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Freunde in Berlin. Er versicherte, wenn Sebaldus einmal nach Berlin kommen sollte, werde ihn dieser Freund auf Vorzeigung des Briefes freundschaftlich aufnehmen, und bei demselben würde er auch beständig Nachricht von des Majors Aufentalt bekommen können. Er gebot ihm, von diesem Briefe Gebrauch zu machen, wenn, wie er noch immer befürchtete, Stauzius sein Versprechen nicht halten sollte, und gelobte ihm mit den heiligsten Schwüren seinen Beistand, sobald er desselben benötigt sei und nur Nachricht davon geben wolle.

Was den Major gegen den guten Generalsuperintendenten so gar sehr misstrauisch gemacht habe, ist schwer zu sagen. Vermutlich war es dessen Physiognomie. Ob aber insbesondere ein weit gegen das Ende der Nase vor sich gehendes Nasläppchen15 oder eine spitze Stirn oder eine eingekerbte Oberlefze oder grünlichte Zähne oder ein hörbarer Atem oder nur überhaupt sein superintendentenmässiges Ansehen16 daran schuld gewesen, würde der berühmte Herr Lavater am sichersten berichten können, wenn er den Generalsuperintendenten Stauzius gesehen hätte. Der Erfolg schien indes, wenigstens anfänglich, das Misstrauen des Majors gar nicht zu rechtfertigen. Stauzius nahm den Sebaldus mit sich in die fürstliche Residenzstadt zurück. Er hätte ihn in sein Haus aufgenommen, aber Sebaldus wollte nirgend als bei seinem Freunde Hieronymus abtreten. Inzwischen erwies ihm Stauzius alle mögliche Höflichkeiten, und er ward von demselben sowohl als von dem Präsidenten nicht selten zu gast geladen; sonderlich nachdem der fremde Oberste, dem er sein Empfehlungsschreiben überreicht hatte, sich öffentlich für seinen Beschützer erklärt und ihn dem Präsidenten zu einer baldigen Wiederbeförderung ausdrücklich empfohlen hatte. Auch ward er wirklich in den nächsten drei Monaten zu zwei im land vakant gewordenen Pfarren vorgeschlagen. Nur war unglücklicherweise auf die eine schon vorher einem andern die Anwartschaft gegeben worden, und die andere hielt der Präsident für nicht einträglich genug, obgleich Sebaldus meinte, sie sei einträglicher als seine verlassene Pfarre. Der Generalsuperintendent widerlegte ihm dies und gab ihm zu verstehen, dass man einem solchen mann eine Spezialsuperintendentur zu geben gedächte. Nun waren zwar alle Spezialsuperintendenten des Fürstentums in der Blüte ihrer Jahre, befanden sich wohl an Fleisch und Knochen, assen und tranken gut und studierten wenig, so dass man freilich auf eine Vakanz in kurzem nicht gewiss rechnen konnte. Da aber doch ein Schlagfluss den Gesundesten befallen kann und ein hitziges Fieber auch keinen Spezialsuperintendenten verschont, so war es nicht offenbar unmöglich, dass Sebaldus, obgleich beinahe sechzig Jahre alt und vom Mangel und Kummer etwas gebeugt, eine solche Stelle vor seinem Ende noch unvermutet erhalten könnte.

Sebaldus liess sich indes, bis zur Erfüllung dieser Hoffnung, die Zeit gar nicht lang werden, da er bei seinem Freunde Hieronymus aufs freundschaftlichste aufgenommen war. Weil er in dessen Laden immer bekannter ward, so fing er an, bei dessen oftmaligen Reisen verschiedenes für ihn zu besorgen. Wenn hingegen sein Freund zugegen war, hatte er völlige Musse, an seinem Kommentare über die Apokalypse zu arbeiten, worin er sich so vertiefte, dass er die Hoffnung zu einer Pfarre vielleicht ganz vergessen haben würde, wenn sie Stauzius nicht erneuert hätte, sooft er ihn zu gast bat.

Inzwischen war in den ersten Monaten des folgenden Jahres der allgemeine Frieden geschlossen worden, welchem zufolge der fremde Oberste mit seinen Truppen wegging. Diese Veränderung brachte eine grosse Veränderung in den Herzen und auf den Gesichtern vieler Leute in dem kleinen Fürstentume hervor. Insbesondere schienen der Präsident und der Generalsuperintendent den ehrlichen Sebaldus nicht mehr so genau zu kennen als vorher. Sie liessen ihn nicht mehr zu sich bitten. Wenn er sich bei dem erstern anmeldete, so sagte der Bediente schon an der tür, dass Seine Exzellenz Mittagsruhe hielten oder dass Sie eben Geschäfte hätten oder dass Sie heute niemand sprächen. Wenn er den letzteren zu sprechen verlangte, so kamen, nachdem er eine halbe Stunde in dem Visitenzimmer gewartet hatte, Seine hochwürdige Magnifizenz zwar im Schlafrocke, mit oder ohne Perücke, zum Vorscheine und vergassen auch niemals, beim Weggehen ihn Ihrer Gewogenheit zu versichern; aber obgleich verschiedene Vakanzen vorfielen, dachte doch niemand mehr daran, den guten Sebaldus vorzuschlagen.

Endlich ward nach ein paar Monaten eine Predigerstelle in einem benachbarten kleinen Städtchen offen, die Sebaldus unter andern deshalb gern gehabt hätte, weil Hieronymus den dasigen Viehmarkt zu besuchen pflegte und er sich ein grosses Vergnügen dabei vorstellte, seinen einzigen Freund jährlich zweimal zu sehen und in seinem haus aufzunehmen. Er wagte es also, dem Generalsuperintendenten abermal aufzuwarten und zum ersten Male sich selbst um eine Stelle zu melden.

Stauzius warf die Sache nicht ganz weg; aber nach einigem Ha und Hem fing er an, dem Sebaldus vorzustellen: er würde selbst einsehen, wie nötig es wäre, wenn von seiner wirklichen Beförderung die Rede sein sollte, das gegebene Ärgernis dadurch zu heben, dass er vor dem Konsistorium seine irrige Meinungen, besonders von der Ewigkeit der Höllenstrafen, widerriefe, auch sich wegen der höchstwichtigen Lehre von der Genugtuung dem Sinne der symbolischen Bücher gemäss erkläre, indem er sich mit Betrübnis erinnere, in Leipzig darüber von ihm eine höchst bedenkliche Äusserung gehört zu haben.

Sebaldus sagte mit Erstaunen: er wundere sich über diese Zumutung, werde aber um keines zeitlichen Vorteils willen die einmal erkannte Wahrheit verleugnen.

Stauzius verwies ihm in nicht völlig sanftem Tone seine Hartnäckigkeit, gebot ihm, von seiner ketzerischen Lehre abzustehen, und erinnerte ihn zuletzt, indem er durch einen Griff an seine violettne Mütze das Zeichen zum Abschiede gab, mit trocknem Amtsgesichte: dass jetzt die Zeit nicht mehr wäre, da man durch feindliche Gewalt in den Weinberg des Herrn einzudringen suchen müsse. Gottlob