1775_Nicolai_080_4.txt

der Verfasser das Staatsrecht nicht verstehe und dass er im Kirchenrecht gefährliche Neuerungen einzuführen zur Absicht habe; man wird sich vielleicht ins Ohr raunen, dass er verschiedene Gelehrsamkeit nicht für Gelehrsamkeit, verschiedene Gelehrten nicht für gelehrt und verschiedene berühmte Leute nicht für berühmt halte und so weiter.

Man könnte ihn sonach etwa zum Scheiterhaufen verbannen, in den Bann tun, in eine Festung schicken oder auch ein Buch wider ihn schreiben, ein Pasquill auf ihn machen oder ihm beweisen, dass er kein gutes Herz habe, sondern ein hämischer und boshafter Mensch sei.

Doch vielleicht könnte auch von allem diesem nichts geschehen. Vielleicht lieset niemand dieses Buch, niemand findet etwas Besonders darin, und es erregt vielleicht bloss die vorübergehende Aufmerksamkeit eines Gewürzkrämers, der schon bei sich überdenkt, welche dauerhafte Kaffeetüten aus dem haltbaren Papiere könnten gemacht werden. Indes dürften sich auch wohl einige wenige Leser finden, die sich an dem Leben des Sebaldus, bloss weil er ein ehrlicher, aufrichtiger Mann ist, eine Viertelstunde ergötzen oder von seinen Meinungen gelegenheit nehmen möchten, über gewisse Materien weiter nachzudenken; allein da offenbar dies bei weitem nur die kleinere Anzahl sein kann, so werden sie eben nicht in Anschlag gebracht werden können.

Erstes Buch

Erster Abschnitt

Die ersten Monate nach der Verheiratung pflegen sonst neuverehelichten Paaren die Zeit einer girrenden Zärtlichkeit zu sein, aber der Pastor Sebaldus und die schöne Wilhelmine waren zu Anfange ihrer Ehe in ihrem Betragen gegeneinander wenn nicht kalt, doch etwas verlegen. Die landmännische Treuherzigkeit des Mannes und die feine Hofmanier seiner jungen Frau machte einen Abstand zwischen ihnen, so dass der Pastor sich noch nicht recht dareinschicken konnte, mit ihr als mit seinesgleichen umzugehen; Wilhelminen war hingegen noch immer der wohlgeputzte Hof vor Augen, den sie verlassen hatte. Das Andenken an die prächtigen, von der Fürstin abgelegten Kleider, in denen sie sich oft der gaffenden Menge der Zofen und Kammerdiener gezeigt hatte, verleidete ihr ihren ländlichen, aber neugemachten Anzug. Es war ihr sogar, als ob ihr etwas fehlte, dass sie ferner nicht hohen Personen mit tiefer Verneigung aufzuwarten hatte, und das Glück, unabhängig zu sei, schien ihr Erniedrigung. Die ungekünstelten Schönheiten der natur, womit sie auf dem land umgeben war, konnten sie noch nicht wegen des Flitterstaats der Kunst schadlos halten, den sie nun nicht mehr erblickte. Sie erinnerte sich mit sehnsucht der glänzenden Szenen von Bällen, Konzerten und Schlittenfahrten, die sie oftangesehen hatte, noch mehr des gnädigen Kopfneigens der Fürstin, durch das sie zuweilen unter der Menge gaffenden Hofgesindes war hervorgezogen worden. Sie tat bei jeder gelegenheit kleine Reisen in die Stadt und unterliess nicht, ihre Aufwartung bei hof zu machen. Sie merkte aber gar bald, dass man sich am hof um die nicht bekümmert, die man nicht braucht, und dass ihre Stelle von andern eingenommen war. Dies kostete ihr zwar einige Tränen, war aber doch die erste Ursache, dass sie die gute Seite ihrer jetzigen Lage und die guten Gesinnungen ihres Sebaldus einzusehen anfing, welche zu bemerken sie bisher durch sein unmodisches Kleid und durch seine schiefgepuderte Perücke war verhindert worden. Sie erwiderte seine Liebkosungen mit freundlichen Blicken, er kam ihr mit Freundschaftsbezeugungen zuvor. Aus diesem Wechsel von Gefälligkeiten entstanden bei ihnen gegenseitige Empfindungen einer Glückseligkeit, die sie vorher noch gar nicht gefühlt hatten.

Von dieser Zeit an vergass die schöne Wilhelmine völlig den Hof und ward ganz eine Landwirtin. Vorher hatte sie nur zu gehorchen gewusst, nun begann sie zu regieren. Es kostete ihr einige kleine Liebkosungen, so begann Sebaldus, der bisher als halber Wilder gelebt hatte, sich fleissiger den Bart zu putzen und nicht so viele Federn auf seinem schwarzen Rocke zu leiden. Durch gleiche Freundlichkeit erstreckte sie bald ihre herrschaft auf ihre Nachbarinnen, die von ihr bisher durch ein gnädiges Hoflächeln verscheucht worden waren. Nun erwarb sie derselben Vertrauen, erteilte den Wohlhabenden guten Rat, den Armen Almosen und ward in kurzer Zeit im Kirchspiele ebenso beliebt, als ihr Mann schon vorher gewesen war.

Diese Liebe hatte sich Sebaldus durch die Sorgfalt, die er für seine Gemeinde trug, erworben. Er war in den Häusern seiner Bauern als ein Vater und als ein Ratgeber willkommen. Nie liess er es dem Bekümmerten an Trost, nie dem Hungrigen an Labsal fehlen. Er war von allen häuslichen Vorfällen unterrichtet, nicht weil er in das Hausregiment der Laien einen Einfluss zu haben suchte, sondern weil er von ihnen selbst bei allen ihren Verlegenheiten um Rat, bei allen ihren Zwistigkeiten um Vermittelung ersucht ward. Er schalt in seinen Predigten nicht auf die Laster, aber wenn ein Laster in der Gemeinde verübt wurde, pflegte er, ohne desselben zu gedenken, die entgegengesetzte Tugend einzuschärfen. Daher richtete er seine Predigten auch mehr nach den Bedürfnissen seiner Gemeinde als nach der Folge der Evangelien ein. Er hat wohl eher über das Evangelium vom Zinsgroschen, von den Vorteilen eines mässigen und nüchternen Lebens gepredigt, bloss weil sich kurz vorher ein paar Bauern in der Schenke betrunken hatten. Als er einst vergeblich versucht hatte, zwei Bauern, die in offenbarer Feindseligkeit lebten, zu vergleichen, und von dem einen hart mit Worten war angelassen worden, predigte er am Tage Sankt Stephani des Märtyrers von der ersten Pflicht wahrer Christen, ihren nächsten zu lieben, und gedachte der empfangenen Scheltworte nicht, ob ihm gleich die Worte des Evangeliums: "Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind" die schönste gelegenheit dazu gegeben hätten.

Zu beklagen war