, so bald als möglich das Stillschweigen zu brechen.
An einem heitern Maitage ging Mariane nach dem Mittagsessen in den Garten. Säugling folgte ihr von weitem, und als er so weit vom haus entfernt war, dass er nicht bemerkt zu werden glaubte, eilte er ihr nach, um sie einzuholen. Sein Herz klopfte ihm über dem mutigen Vorhaben, ihr seine so lange verschwiegene Liebe zu offenbaren; je näher er ihr kam, desto mehr goss sich ein zärtliches Schaudern durch alle seine Glieder, und da er sie endlich erreichte und sie stehenblieb, um ihn zu bewillkommen, sah er starr in ihre hellblauen Augen, die Zunge stammelte, der Atem fehlte ihm, und nach einem Stillschweigen von andertalb Minuten sagte er endlich:
"Es ist heute wirklich recht sehr schönes Wetter."
"Die Bemerkung ist eines so witzigen Kopfes recht sehr würdig!" sagte Mariane lächelnd. "Sie hatten in der Tat das Ansehen, als ob Sie mir etwas Wichtigeres sagen wollten."
Säugling, durch diese Antwort niedergeschlagen, sah sie abermal starr an und schwieg einige Minuten lang stille.
"Aber wie kommt es", fuhr Mariane fort, "dass Sie heute eine so tragische Physiognomie annehmen? Sehen Sie, wie alles um Sie herum erfreut ist, diese blaue Veilchen, wie sie hervorsprossen und angenehmen Duft verbreiten." Hier pflückte sie einige Veilchen und überreichte sie ihm. Säugling nahm den Strauss an, betrachtete ihn und seufzte.
"Wie sind doch die schönen Geister so nachsinnend! Mich dünkt, ich sehe es an Ihren Augen, dass Sie denken:
Ich sah den jungen Mai,
Seine Silberglocken
Hingen um den Schlaf.
Als er vom Himmel fuhr,
Blühten alle Wipfel;
Als er den Boden trat,
Liess er Violen und Hyazinten im Fusstritt zu
rück."24
Säugling schlug die Augen auf und antwortete: "Ach nein, meine Seele ist zu voll, um die Schönheiten der natur zu empfinden." "Ausgenommen die Schönheit des Wetters?"
"Spotten Sie meiner nicht. Bloss weil ich meine innigsten Gedanken mich nicht zu sagen getrauete, sagte ich etwas ganz Gemeines. – Ach, Mariane, Sie haben recht, ich hätte Ihnen etwas viel Wichtigeres zu sagen ..."
"Nun, so sagen Sie doch an!"
"Sehen Sie diese Veilchen, sie sind klein, aber verbreiten süssen Duft. Die allgewaltige Kraft der Sonne lockt sie aus der Erde hervor, ohne sie würden sie weder blühen noch duften. Ach, meine Mariane, ich bin dieses Veilchen, Sie sind meine Sonne!"
Mariane errötete, und nachdem sie eine halbe Minute lang Luft geschöpft hatte, sagte sie mit niedergeschlagenen Augen: "Sie haben mich für meinen kleinen Scherz doppelt bezahlt; ich werde mich hüten müssen, wieder zu scherzen."
"O schönste Mariane, suchen Sie nicht Scherz aus einer Sache zu machen, die mir so ernstaft ist. Schon lange hat Sie mein Herz stillschweigend angebetet, aber nun kann ich nicht mehr schweigen. Ich muss Ihnen sagen, was ich für Sie empfinde, dass ich Ihre Schönheit, Ihre Tugend verehre – darf ich es sagen –, dass ich Sie liebe, dass ich nie aufhören werde, Sie zu lieben, dass ich ..."
"Nein! Wahrlich! Sie machen, dass ich mich wegbegeben muss." Sie trat einen Schritt zurück.
"Grausame! So können Sie mich verlassen? Nein, zu Ihren Füssen wiederhole ich Ihnen, dass Sie meine ganze Seele liebt, dass ich ewig ..."
"Ich bitte Sie, stehen Sie auf!"
"Nein! Ich stehe nicht auf, bis Sie mein Schicksal bestimmen, bis Sie mir sagen, ob ich hoffen darf, von Ihnen wiedergeliebt zu werden."
"Ich bitte Sie noch mal, stehen Sie auf. Was soll man von uns denken, wenn jemand dieses Weges kommt. Sie wissen, dass ich Sie beständig geschätzt habe, so wie Sie es auch verdienen – aber Sie wissen auch selbst, unsere beiderseitige Lage ist so beschaffen, dass zwischen uns keine nähere Verbindung stattfinden kann."
"Warum nicht? Warum nicht? Lassen Sie mich nur in Ihr Herz sehen, lassen Sie mich erfahren, ob es mich wiederliebt, und alle Schwierigkeiten verschwinden. – Sagen Sie, schönste Mariane, ich beschwöre Sie, ob Sie mich hassen können?"
"Stehen Sie doch nur auf! – Ich habe Sie nie gehasset."
"Wie könnten Sie auch mich hassen, da ich Sie aufs innigste liebe! Aber darf ich für die reinste, für die zärtlichste Liebe von Ihnen Gegenliebe hoffen?" Hier küsste er ihr voll Inbrunst die Hand.
Mariane errötete abermals. "Ich bitte Sie, dringen Sie nicht ferner in mich!"
"Lassen Sie mich mein Schicksal erfahren. Darf ich hoffen, so bin ich der glücklichste Sterbliche. fragen Sie Ihr Herz, lassen Sie mich dessen Empfindungen wissen. Sie seufzen? Wie glücklich wäre ich ..."
"Dringen Sie nicht ferner in mich. – Mein Herz hat Sie beständig geschätzt, aber ..."
"O wie glücklich bin ich! Sie lieben mich, Schönste!" Hier küsste er abermal ihre Hand. Mariane zog die Hand zurück und richtete ihn auf.
"Ich bitte Sie, stehen Sie auf und geben Sie nicht einer wilden leidenschaft Gehör. In der Hitze derselben denken Sie, was