sie konnte, beigestanden. Sie hätte auch längst gern für den armen Gefangenen eine Vorbitte eingelegt, aber sie empfand, dass sie es ohne Hoffnung des Erfolgs wagen würde. Sie hatte daher zuerst darauf gedacht, dieses fest anzustellen, um dabei durch fräulein Adelheid, den Liebling ihrer Mutter, die Loslassung des Gefangenen zu bewirken, wenn ihre Eltern, durch das Vergnügen des Festes in gute Laune gebracht, geneigter sein möchten, ihr Herz dem Mitleide zu öffnen.
fräulein Adelheid hatte also kaum gehört, dass sie für ihr Spielen belohnt werden sollte, so ergriff sie diese gelegenheit begierig, fiel ihrer Mutter zu Füssen und rief aus: "Ach, gnädige Mama, wenn Sie mich belohnen wollen, so lassen Sie mich selbst die Belohnung wählen. Geruhen Sie, mir eine einzige Bitte zu gewähren, schlagen Sie mir nicht ab, was ich Sie bitten will."
"Was verlangst du, mein Kind? Ich kann dir nichts abschlagen."
"Oh, meine gnädige Mama, so erbarmen Sie sich einer armen Frau und fünf Kinder, alle noch viel kleiner, viel unerzogener als ich und die ihren Vater so nötig haben. Bitten Sie den gnädigen Papa, dass er den armen Jakob loslasse, der im Gefängnisse liegt; geben Sie das Geld für die Zitternadel, die Sie mir zugedacht haben, seiner armen Frau und Kindern."
"fräulein", sagte die Frau von Hohenauf mit einem Angesichte voll kalten Ernstes22, "was geht mich und dich das Diebsgesindel an?"
"Ach, gnädige Mama, wenn Sie sehen sollten, wie elend die Leute sind, wie sie an allem Mangel leiden, was wir im Überflusse haben, wie sie frieren, wie sie hungern, wie drei von den Kindern auf elendem Strohe krank liegen."
"Mädchen, woher kannst du dies wissen?"
"Ach, ich habe es gesehen, liebste, beste Mama, ich habe es selbst gesehen."
"Gesehen? Ich erstaune ganz; wie kommst du mit dem Lumpenpacke zusammen? Gleich gestehe es mir, ich will es wissen!" fräulein Adelheid, stammelnd, blickte Marianen an, die ihre Augen niederschlug. Die Frau von Hohenauf wiederholte ihren Befehl, und das fräulein berichtete:
"Ach, meine Mamsell hat mich hingeführt. Sie glauben nicht, gnädige Mama, wie gut sie ist, sie hat die armen Leute schon seit sechs Wochen erhalten, dass sie nicht vor Hunger und Frost umgekommen sind. Ach, ich habe auch gern mein ganzes Spargeld hingegeben, mehr konnte ich nicht, aber Sie, gnädige Mama, können mehr, Sie können die Kinder glücklich machen, wenn Sie den Vater loslassen."
"So, Mademoiselle", sagte Frau von Hohenauf, indem sie Marianen mit selbstgefälliger Würde über die linke Achsel ansah, "Sie führt meine fräulein in schöne Gesellschaft, um Lebensart und mond zu lernen."
"Ach, gnädige Mama ..."
"Schweig still, das verstehst du nicht. Es sind Diebe, die deines Vaters Forsten bestohlen haben, sie müssen hart gestraft werden, damit sich das andere Gesindel daran spiegele."
"Ach, der arme Jakob verspricht Besserung, er will künftig lieber hungern als wild schiessen. Aber, gnädige Mama, die Kinder, die armen kleinen Kinder hatten nichts zu essen."
"Schweig! Um solch Lumpengesindel musst du dich nicht bekümmern."
"Ach, liebste Mama", rief fräulein Adelheid schluchzend, "es sind Gottes Geschöpfe, Menschen wie wir – und unglücklich!"
"Fí, fräulein, ist das auch eine von den schönen Lehren, die dir deine Mamsell gibt? Menschen wie du? Du bist von stand, die Bauern nicht, sage mir kein Wort mehr hievon."
"Ach, gnädige Mama, sie bauen ja das Getreide, das wir essen. – Mein Grosspapa ist ja auch ein Pachter gewesen, erbarmen Sie sich – Grosspapa ist ja auch wohl arm gewesen, ehe er reich ward."
Eine derbe Ohrfeige von der Hand der in äusserste Wut gesetzten Mutter unterbrach das gute Kind. Bisher war dies wichtige genealogische Geheimnis jedermann, soviel wie immer möglich, verborgen worden; und hier ward es öffentlich, in einer grossen Gesellschaft von turnier- und stiftsfähigem Adel beiderlei Geschlechts ausgeplaudert! Dies war freilich ein niederschlagender Vorfall, zumal da in dem gesicht mancher Umstehenden, denen das Bewusstsein von sechzehn reinen Quartieren ein gut Gewissen gab, einige Mienen ein wenig Schadenfreude über diese Demütigung einer mesallierten Familie erkennen zu geben schienen.
Die Frau von Hohenauf wollte noch einige Minuten Kontenance halten und fragte das fräulein mit zorniger Miene, wer ihr solch dummes Zeug in den Kopf gesetzt hätte.
Das Kind konnte auf wiederholtes Befragen nicht leugnen, es von ihrer Mamsell gehört zu haben. Dies brachte die Frau von Hohenauf aufs neue in Wut. Sie befahl Marianen, ihr den Augenblick aus den Augen zu gehen, stiess ihre Tochter von sich und würde ihr vielleicht nochmals übel begegnet haben, wenn sie nicht die umstehenden Damen in Schutz genommen und der Frau von Hohenauf durch allerhand Gründe zugeredet hätten, dem kind ein unbedachtsames Wort zu vergeben und, einem so vergnügten Tage zu Gefallen, vielmehr ihre Bitte zu gewähren. Aber die Frau von Hohenauf ward durch diese Vorstellungen sehr wenig besänftigt, ob sie gleich sich zwingen und mit verbissenen Lippen höfliche Antworten geben musste.
Endlich wendete sich die Gräfin von ***, die unter den Vorbitterinnen sich am geschäftigsten