Sie vielleicht bei kälterer Überlegung ..."
"Wie, ich sollte untreu, ich sollte unbeständig werden? Nein, meine Schönste! Bestätigen Sie mir nur, dass ich Ihre Liebe hoffen darf, und meine Liebe wird nicht wanken, es mag auch geschehen, was da wolle. Die Liebe wird mich lehren, den äussersten Gefahren zu trotzen."
"Warum wollen Sie aber sich und mich den äussersten Gefahren blossgeben? Unterdrücken Sie lieber eine leidenschaft, die Sie und mich nicht glücklich machen kann. Ich will aufrichtig mit Ihnen reden. Mein Herz hat Sie nie gehasset. Sie haben viel liebenswürdige Eigenschaften, die ich hochschätzen muss, aber ich wiederhole es nochmals, geben Sie der Vernunft Gehör und bedenken Sie, dass unüberwindliche Schwierigkeiten ..."
"Oh, meine Schönste, der Liebe sind keine Schwierigkeiten unüberwindlich. Lieben Sie mich nur ..."
"Wir wollen lieber die Schwierigkeiten vermeiden, als sie zu überwinden suchen. Ich schätze Sie aufrichtig hoch, damit sein Sie zufrieden. Ich werde beständig Ihre wahre Freundin sein, aber ..."
Indem sie dieses sagte, trat wider alles Vermuten hinter einer geschnittenen Hecke die Frau von Hohenauf hervor, die, seit der letzten Entdeckung von Marianens deutscher Lektur misstrauisch, beständig alle ihre Schritte beobachtet hatte. Sie schalt ihren Neffen heftig aus wegen seiner niederträchtigen Neigung gegen ein gemeines Mädchen. Der armen Mariane aber machte sie die bittersten Vorwürfe, dass sie einen jungen Menschen von stand verführen wollte, welchen Ausdruck sie oft wiederholte. Sie verbot ihr aufs nachdrücklichste, ihren Neffen je wieder allein zu sehen, und liess sie auch von der Zeit an nicht einen Augenblick aus den Augen.
Indes würde ihr freilich diese genaue Aufsicht auf zwei Liebende bald sehr beschwerlich geworden sein, wenn nicht zwei Tage darauf Herr Rambold, der Hofmeister, den der alte Säugling seinem Sohne sendete, angelanget wäre. Sie säumte also nicht, sondern schickte beide nach ein paar Tagen auf die Universität, wohin sie bestimmt waren, und empfahl dem Hofmeister, auf Säuglings Aufführung ein wachsames Auge zu haben.
Der verliebte Säugling war trostlos. Seine Seele zerschmolz in Zärtlichkeit, aber war auch von Zärtlichkeit so voll, dass kein einziger Gedanke, wie es möglich sein sollte, Marianen vor seiner Abreise zu sehen, darin Platz finden konnte. Je mehr er daran dachte, desto unmöglicher schien es ihm. Ihm fiel keines von den sinnreichen Mitteln ein, welche die Romanenschreiber unserer lehrbegierigen Jugend so freigebig an die Hand geben, zum Beispiel auf einer Strickleiter ins Fenster zu kriechen; sich in einen Kasten sperren und zu ihr bringen zu lassen; sich einen doppelten Schlüssel zu verschaffen, um ihre tür zu öffnen; ja nicht einmal die einfältigen auch ausser Romanen so oft ausgeübten Mittel, das Kammermädchen zu bestechen oder unter dem Fenster der Schönen hin und her zu spazieren und so lange zu husten oder zu pfeifen, bis sie am Fenster erscheine. Da ihm also gar kein Anschlag in den Sinn kommen wollte, so musste er mit schwerem Herzen abreisen, ohne von seiner Geliebten Abschied zu nehmen.
Als er an den Ort seiner Bestimmung anlangte, nahm seine Traurigkeit sehr zu. Er wendete sich zu seiner gewöhnlichen Zuflucht, der Dichtkunst, und schrieb eine Heroide unter dem Namen des Leander an die Hero, worin er seinen ganzen zärtlichen Schmerz über die Abwesenheit seiner Geliebten auszudrücken suchte. Nachdem er damit meist fertig war, fiel ihm plötzlich der Gedanken ein, dass er nicht die geringste Hoffnung habe, diese Epistel seiner Geliebten in die hände zu bringen. Er ging mit dem Papiere in der Hand in seinem Zimmer so tiefsinnig auf und nieder spazieren, dass er seinen Hofmeister nicht eher erblickte, als bis derselbe vor ihm stand, ihm das Papier aus der Hand nahm und es lächelnd durchlas.
Säugling sank vor Schrecken beinahe nieder, weil er für sich und seine Geliebte aus dieser Entdeckung die schlimmsten Folgen fürchtete. Glücklicherweise für ihn gehörte Rambold nicht zu den mürrischen Hofmeistern, die ihrer untergebenen Jugend alles Vergnügen versagen. Vielmehr hatte er sehr politisch berechnet, dass ein junger reicher Patrizier nur ein oder zwei Jahre auf Universitäten von seiner Aufsicht abhange, hingegen hernach viel länger – weil Väter sterblich sind und so weiter – seines Vermögens geniessen und seinem Hofmeister eine kleine bewiesene gefälligkeit reichlich vergelten könne. Anstatt also Säuglingen zu schelten, zog er ihn bloss wegen seiner zuckersüssen Empfindungen ein wenig auf, denn er war ein witziger Kopf, der in den verschiedenen Stationen seines Lebens die Seele aller Kotterien, Schmäuse und Trinkgesellschaften gewesen war. Endlich, um Säuglingen, der noch immer in grosser Verlegenheit dastand, gänzlich zu beruhigen, versprach er ihm treuherzig, er wolle es selbst seine sorge sein lassen, die zärtliche Epistel in Marianens hände zu bringen. Er sagte ihm auch, dass er dies durch Hilfe des Kammermädchens der Frau von Hohenauf bewerkstelligen werde; denn er hatte mit derselben während seines zweitägigen Aufentalts auf dem Gute des Herrn von Hohenauf eine so vertraute Bekanntschaft gemacht, dass er ihr eine solche Verrichtung gar wohl glaubte auftragen zu können.
Unterdes befand sich Mariane in grosser Unruhe. Säuglings Zuneigung zu ihr hatte schon lange vorher, ehe er sie gestand, ihrer weiblichen Scharfsichtigkeit nicht entgehen können. Sie hatte Wohlgefallen daran gehegt, nur als an der blossen Höflichkeitsbezeugung eines artigen jungen Menschen, ohne zu denken, dass diese sich jemals in eine feurige Liebe verwandeln oder dass diese Liebe Eindruck auf sie machen könne. Als er nach seiner Liebeserklärung zugleich in