1775_Nicolai_080_43.txt

wohl gefiel; nächst diesem aber war sein hauptsächlichstes Augenmerk, dem Frauenzimmer zu gefallen, daher er möglichst alle Gesellschaften vermied, die bloss aus Mannspersonen bestanden. In vermischten Gesellschaften sass er allemal einem Frauenzimmer zur Seite und, wenn er wählen konnte, allemal bei der, die den sanftesten blick hatte. Er bewunderte, um Bekanntschaft zu machen, ihre Arbeit, die sie eben verfertigte, lobte ihr wohlgestecktes demi-ajusté20 und sagte ihr über einen assassin tausend artige Sachen. Von da ging er unvermerkt zum Erforschen ihres Verstandes über. Er sagte ihr mit sanft lispelnder stimme, er sehe die kleinen Amorn und Amoretten auf ihrem postillon auf- und niedersteigen und sich unter den Falten ihrer respectueuse verbergen oder andere dergleichen niedliche Imaginatiönchen. Wenn er nun merkte, dass sie Verstand und Geschmack genug hatte, mit seinen lieblichen Empfindungen zu sympatisieren, so fing er gemeiniglich an zu stammeln, sah etwas schafmässig aus und langte sodann aus seiner tasche einige von seinen Gedichten, die er ihr vorlas, wobei er von Zeit zu Zeit mit seitwärts schielenden Augen die wirkung seiner Geistesfrucht zu erforschen suchte. Erhielt er ein ruhiges Gehör und durch einen lächelnden Mund und ein sanftes Kopfneigen gütigen Beifall, so hatte er ein vergnügtes Tagewerk gehabt. Empfing er aber eine laute Bewunderung, bat man sich eine Abschrift des Gedichts aus oder bemerkte er gar, dass der Busen seiner Zuhörerin sich zu einem Seufzer emporhob oder dass sie aus blauen Augen (denen er, als seinem eigenen schmachtenden Charakter am gemässesten, vor allen andern den Vorzug gab) einen empfindsamen blick auf ihn schiessen liess, so zerfloss er in sanften Empfindungen, überliess sich ganz einer zerschmelzenden Zärtlichkeit und war von dem Augenblick an der Sklave der Schönheit, die so gut zu empfinden wusste, was er gedacht hatte. Er holte alsdann aus der Begeisterung ihrer Augen Stoff zu neuen Gedichten, und je mehr ihm diese gefielen, desto mehr gefiel ihm die Schöne, die sie veranlasst hatte und an die sie gemeiniglich gerichtet wurden.

Doch so zärtlich seine Liebe war, pflegte sie nicht allzulange zu dauren. Nicht als ob er unbeständig gewesen wäre, sondern weil der Gegenstand seiner Zärtlichkeit gewöhnlich nach einiger Zeit seine Gedichte nicht mehr so feurig verlangte und wohl gar unvermerkt das Vorlesen zu vermeiden suchte. Sobald er dies merkte, ward er sehr traurig, klagte den Wäldern und den Fluren sein Leiden, tröstete sich aber, wenn ihm ein zärtliches Liedchen über die Untreue seiner Chloris gelang, und fand gemeiniglich um diese Zeit eine andere Zuhörerin, mit der ebenderselbe Roman von vorn an gespielt ward.

Dieser kleine Mann schien freilich denjenigen, die seine zuckersüssen Empfindungen nicht ganz nachempfinden konnten, etwas ungeschmackt21, aber sonst war er das unschädlichste Geschöpfchen unter der Sonne. Er tat nie etwas Böses, war nachgebend, gefällig, mitleidig und guterzig, beleidigte kein Kind, und, beleidigt, war er nie geneigt, sich zu rächen; kurz, er war aller guten Eigenschaften fähig, zu denen nicht notwendig Stärke des Geistes erfordert wird. Wenn es wahr ist, dass durch die Poesie das Herz ihrer Liebhaber weich wird, so war sie es vermutlich, die sein Gemüt so breiweich gemacht hatte, dass es einer herzhaften Tat oder einer kraftvollen Entschliessung sowenig im guten als im bösen fähig war. Seine lebhafteste Empfindung war immer die Begierde, seine Gedichte, und besonders vom Frauenzimmer gelobt zu sehen. Dieser Absicht wegen war sein Kleid immer nach der neuesten Mode geschnitten, sein seidner Strumpf milchweiss und seine Spitzenmanschetten kaffeebraun gewaschen, dieser Absicht wegen sagte er zuerst seinen Nachbarn und Nachbarinnen verbindliche Dinge vor, war gefällig, nachgebend, kam jedermann mit Höflichkeit zuvor und pries mit gleicher Behendigkeit bei den modischen Schönen das Putzwerk, bei den Tugendhaften die Tugend und bei den Witzigen den Witz. War er aber gleichwohl so unglücklich, seine Absicht nicht zu erlangen, so war er viel zu bescheiden, um jemand anders als den stillen Wänden sein Leid zu klagen, und viel zu guterzig, um diejenigen, denen seine Gedichte nicht gefielen, zu hassen. Sobald er nur wirklich merkte, dass jemand seine Gedichte beschwerlich waren, so drang er sie ihm nie auf. Wenn er daher zur Last fiel, geschah es sicherlich ohne sein Wissen; denn seine Absicht war allemal, Vergnügen und Zufriedenheit, die er in so grossem Masse in sich selbst fand, durch seine Gedichte auch um sich herum zu verbreiten.

Vierter Abschnitt

Ein Kenner der Verdienste des schönen Geschlechts, so wie Säugling, musste Marianen unter den übrigen im haus vorhandenen Frauenzimmern sehr bald vorteilhaft unterscheiden, zumal da sie, gleich ihrer Mutter Wilhelmine, bei schwarzen Haaren die schönsten hellblauen Augen hatte. Es war keine von den andern weiblichen Personen mit ihr nur in Vergleichung zu stellen, denn die Frau von Hohenauf hatte grosse graue Augen mit langhaarigten Augenbramen; das Kammermädchen besass ein Paar flachgeschlitzte Augen, aus deren Winkeln beständig ein Paar matte rotgelbe Augäpfel liebäugelten; die beiden fräulein waren noch allzu jung, und die übrigen weiblichen Geschöpfe waren unter der Notiz eines feinen Mannes wie Säugling. Hierzu kam, dass bei der ersten Unterredung Mariane untrügliche Kennzeichen ihres guten Geschmacks merken liess, wodurch Säugling Herz bekam, ihr ein Gedicht vorzulesen, welches Mariane mit so grossem Beifalle anhörte und dessen Schönheiten so fein hervorzusuchen wusste, dass unser Männchen vor Entzücken ausser sich war.

Dies veranlasste eine nähere Bekanntschaft, in der Säugling bald Marianens vor der Frau von Hohenauf bisher so geheimgehaltene Bibliotek von guten deutschen Büchern entdeckte. Er erstaunte nicht wenig