erwiesen hatte, an den Herrn von Hohenauf, der bei der ganzen Szene sich noch nicht getrauet hatte, ein Wort zu äussern. Sie bat ihn, dem Geburtsfeste seiner Gemahlin zu Ehren, den Gefangenen loszulassen.
Der Herr von Hohenauf, mit eiskaltem Schweisse vor der Stirne, konnte mehr nicht als ein gestammeltes "In der Tat ... meine gnädige Gräfin ..." hervorbringen. Es war ihm wirklich gleich unmöglich, einer so vornehmen Dame eine so kleine Bitte abzuschlagen als wider den ausdrücklich erklärten Willen seiner Gemahlin etwas zu tun.
Die Gräfin, die ihren Mann sogleich übersah, wendete sich abermal an die Frau von Hohenauf, nahm sie bei der Hand und sagte mit liebreizender Miene: "Die Göttinnen können nicht Rache halten, sondern lieben die Vergebung. Kein Götterfest kann ohne Wohltun vollbracht werden. Ich fordere den Gefangenen von Ihnen als ein Dessert bei der Abendtafel; wollen Sie uns ohne Dessert lassen nach haus fahren?"
Die Frau von Hohenauf hatte unter diesen Reden Zeit gehabt, sich zu besinnen, was der Anstand erfordere; sagte also mit gezwungen verbindlicher Miene: "Sie verlangen von mir eine Sache, wider die ich gar nichts einzuwenden habe, sondern die bloss von dem Herrn von Hohenauf abhängt. Der ist Erb-, Lehnsund Gerichtsherr."
"Nun, mein gnädiger Herr von Hohenauf", sagte die Gräfin, indem sie sich zu ihm wendete, "habe ich eine Fehlbitte getan?"
Dieser, mit einem Male seit einer halben Viertelstunde wieder tief frische Luft schöpfend, machte einen sehr tiefen Reverenz und murmelte einige Worte her, die, obgleich unverständlich, doch nichts anders als seine Einwilligung bedeuten konnten.
Sobald die Gräfin davon gewiss war, so riss sie Säuglingen, der über dem grossen Lärmen voll Todesangst dagestanden hatte, den Hut aus den Händen, warf einige Karolinen hinein und gab ihn ihm zurück. Dieser, erfreut über den Wink, ahmte ihr nach und ging mit dem hut in der Hand zu allen anwesenden Gästen, in der ehrenvollen Beschäftigung, für bedürftige Unglückliche eine Beisteuer zu sammeln, schämte sich auch nicht, aus Freuden über den glücklichen Ausgang einer Sache, über die ihm von Anfange an das Herz geklopft hatte, manche Träne fliessen zu lassen, worin ihm die Gräfin und noch mehrere schöne Augen Gesellschaft leisteten. Indem dieses geschah, führte die Gräfin die zitternde Adelheid zur völligen Versöhnung in ihrer Mutter Umarmung und erhielt auch, mit einiger Mühe, für Marianen die Erlaubnis, wieder zu erscheinen und durch Küssung des Rocks der Frau von Hohenauf um Vergebung zu bitten, dass sie menschlich gedacht hatte.
Die Gesellschaft ging darauf in den grossen Saal, um sich zum Spiele zu setzen. Säugling aber, der sich ein viel süsseres Vergnügen vorbehielt, schlich nach dem Hinterhofe, liess einen Wagen anspannen, erlösete den ganz betäubten Jakob aus dem Gefängnisse, führte ihn selbst wieder zu seiner bisher verlassenen Familie und schüttete die ansehnliche Summe, die er für sie gesammelt hatte, in den Schoss der Hausmutter aus, die bei so vielem Glücke, das auf so viel Unglück so schnell folgte, vor Freuden verstummte. Er genoss die Wollust, das Haus des Elends und des Klagens in ein Haus der Freude verwandelt zu sehen, genoss den stammelnden Dank des Hausvaters und der Hausmutter, empfand den Druck der kleinen hände der Kinder, die vor Freude weinend an seine beiden Seiten hingen, und neigte sich liebreich zu den lallenden kleinen Kranken, die, von ihren Eltern ermuntert, aus dem Strohlager ihre matten hände emporzuheben suchten, um ihrem Wohltäter zu danken.
Er hätte sehr gern Marianen mitgenommen, um sie diese süsse Szene, die Frucht ihrer menschenfreundlichen Anlage, mit geniessen zu lassen, wenn er nicht die denkart seiner Tante allzu genau gekannt hätte. Er hatte ein für schöne Handlungen empfindliches Herz, und obgleich seine kleine Eigenliebe nicht ermangelte, ihm darüber ein Kompliment zu machen, dass dieser Endzweck durch sein Drama erreichet worden, so war er doch durch Marianens grossmütige Gesinnungen, deren ganzes Verdienst um die unglückliche Familie er jetzt erst in seinem völligen Umfange erfahren hatte, äusserst gerührt. Er stieg bei seiner Zurückkunft sogleich in ihrem Zimmer ab, und nachdem er ihr von seiner kurzen Fahrt Bericht erstattet hatte, liess er seiner warmen Empfindung freien Lauf, er pries sie als die Ehre ihres Geschlechts, als die schönste Seele, welche ihrer Tugend wegen das glücklichste Schicksal verdiente.
Mariane, voll von dem heitern Vergnügen des edelmütigen Wohltuns, aber von allem Dünkel entfernt, sagte: "Loben Sie mich einer Kleinigkeit wegen nicht allzusehr! Ich habe nur eine sehr gemeine Pflicht beobachtet; denn Sie werden doch nicht glauben, dass eine weibliche Seele solcher Empfindungen weniger fähig sei, die billig ein jeder Mensch haben sollte."
Indem sie dieses sagte, warf sie, ohne es selbst zu wissen, auf Säuglingen einen blick, der seine ganze Seele traf, einen blick, wovon diejenigen, die er jemals traf, versichern, dass er tief empfunden werde, aber dass sich seine wirkung nicht beschreiben lasse. Professor Stiebritz, der Wolffische Philosoph, würde ihn vielleicht folgendermassen definiert haben: Es sei ein blick gewesen, wodurch auf einmal Säuglings symbolische Kenntnis von Marianens Vollkommenheiten anschauend geworden sei. Soviel ist gewiss, dass von diesem Augenblicke an mit seiner Hochachtung für Marianen eine wahre Freundschaft verknüpft ward. Wenn nun, wie man sagt, die Freundschaft zwischen Personen zweierlei Geschlechts sehr bald einen viel zärtlichern Namen zu verdienen pflegt, so ging