ihren eignen oder fremden Witz die Kinder auswendig lernen zu lassen und sie zu gewöhnen, denselben mit dreister Naseweisheit in Gesellschaft an Mann zu bringen, wodurch denn jedermann, der zu leben weiss, über die frühzeitigen Gaben der Kinder erstaunt, der Mutter über das kleine Wunderwerk, das sie unter ihrem Herzen getragen hat, ein verbindliches Kompliment macht und auch nicht vergisst, der Mamsell im besten zu gedenken.
Hiervon wusste Mariane gar nichts. Sie war vielmehr beim Antritte ihres Amts so unerfahren, dass sie ihren fräulein eine anständige Bescheidenheit anpries, eine gar nicht glänzende Eigenschaft, welche die Frau von Hohenauf höchstens von ihren Bedienten forderte. Sie würde also Marianen sehr bald überdrüssig geworden sein ohne einen kleinen Umstand, wovon in keinem der Systeme der Pädagogik18, in welchen noch ein Kapitel von französischen Mamsellen befindlich ist, ein einziges Wörtchen angetroffen wird.
Mariane hatte von Jugend auf eine grosse Sorgfalt für ihre eigne person getragen und hielt sich überaus reinlich in Kleidung und Wäsche. Sie besass die natürliche Gabe, allen weiblichen Putz sogleich nach dessen Bestandteilen zu übersehen, also auch ihn nachzumachen, nach ihrem Geschmacke zu verbessern und neuen zu erfinden. Dieses Talent kam ihr jetzt sehr wohl zustatten. Wenn ihre fräulein besonders fleissig und gehorsam waren, so belohnte sie ihren Fleiss mit einem nach neuer Mode gesteckten Kopfzeuge oder anderm Frauenzimmerputze, den sie so zu wählen wusste, dass dadurch derselben natürliche gute Leibesgestalt mehr erhoben und in kurzer Zeit ihr ganzer alter Putz mit neuem nach dem besten Geschmacke verwechselt wurde. Den scharfsinnigen Augen der Frau von Hohenauf entging eine so wichtige Veränderung nicht, sondern gereichte ihr vielmehr zu so grossem Wohlgefallen, dass sie Marianen wegen ihrer Geschicklichkeit im Putzmachen den Vorwitz, die Seelen ihrer fräulein bilden zu wollen, zu vergeben anfing. Doch die Gunst ward noch grösser, als, durch so glücklichen Erfolg aufgemuntert, Mariane es wagte, für die Frau von Hohenauf selbst zu arbeiten, die bisher ihren sämtlichen Putz aus der ersten Quelle, aus Paris, verschrieben hatte. Sie brachte eine comète aux zéphyrs19 zustande, die in der nächsten Assemblee ein grosses aufsehen unter den Damen machte, weil Frau von Hohenauf wenigstens um sechs Jahr jünger aussah. Man kann leicht denken, dass dies wichtige Verdienst Marianens Talente zur Erziehungskunst in ein völlig neues Licht setzte. Man füge hinzu, dass Mariane die fräulein, die vorher in ihrer Kleidung etwas nachlässig, ja zuweilen unreinlich gewesen waren, durch ihr eigenes Beispiel zu der Frauenzimmern so anständigen Nettigkeit im Anzuge gewöhnte. Man füge hinzu, dass sie die jugendliche Wildheit der fräulein, die an das, was wohlanständig ist, vorher noch nie gedacht hatten, durch kleine leutselige Erinnerungen bis zu der kindlichen Freimütigkeit mässigte, die mit Bescheidenheit und Sanftmut sehr wohl bestehen kann. Man füge endlich noch hinzu, dass die fräulein wenigstens in ihrer Mutter Gegenwart beständig französisch redeten und in ihrer Fertigkeit in dieser Sprache sichtlich zunahmen; und man wird begreifen, dass die Frau von Hohenauf im zweiten Monate mit ihrer französischen Mamsell weit zufriedener war als im ersten. Wenn sie ja an den fräulein etwas fand, das sie für bas und bourgeois hielt, so nahm sie sich die Mühe, ihnen selbst darüber einen Verweis zu geben. Sie setzte zuweilen die nachsichtsvolle Anmerkung hinzu, dass man freilich von ihrer Mamsell nicht alles fordern könnte, weil sie nicht de qualité sei, wodurch sie in gedrungener Kürze zugleich Marianen tadelte und ihren eigenen Vorzügen ein verbindliches Kompliment machte.
Dritter Abschnitt
Im dritten Monate von Marianens Aufentalte bei der Frau von Hohenauf bekam diese einen Besuch von ihrem Neffen, dem Sohne des Tuchhändlers Säugling. Die Bedienten wurden befehligt, ihn Ew. Gnaden zu nennen, und sie stellte ihn allem benachbarten Adel unter dem Namen des Herrn von Säugling vor. Dieser junge Mensch war mit seinen Universitätsstudien halb fertig, denn er hatte schon zwei Jahre auf einer Universität zugebracht, und es kam nur noch darauf an, dass er ein oder zwei Jahre auf einer andern zubrächte, wohin ihn sein Vater den künftigen Frühling mit einem neuen Hofmeister senden wollte, den er für ihn selbst ausgesucht hatte. Der Sohn hatte den Plan gemacht, sich mit Genehmhaltung seines Vaters den Winter über auf seiner Tante Gute aufzuhalten. Weil sie von Adel war und mit dem benachbarten Adel viel Umgang hielt, der wie sie den Aufentalt auf dem land nicht mit ländlichen Vergnügungen zubrachte, sondern nach städtischer Etikette, mit Besuchen, Gastmahlen, Assembleen, Spielpartien und Bällen, so glaubte er, hier Kenntnis der grossen Welt zu erlangen und alles, was sich vom Schulstaube noch etwa an ihm finden möchte, rein abzuschütteln.
Dieses Schulstaubes konnte nicht so gar viel sein, denn er hatte, als ein reicher Jüngling, sich nicht auf Brotstudien gelegt und noch weniger sich mit den alten Sprachen und mit trocknen wissenschaftlichen Lehrgebäuden beschäftigt, sondern seine Studien waren angenehm und bestanden in Kollegien über die belles lettres und in fleissigem Lesen aller deutschen Poeten, sonderlich derjenigen, die Freude, Wein und Liebe besungen haben. Überdies hatte er Französisch, Engländisch und Italienisch gelernt und war in den Dichtern und besten Kritikern, welche in diesen Sprachen schrieben, nicht unbelesen.
Er hatte sehr viel Gedichte an Phyllis und Doris gemacht, und dies blieb noch beständig, nebst der sorge für seinen Anzug, seine vornehmste Beschäftigung. Dabei hielt er sehr viel von seiner eignen kleinen person, die daher auch beständig geputzt, geschniegelt und auf vier Nadeln gezogen war. Es konnte nicht fehlen, dass er dadurch sich selbst sehr