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in diesem Augenblicke in Säuglings Herzen eine Veränderung vor, deren ganze Wichtigkeit er erst in der Folge spürte.

Fünfter Abschnitt

Wenig Tage darauf brachte Säugling ein Gedicht auf die Errettung des armen Pachters zustande, welches an Marianen gerichtet und worin ihr Lob sehr klüglich mit dem seinigen verbunden war. Mariane las dieses Gedicht mit Wohlgefallen, denn es wehte darin eine in Säuglings Liedern sonst ungewohnte Wärme der Empfindung, womit ihr Herz innig sympatisierte. Auch ihr Lob las sie mit geheimem Vergnügen. Wenn es einem jungen Frauenzimmer überhaupt leicht zu vergeben ist, dass sie sich von einem ganz artigen und witzigen jungen Menschen nicht ungern loben lässt, wieviel eher war ihr hier zu verzeihen, da sie fühlte, dass sie mit Wahrheit und über eine aus der unbescholtensten Neigung fliessende Tat gelobt wurde?

Dies war der Anfang einer nähern Bekanntschaft zwischen beiden. Sie gingen oft, bei den ersten heitern Blicken der Sonne nach dem Winter, im Garten spazieren. Säugling las ihr seine Gedichte vor, hörte mit innerer Zufriedenheit ihren Beifall und liess sich auch ihre Verbesserungen sehr wohl gefallen, welche sie ihm mit so grosser Bescheidenheit als feiner Empfindung zuweilen an die Hand gab. Kurz, er betrachtete sie als eine Muse, die ihn zu neuem Schwunge seiner Gedichte begeistern konnte, sie ihn als einen angenehmen Gesellschafter, der sie ihrer Neigung nach mit Lektur und Gesprächen angenehm zu unterhalten wusste.

Anfänglich hatten beide bei ihrem vertrauten Umgange keine andere Absicht als diese. Da Säugling aber Marianen täglich sah und täglich an ihrer person und an ihrem geist neue Schönheiten entdeckte, so verlor er sich endlich in Bewunderung. Er empfand, er wusste nicht was, und betrug sich dabei, er wusste nicht wie, daher er in seinem Wesen trübsinnig und ängstlich ward. Als nun Mariane, der wahren ursache unwissend, ihn darüber zuweilen in einem Anfalle von lustiger Laune ein wenig aufzuziehen pflegte, so geriet er in noch grössere Verlegenheit und trauete sich nicht, nur ein Wörtchen von seinen innigen Gefühlen zu sagen. Er nahm seine Zuflucht zur Dichtkunst und liess in die Gedichte, die er Marianen vorlas oder sie selbst lesen liess, unvermerkt ganz kleine Züge seiner Empfindung einfliessen, aber mit vieler Zurückhaltung, wie ein furchtsamer Mensch, schüchterner Poet und bescheidener Liebhaber. Mariane fühlte keine von allen diesen feinen Anspielungen. Säugling wusste nicht, was er beginnen sollte, ward noch ängstlicher in seinem Betragen, verehrte Marianen stillschweigend, kam allem ihrem Begehren aufs dienstwilligste zuvor, hielt sich sehr belohnt, wenn er einen lächelnden blick von ihr erhielt, und in Ermangelung dessen war es schon Seligkeit, wenn er sie nur sehen und mit schweigender Zärtlichkeit aus ihren Augen die Nahrung seines Daseins ziehen konnte.

Es ist leicht zu erachten, dass er alle Gelegenheiten, in Marianens Gesellschaft zu sein, werde mit Sorgfalt aufgesucht haben; aber auch dabei musste er sehr behutsam zu Werke gehen. Die Gesinnungen der Frau von Hohenauf waren ihm so genau bekannt, dass er schon bei dem Gedanken zitterte, sie möchte von seiner Zuneigung zu Marianen etwas merken.

Mariane war ohnedies seit dem unglücklichen Geburtsfeste noch in Ungnade, ob ihr gleich die Frau von Hohenauf dem Anscheine nach vergeben hatte. Es halfen keine reichen Garnituren, womit sie die Kleider der gnädigen Frau schmückte, kein neuer Kopfputz, nach dem letzten Geschmacke gesteckt, nicht dreifache Manschetten von den feinsten Netzchen, die ihre kunstreiche Hand mit Blumen von Kammertuch unterlegt und mit fünferlei Pointstichen durchbrochen hatte. So angenehm auch diese Opfer waren, wodurch der Zorn der Frau von Hohenauf sollte versöhnt werden, so schienen doch Marianens Sünden fast in die Klasse der unvergeblichen zu gehören: sie hatte den fräulein nicht nur die bürgerliche Herkunft ihrer Mutter entdeckt, sondern sie sogar mehr zu guten Menschen als zu Putzdamen erziehen wollen.

Daher war die Frau von Hohenauf seit der Zeit gegen Marianen mehr als gewöhnlich zurückhaltend und wiederholte öfter noch die weisen Lehren, gute Romane zu lesen und den fräulein das air allemand abzugewöhnen. Dass Mariane sich unterstehen könnte, den fräulein deutsche Bücher in die hände zu geben, wäre der Frau von Hohenauf gar nicht in den Sinn gekommen. Unglücklicherweise aber traf sie einst fräulein Adelheid, welche aus der "Bestimmung des Menschen" ihrer Hofmeisterin die "Menschlichen Erwartungen"23 vorlas. Die Frau von Hohenauf, die durchaus nicht wollte, dass ihre Töchter andere Erwartungen haben sollten, als geputzt, bewundert, angebetet, reiche und galante Frauen und womöglich Hofdamen zu werden, konfiszierte augenblicklich das Buch, schon als deutsch. Nachdem sie aber eine halbe Viertelstunde lang den Inhalt untersucht hatte, warf sie es mit grossem Ungestüme in den Kamin, als höchstverderblich für alle fräulein, die in der grossen Welt ihr Glück machen wollen.

Von diesem Augenblicke an war das Vertrauen der Frau von Hohenauf zu Marianen so sehr vermindert, dass es jedermann wahrnahm. Nun glich dieses vornehme Haus vollkommen einem hof, wo dem, der in Ungnade fällt, von allen Hofleuten der rücken zugekehret wird; daher vermieden alle Hausgenossen Marianen, und auch Säugling musste aus Furcht, aufsehen zu erwecken, oft die besten Gelegenheiten vorbeigehen lassen, sich mit ihr zu unterhalten. Dieser Zwang ward ihm in kurzem sehr peinlich, und wenn er sich nicht noch durch Versmachen hätte Luft schaffen können, würde seine ohnedies eben nicht starke Seele von der Beklemmung zusammengedrückt worden sein. Seine Liebe zu Marianen fing an, durch die Hindernisse noch inniger zu werden, und sie zu verschweigen ward ihm nach und nach unerträglich; daher nahm er sich vor