, eine Französin so aufmerksam auf die deutsche Literatur zu finden. Da er gewohnt war, alles, was er sah, auf seine kleine person zurückzuführen, so fiel er schnell darauf, wie möglich es sei (wenn er, wie er zuverlässig hoffte, unter den besten Dichtern Deutschlands einen Platz verdienen würde), dass sein Ruhm auch ausser Deutschland sich ausbreiten, dass seine Gedichte ins Französische übersetzt und von den Damen an allen Höfen Europens gelesen werden könnten. Er wusste es Marianen Dank, dass sie zuerst eine so schmeichelhafte Hoffnung in seiner Seele erreget hatte, und dies zog das Band der angefangenen Bekanntschaft noch fester zusammen.
Mariane auf ihrer Seite sah ihn auch gern, denn er war ein feiner und bescheidener junger Mensch, der sie mit Poesie, wozu ihr die Neigung mit der Muttermilch war eingeflösst worden, angenehm unterhielt. Ausserdem war er die erste Mannsperson, die ihr gesagt hatte, dass sie schön sei und dass ihre blauen Augen mit sanfter, herzrührender Kraft wirkten; und auch ein sittsames und ganz philosophisches Frauenzimmer wird eine solche Nachricht aufs höchste mit einem kleinen Verweise bestrafen.
Die Kenner wollen bemerkt haben, die erste Vereinigung zwischen jungen Personen zweierlei Geschlechts bleibe selten lange so, wie sie war, und trenne sich entweder bald oder pflege nicht allein beständig unvermerkt fortzurücken, sondern auch zuweilen, durch einen ganz kleinen Umstand, mit einem so starken Sprunge fortzuschreiten, dass diejenigen, denen das verborgene Ding, das menschliche Herz, nicht genau bekannt ist, glauben möchten, es geschehe durch eine Art von Zauberei. Dies war der Fall mit Säuglingen und Marianen, die bei einer unvermuteten und dem Anscheine nach ganz geringen Veranlassung von einer blossen Bekanntschaft und wechselseitigen Hochachtung zur Freundschaft und beinahe zu mehr als Freundschaft übergingen.
Es fiel in den Wintermonaten der Geburtstag der Frau von Hohenauf ein. Mariane hatte im Sinne, eine gewisse Absicht durchzusetzen, womit einige Schwierigkeiten verknüpft waren; dies brachte sie, zum erstenmal in ihrem Leben, auf den Gedanken, ihren Zweck durch einen Umweg zu erreichen. Sie sann deshalb ein kleines fest aus, womit dieser Geburtstag sollte gefeiert werden, und teilte ihre Gedanken Säuglingen als einem Poeten mit, der ganz entzückt darüber war, einen Anlass zu haben, seine Talente im Drama zu zeigen, da er bisher nichts als kleine Liederchen gedichtet hatte. Er machte einen Plan zu einem mytologisch-historischen Schäferspiele von drei Personen, der Marianens Beifall erhielt. Hierauf waren alle insgeheim sehr geschäftig: Säugling, sein Spiel in Verse zu bringen, die Kinder, sie zu lernen, und Mariane, für fräulein Adelheid die Tracht einer Nymphe und für die jüngste fräulein und den kleinen Sohn des Predigers im dorf Schäferkleider zu verfertigen.
Am Tage des Geburtsfestes war die Gesellschaft sehr glänzend, denn es waren die Standespersonen aus der ganzen umliegenden Gegend zusammengebeten. Nach der Mittagstafel wurden sie unter einem andern Vorwande in das Orangeriehaus geführt und durch eine Symphonie überrascht, indem sich der Schauplatz öffnete. Er stellte entweder die elysäischen Felder oder die hesperischen Gärten vor und bestand aus acht grossen, blühenden und früchtetragenden Pomeranzenbäumen, die Hinterwand aber war von dem Gärtner mit Wintergrün und Blumenkränzen zusammengesetzt. Die Kinder traten auf, an deren Putze Mariane ihren ganzen Geschmack und an deren Köpfen Picard seine ganze Kunst erschöpft hatte. Dies machte, dass das Spiel den Beifall der Frau von Hohenauf erhielt, wozu auch nicht wenig beitragen mochte, dass sie darin als eine Göttin und ihr Geburtstag als ein Götterfest vorgestellt war.
Die ganze Gesellschaft erteilte einen lauten Beifall; und da die Kinder nach Endigung des Spiels in ihrem Anzuge vom Teater herabstiegen, wurden sie von jedermann und auch von der Frau von Hohenauf mit Liebkosungen überhäuft. So wie sie alle Dinge aus ihrem eigenen Gesichtspunkte betrachtete, so konnte sie nicht genug bewundern, wie natürlich der Schäferhabit dem kleinen Predigersohne stände; aber sie fand, dass ebendiese Art von Kleidung ihr jüngstes fräulein verstelle, ob sie gleich, mit einem gnädigen Kopfneigen gegen Marianen, bemerkte, die Arbeit daran wäre sehr artig. fräulein Adelheid hingegen, in ihrer von Zindel und Flittern glänzenden Nymphentracht, hatte ihren ganzen Beifall. Sie umarmte sie und spielte mit ihren über den Busen gelegten falschen Locken, die ihr prinzessinnenmässig vorkamen.
"Dieser majestätische Anzug schickt sich besser für ein fräulein deines Standes", sagte sie, "als das Schäferkleid deiner Schwester."
Die kleine Adelheid, die ihrer Schwester den leichten fliegenden Anzug und die natürlich herabfallenden Locken beneidet hatte, schlug die Augen nieder und durfte nicht widersprechen.
"Nicht wahr, mein Kind", fuhr die Mutter fort, "nicht wahr, ein Schmuck von Juwelen würde dir besser stehen als dieser schlechte Blumenkranz?"
"Ach nein, gnädige Mama, er würde doch nicht so schön riechen als die Blumen."
"Einfältiges Kind! Was ist Geruch gegen Glanz? Du hast gespielt wie ein Engel, ich muss dich dafür belohnen. Eine Zitternadel ..."
Hier erinnerte sich die kleine Adelheid einer Rolle, die ihr, ausser der von Säuglingen aufgeschriebenen, von Marianen mündlich aufgetragen war.
Es hatte ein armer Pachter eines Bauerguts auf des Herrn von Hohenauf Wildbahn geschossen. Der Jäger hatte ihm das Gewehr weggenommen. Seit sechs Wochen lag er im Gefängnisse, und man machte ihm den Prozess, um ihn an die Karre schmieden zu lassen. Indes der Wirt und Versorger des Hauses fehlte, schmachteten seine Frau und fünf Kinder im Elende. Die guterzige Mariane hatte ihnen, so gut