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, es sei jetzt Frieden!

Als Sebaldus seinem Freunde Hieronymus diesen Vorgang erzählte, fand dieser bestätigt, was er schon längst befürchtet hatte, nämlich dass für den Sebaldus in dem Fürstentume weiter keine Beförderung zu hoffen sei.

Nach einigen Tagen erfuhr man, dass der Präsident einem Fiskale aufgegeben habe, den Sebaldus fiskalisch anzuklagen, weil er im Kriege für fremde Truppen Rekruten geworben, zehen wirklich aus dem land geschafft und den Sohn des Generalsuperintendenten für Geld habe loslassen wollen.

Sebaldus lachte über eine so ungereimte Anklage und konnte nicht es erwarten, sich vor Gerichte zu stellen, um durch blosse Erzählung der Wahrheit seine Feinde zu beschämen.

Hieronymus aber versicherte ihn, vermöge seiner Erfahrung in Weltändeln: dass derjenige, der wissentlich eine falsche Anklage tue, nicht durch die Wahrheit beschämet werde; dass man einen mächtigen Mann alsdann am meisten fürchten müsse, wenn er offenbar ungerecht anklage, und dass bei einem fiskalischen Prozesse nie etwas zu gewinnen, sehr oft aber viel zu verlieren sei.

Nachdem beide den wahren Zustand der Sachen reiflich überlegt hatten, so kamen sie überein, dass des Sebaldus mächtige Feinde ihn im land nicht dulden würden, daher es für ihn jetzt sicherer sein möchte, abzuziehen als sich mit Gewalt wegtreiben zu lassen.

Das Empfehlungsschreiben des Majors nach Berlin ward also hervorgesucht. Hieronymus stellte seinem Freunde eine Summe Geldes zu, welche er aus den bei ihm zurückgelassenen Mobilien gelöset zu haben versicherte, die aber Sebaldus' Erwartung so sehr übertraf, dass er vermutete und es sich merken liess, sein Freund habe auch hier freundschaftlich gehandelt.

Die Post nach Berlin war bestellt. Sebaldus, weil er noch nicht wusste, wie lange sein Aufentalt in Berlin dauern könne, nahm nur in einem kleinen Koffer das Allernotwendigste mit sich. Das übrige nebst seinem Kommentare über die Apokalypse, der schon zu ein paar hundert Heften angewachsen sein mochte, liess er bei seinem Freunde Hieronymus stehen.

Nun setzte er sich, nach zärtlichem Abschiede, auf den Postwagen und trat seine Reise an.

In der zweiten Nacht ward der Wagen, unweit der brandenburgischen Grenze, in einem wald unvermutet von Räubern überfallen, dergleichen damals nach eben geschlossenem Frieden mehrere herumschwärmten. Sie schlugen den Postillon auf der Stelle tot, und Sebaldus, der einzige Passagier, empfing einen Schlag auf den Kopf, wovon er betäubt zur Erden fiel. Als er wieder zu sich kam, war die Sonne aufgegangen, der Postillon lag tot ausgestreckt, der Postwagen war beraubt und sein eigner Koffer gänzlich ausgeleert. Seine Kleider hatten ihm die Räuber gelassen, vermutlich weil deren schlechtes Ansehen sie nicht in Versuchung führen konnte, und er fand auch in einer tasche noch etwas kleines Geld. Sein Rekommandationsbrief war aber weg, welches ihn zwar bestürzt machte; doch tröstete er sich dadurch etwas, dass er so klug gewesen, seinen Kommentar über die Apokalypse zurückzulassen, welcher sonst auch der grössten Gefahr, verlorenzugehen, würde ausgesetzt gewesen sein. Er suchte aus dem wald herauszukommen und folgte der ersten Landstrasse, die er fand, ohne zu wissen, wohin sie ihn führte.

Drittes Buch

Erster Abschnitt

Sobald Mariane nebst ihrem französischen Namen auf dem Wohnsitz des Herrn von Hohenauf anlangte, war die gute französische Aussprache der erste Gegenstand der Untersuchung. Die gnädige Frau konnte sehr füglich darüber urteilen, weil sie selbst mit einem angenehm gemischten halb türingischen, halb wetterauischen Akzente Französisch sprach. Sie erklärte nach einer viertelstündigen Unterredung, dass Marianens Aussprache ohne Tadel sei, und fragte ihren Gemahl, ob sich nicht gleich die Aussprache einer gebornen Französin von der Aussprache einer Deutschen durch ein gewisses je ne sais quoi unterscheide, welches dieser mit einem deutlichen "Allerdings!" bekräftigte, da ihn seine Gemahlin schon seit den ersten Tagen ihrer Vermählung gewöhnt hatte, alles, was sie mit einem gewissen Tone fragte, sogleich zu bejahen.

Nun schritt die gnädige Frau zur Instruktion der künftigen Hofmeisterin ihrer Kinder. Der Hauptpunkt war, dass sie beständig französisch und niemals deutsch mit ihnen sprechen und die Kinder anweisen sollte, sich als Personen von stand zu betragen und jederzeit artige Manieren zu haben. Hierauf ward gefragt, ob sie gelegenheit gehabt habe, öfter Personen von stand zu sehen und ihr Betragen zu beobachten. Mariane, ob sie gleich hier eine Französin vorstellte, hatte doch das zuversichtliche Bejahen noch nicht gelernt, welches schon oft sowohl mancher französischen Hofmeisterin und Kammerjungfer als manchem französischen Kammerdiener und Projektmacher aus der Not geholfen hat; sie bekannte daher mit Erröten, sie sei selten in dem Falle gewesen.

"Desto schlimmer", sagte der Herr von Hohenauf, "denn bei der Erziehung vornehmer Kinder ist das notwendigste, ihnen standesmässige Manieren beizubringen. Zum Glücke kann Sie dem Mangel abhelfen, Mamsell, wenn Sie fleissig auf meine Gemahlin achtat, denn die ist ein vollkommenes Muster standesmässiger Aufführung."

Die Frau von Hohenauf neigte ihr mit starken Knochen versehenes Vorderhaupt nachlässig auf die rechte Schulter, blinzelte mit ihren grauen, rotunterlaufenen Augen, lächelte über ein Paar vorwärts geworfene Lippen und sagte:

"Sie sind sehr gütig, Herr von Hohenauf; aber wahr ist's, dass ich immer die décence in meinem Betragen zu beobachten suche, die Personen vom stand eigen ist. Hiernach, Mamsell, muss Sie meine fräulein auch bilden, damit sie sich niemals vergessen, sondern beständig vor Augen haben, wer sie sind. Dies muss Sie selbst auch niemals aus den Augen lassen, sondern bedenken, dass Sie in meinen fräulein Personen von stand vor sich hat. Sie muss ihnen beständig mit