haben finden können, als dass sie die Inhaber desselben Schlangen- und Krötenesser17 nennen.
Zweiter Abschnitt
Es ist leicht zu erachten, da der Herr Vetter, ein junger Herr von guter Familie, sich gegen das hochadelige Paar so gefällig zu betragen hatte, wie sehr man von Marianen ebensoviel, wo nicht mehr gefälligkeit verlangte und wie hart dies ihr anfänglich vorkommen musste, einer person, seit ihrer ersten Kindheit so glücklich unabhängig, dass sie von nichts als von ihrer eigenen Vernunft und von der Vernunft und der Liebe zärtlicher Eltern regiert worden war. Das unschätzbare Glück der Unabhängigkeit ist durch keine andere Vorteile zu ersetzen. Man mag von dem mächtigsten, von dem reichsten mann, ja selbst von seinem eigenen Freunde abhangen, so fühlt man die Fesseln, sie mögen noch so weit losgelassen und noch so schön geschmückt sein. Wem das Schicksal die Unabhängigkeit versagt, der mache sich gefasst, einigen der Rechte eines frei gebornen Menschen zu entsagen. Er lerne vergessen, was er am eifrigsten wünscht, nach dem trachten, was ihm verächtlich ist, Fröhlichkeit seines Herzens verbeissen und bei nagendem Kummer ein heiteres Gesicht annehmen. Ist seine Seele zu stark und sein Herz zu empfindlich, als dass er, sooft es verlangt wird, fremden Irrtum eigener Überzeugung vorziehen könne, so kämpfe er den bittern Kampf, über seinen eigenen Verstand zu siegen.
Diesen Kampf hatte Mariane zu bestehen, mit allem, was er Herbes und für den menschlichen Geist Erniedrigendes hat. Sie sah sich jetzt in einem Zustande, den bloss das Wohlwollen ihrer Obern erträglich machen konnte, und nahm sich ernstlich vor, solange es höhere Pflichten erlaubten, sich in allen Dingen ohne Widerrede nach dem Willen der Frau von Hohenauf zu richten und sogar, wenn es möglich wäre, ihren Wünschen zuvorzukommen.
Dies war nun freilich ein schwer auszuführendes Unternehmen, denn die Frau von Hohenauf war sehr auffahrend, sehr eigensinnig und sehr ungleich in ihrem Betragen. Auf ihren Adel äusserst stolz, schien sie alle Personen bürgerlichen Standes für Geschöpfe von einer andern Gattung zu halten, welche sie beständig den grossen Abstand fühlen liess, der zwischen ihr und ihnen bleiben müsse.
Und dennoch stammte sie selbst aus bürgerlichem stand. Ihr Vater, namens Säugling, war ein reicher Pachter gewesen, und ihr Bruder war ehemals ein Tuchhändler in einer Handelsstadt und erwarb nachher im Kriege durch Lieferung an die Armeen ein sehr grosses Vermögen. Dieses bürgerlichen Ursprungs aber war sie nie eingedenk. Vielmehr ging ihr ganzes Tun und Lassen dahin, das Ansehen einer Dame von stand zu erlangen und der Familie ihres Gemahls, die seit länger als hundert Jahren auf ihren angeerbten Gütern Kohl gepflanzt hatte, einen neuen Glanz zu geben. Wäre es nur irgend wahrscheinlich gewesen, dass sie an einem deutschen fürstlichen hof hätte können zur Cour gelassen werden, aus deren Atmosphäre höchstbilligerweise alle Personen ausgeschlossen sind, die keine Ahnen aufzuweisen haben, und wäre ihr Gemahl nur irgend zu etwas anderm geschickt gewesen, als auf die Jagd zu gehen, zu trinken und alle Anordnungen seiner Gemahlin zu bewundern, so hätte sie nicht eher geruhet, bis er sich mit ihr nach hof begeben. Hätte sie einen Sohn gehabt, so würde sie ihn zu einem adeligen amt erzogen haben, und sollte es auch nur eine Fähnrichsstelle gewesen sein. Da sie aber bloss Töchter hatte, so ging sie damit um, ihnen eine so galante Erziehung zu geben, dass sie durch ihr Vermögen und ihre Reize Grafen, Minister oder Generale fesseln könnten, durch welche vorteilhafte Vermählungen sie noch hoffte, am hof und vielleicht im ganzen land in hohes Ansehen zu kommen: die grösste Glückseligkeit, die sie sich in ihrer Einbildung vorstellen konnte!
Mariane war nun das Werkzeug, wodurch beide junge fräulein zu so wichtigen Absichten geschickt gemacht werden sollten. Hiezu war nötig, mit fertigen Lippen von nichts und über nichts französisch zu plappern; alle Vorteile des Putzes ihrem Körper gemäss so zu gebrauchen, damit er, es sei im nachlässigen Nachtkleide oder in der sittsamen Roberonde oder in der prächtigen Galarobe mit ausgespreizetem Panier und schwimmender Schleppe, Augen und Herzen der Kavaliere an sich ziehen müsste; den Verstand aber hauptsächlich zu der wichtigen Untersuchung zu bilden, ob die eroberten Herzen behalten oder ob sie, nachdem damit eine Zeitlang wie mit einem Balle gespielet worden, in den Winkel geworfen werden sollten. Sobald sie dies alles verstanden, so hatten sie die hauptsächlichsten Wissenschaften gelernt, welche ihre Mutter jeder jungen Dame nötig hielt, die in grossen Gesellschaften glänzen will.
Im grund schien Mariane zur Lehrerin so wichtiger Dinge nicht eben geschickt zu sein. Nach ihrem schlichten, gesunden verstand glaubte sie, der Vorzug eines Frauenzimmers bestehe vielmehr darin, dass sie gut als dass sie schön und galant sei. Obgleich selbst sehr wohlgebildet, hatte sie doch niemals Wert darauf gesetzt, vielleicht weil ihr noch nie eine Mannsperson gesagt hatte, sie sei schön. Zum Putze hatte sie zwar, ohne es zu wissen, eine natürliche Geschicklichkeit, indem ihr alles sehr wohl anstand, was sie selbst anlegte oder für andere wählte, welches den Friseur Picard bewog, sie für eine wirkliche Französin zu halten; aber sie hatte den Putz noch niemals gebraucht, um Absichten damit zu erreichen. Sie kannte die Reize der grossen Welt nicht und verlangte auch nicht, sie zu kennen, denn ihre mässigen Wünsche waren bisher sehr leicht befriediget worden. Ihr höchster Wunsch war vorher, die Liebe ihrer Eltern zu verdienen, und jetzt, ihre Pflicht zu erfüllen.
Wenn Mariane eine schlechte Lehrerin