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war, so waren die beiden fräulein ebenso schlechte Schülerinnen, denn sie hatten zum vornehmen Leben gar keine Anlage. Sie waren ein paar gute Landmädchen mit roten Backen, die vor Gesundheit strotzten. Auf dem hof herumzuspringen oder des Abends die blökenden Herden eintreiben zu sehen war ein fest für sie. Im leichten Röckchen und im glatten Nachtäubchen mit himmelblauem Bande umsteckt gefielen sie sich besser als in dem reichen Anzuge eines stoffenen Schnürkleides mit Pompons besetzt. Wenn Picard seine ganze Kunst an ihren Köpfen beweisen wollte, ward ihnen die Zeit lang; sie gähnten oder sprangen auf und liefen ein paarmal in der stube herum oder haschten einen Schmetterling, der eben zum Fenster hereingeflogen war. Wenn ihre Mutter, wie es oft geschah, Assembleen hielt, wo in dem schön erleuchteten grossen saal der wohlgeputzte benachbarte Adel mit dem ernsten Geschäfte, die Zeit zu töten, an zwanzig Spieltischen beschäftigt war, schlich sich die älteste fräulein, Adelheid, oft in den Garten, die untergehende Abendsonne zu betrachten, den Nachtigallen zuzuhören oder den Duft der Nachtviolen und des Jasmins einzuziehen. Sie hatten beide keinen glänzenden Verstand, wenn es glänzender Verstand heisst, über alle Gegenstände vorschnell und mit Selbstgenügsamkeit ein Redespiel zu halten, noch lebhaften Witz, wenn es lebhafter Witz heisst, Gründe mit Einfällen beantworten und mit Hohngelächter diejenigen aufziehen, die verständiger sind als wir. Aber sie hatten den gesunden Verstand, der sich mit Bescheidenheit und mit Lehrbegierde wohl verträgt, und so viel Anteil an Witz und Scharfsinn, als nötig ist, Gegenstände im gespräche anschaulicher darzustellen. Von dem Stolze ihrer Mutter, der sich auf Verachtung anderer gründete, besassen sie gar nichts. Sie empfanden die Vorzüge ihres Standes bloss alsdann, wenn sie dadurch gelegenheit hatten, wohlzutun, Almosen auszuteilen oder einem Bedienten, der etwas versehen hatte, bei ihren Eltern Vergebung zu erbitten.

Durch so ähnliche Gemütsart entstand bei der Lehrerin und den Schülerinnen sehr bald eine wechselseitige Zuneigung. Diese Übereinstimmung machte auch das mütterliche Verbot ganz unnötig, dass den fräulein nicht strenge begegnet werden sollte; aber überhaupt nahm ihre Erziehung eine Wendung, die den Absichten der Frau von Hohenauf nicht völlig gemäss schien. In den Lehrstunden war anstatt vom adeligen stand, von der décence und von artigen Manieren vielmehr sehr oft die Rede von den Pflichten gegen Gott und die Nebenmenschen. Anstatt zu lehren, wie ein Schminkpflästerchen mit Koketterie zu legen oder wie eine affaire de cœur am rechten Ende einzufädeln sei, worin die gute Mariane ohnedies sehr unwissend war, suchte sie den Kindern vielmehr einzuprägen, dass sie ihren Geist mit nützlichen Kenntnissen auszieren und ihr Herz der Wohltätigkeit und der Menschenliebe beständig offen erhalten müssten. Die "Lettres d'une réligieuse portugaise" wurden daher sehr bald von Basedows "Elementarbuch" und "Hippolyte Comte de Douglas" von Reimarus' "Natürlicher Religion" verdränget.

Hieraus ist leicht abzunehmen, dass anstatt der gebotenen französischen sehr oft die verbotene deutsche Lektur insgeheim werde überhandgenommen haben. Mariane besass viel zuwenig mond, um einzusehen, dass jungen deutschen Damen die deutsche Sprache ganz unnötig ist. Sie hatte noch keinen Begriff davon, dass man, um standesmässig zu leben, in seinem eigenen vaterland fremde werden müsse. Wie konnte es auch anders sein? Die grosse Welt kannte sie sowenig als die jungen fräulein, welche sie unterrichten sollte; sie glaubte treuherzigerweise, man lebe nur, um selbst besser zu werden und um andere Menschen glücklicher zu machen. In solchen spiessbürgerlichen Grillen wollte sie auch ihre fräulein erziehen; daher war der Schaden eben so gross nicht, wenn sie auch Deutsch mit denselben las, indem sie doch die französische Lektur nicht avec gout zu wählen wusste. Sie las lieber "L'ami de ceux qui n'en ont point" als "Les égaréments de l'esprit et du cœur" und lieber "Memnon, histoire orientale" als die "Lettres de Ninon Lenclos" oder den "Almanach de toilette". Mit diesem Geschmacke stimmte der Geschmack der jungen fräulein nur allzusehr überein; denn wenn diese im "Mercure de France" blätterten, so überschlugen sie meistens alle pièces fugitives, chansons, énigmes, logogriphes und présentations und verweilten sich bei einem "Conte moral" von Marmontel oder la Dixmerie, die damals einzeln im "Mercure" zu erscheinen pflegten, oder suchten einen zuweilen eingerückten trait de bienfaisance auf.

In diesem allen fand sich noch sehr wenig du bon ton, welches doch die Hauptsache war, wozu die Frau von Hohenauf ihre fräulein wollte angeführt wissen. Es ist also leicht zu erachten, dass sie mit einer so bürgerlichen Erziehung schwerlich zufrieden sein konnte. Schon in den ersten vier Wochen schien es beinahe, dass sie ihre neue französische Mamsell sehr bald wieder abschaffen würde, denn sie gab derselben bei aller gelegenheit bittere Verweise und tadelte alle ihre Anordnungen. Die fräulein schienen ihr blöder, seit sie bei Marianen waren, hatten gar keine bonne grace, hatten gar keinen esprit, antworteten zu langsam und zu kurz, wenn man sie fragte; ungefragt plauderten sie sehr selten, wussten ihre Reverenz nicht abzumessen und beugten die Knie tief gegen einen Verwalter oder homme d'affaires, wo ein Kopfneigen oder ein nachlässiger Knicks im Vorbeigehen hinlänglich gewesen wäre.

Ausser andern Erfordernissen, die Marianen mangelten, um eine gute französische Mamsell zu sein, fehlte es ihr freilich auch an der den französischen Hofmeisterinnen so gewöhnlichen Politik, allen Leidenschaften der hochadeligen Mutter zu schmeicheln, alles dreifach zu loben, was die Mutter an den Kindern lobt,