ihr jetzt die Bilder so belebt, die Klagen so herzrührend, die Empfindnisse so tief aus der Seele herausgezogen schienen, welches alles sie vorher gar nicht bemerkt hatte. So sehr wahr ist es, dass Bücher voll verliebter Empfindungen, die auf den Weisen und Gleichgültigen wenig Eindruck machen, in ein junges unerfahrnes Herz, das den ersten Eindrücken dieser gefährlichen leidenschaft offensteht, das süsse Gift weit tiefer hineinflössen als selbst die Reden des Geliebten. Die erhitzte Einbildungskraft, mit ihren eigenen Geschöpfen nach Belieben spielend, stellt die Empfindnisse viel reiner und inniger vor, als sie in der wirklichen Welt sein können, in der sie mit hundert ganz gemeinen gleichgültigen Umständen vermischt und dadurch gemildert werden.

Nun wurden die Briefe der portugiesischen Nonne Marianens tägliche Lektur. Sie wünschte, dass ihr Säugling solche Briefe voll Liebe und Beständigkeit schreiben möchte als der Ritter v.C., und sie gelobte sich selbst, ihm mit ebensoviel Inbrunst und sehnsucht zu antworten als dessen Geliebte. In einem Briefwechsel dieser Art sah sie eine so anmutige Beschäftigung voraus, dass sie die Zeit nicht erwarten konnte, bis er seinen Anfang nehmen würde. Es waren schon einige Wochen verlaufen, und sie hatte schon alle zärtliche Gründe ererschöpft, um das Stillschweigen ihres Geliebten zu entschuldigen, als ihr das Kammermädchen Säuglings Heroide, mit einem prosaischen Briefe begleitet, übergab, worin er alles ausgedrückt hatte, was er bei ihrer beiderseitigen Trennung empfand, und sie beschwor, ihn wenigstens schriftlich wissen zu lassen, dass sie gegen seine Zärtlichkeit nicht unempfindlich sei, wozu er ihr das Kammermädchen als ein sicheres Werkzeug empfahl.

Die verliebte Mariane las beide Sendschreiben mit heftiger Begierde und überlas sie fünf- oder sechsmal mit noch innigerm Vergnügen. Als sie sich aber niedersetzen wollte, um sie zu beantworten, durchdrang sie die unaussprechliche Empfindung eines wohlgezogenen Frauenzimmers, die immer mit gewissenhafter Strenge ihre Pflichten beobachtet und noch nie einen Schritt getan hat, den sie hätte verhehlen dürfen. Errötend erschrak sie vor sich selbst. Ob ihr gleich in den süssen Vorstellungen ihrer Einbildungskraft oft der Wunsch entfahren war, die Feder ansetzen zu können, um ihre innersten Neigungen auszudrücken, so sank sie ihr doch nun aus der Hand, und je öfter sie es versuchte, desto mehr verlor sie den Mut, es zu wagen. Auch half es nichts, dass das Kammermädchen mehrmals erinnerte, ihr auf den Brief eine Antwort zu geben. Im Gegenteile, da das dienstwillige Mädchen, welcher die feinen Skrupel, die Marianens Gemüt beunruhigten, in ihrem Leben nie in den Sinn gekommen waren, die ganze Sache sehr auf die leichte Achsel nahm, so musste dies noch widrigere wirkung tun, indem Marianens Zartgefühl dadurch die Sache von einer Seite zu betrachten anfing, von der sie bald den blick wegwandte, aus Furcht, allzusehr darüber nachzudenken.

Sechster Abschnitt

Säugling war von allem Troste verlassen, als er erfuhr, dass Mariane weder seine Poesie noch seine Prose einer Antwort würdigen wolle. Er hielt sich für den unglücklichsten unter allen Menschen und wusste, da seine Dichtkunst die erwartete Hilfe nicht leistete, jetzt bloss zu bittern Tränen seine Zuflucht zu nehmen. Rambold hingegen, der bei weniger Zärtlichkeit etwas mehr Erfahrung besss und dem das Kammermädchen auch in ihrem Antwortschreiben einen gewissen Wink gegeben hatte, tat keck den Vorschlag, dass Säugling in seiner Gesellschft insgeheim nach dem Gute der Frau von Hohenauf reiten und Marianen besuchen sollte. Säugling erschrak vor diesem Gedanken, sowohl wegen dessen Folgen als wegen der Beschwerlichkeit eines Ritts von fünf Meilen. Allein Rambold wusste diese Bedenklichkeiten mit seinem gewöhnlichen Witze lächerlich zu machen, so dass Säugling anfing, diesen Vorschlag nur von der angenehmen Seite zu betrachten, und darinwilligte.

Sie ritten also an einem schönen Sommermorgen aus, und Säugling, über seinen eigenen Mut erstaunt, kam sich, nachdem er eine Meile zurückgelegt hatte und die Beschwerlichkeiten der Reise zu empfinden anfing, als ein anderer Leander vor, der durch die Gefahr der wilden Wellen zu seiner geliebten Hero eilte. Sie langten des Abends sehr ermüdet auf einem Vorwerke an, das etwa zweihundert Schritte von dem dorf entlegen war. Des andern Morgens sehr früh ermannte sich Säugling, seiner Müdigkeit ungeachtet, und wanderte mit Rambold nach dem herrschaftlichen Garten, in den sie durch eine von dem schlauen Kammermädchen geöffnete Hintertür traten. Sie führte Säuglingen ferner nach einer etwas abgelegenen grünen Laube, wo Mariane, in der Meinung, ganz allein zu sein, mit süsser Schwermut Säuglings Heroide las.

Marianne tat einen lauten Schrei, als sie ihn erblickte, und wollte forteilen. Ihre Füsse versagten