1775_Nicolai_080_35.txt

ich in Feindes land bin, habe ich noch keinen Menschen gepeinigt, aber, Herr, den Bösewicht will ich peinigen. Der Sohn soll ewig Soldat bleiben, und den alten Bärenhäuter will ich krumm schiessen lassen, bis er alles Unrecht ersetzt, das er einem so braven mann wie Er, Herr Magister, getan hat!"

Hier rief er den Unteroffizier herein: "Hör Er", sagte er, "den Augenblick arretiere Er den fremden Superintendenten im 'Blauen Hechte', der Kerl ist ein Spion, er ist ...", hier schloss ihm der Zorn den Mund.

Der Unteroffizier, der einen teil von Stauzius' geschichte wusste, strich sich den Bart und sagte lächelnd, er wäre eben unten im haus.

"Gut, so lass Er den Schurken gleich heraufkommen", rief der Major.

Sebaldus bat, gehört zu werden, und liess nicht ab, zu bitten, dass er den Superintendenten wenigstens nur jetzt, in dieser Gemütsverfassung, nicht sehen möchte. Der Major liess sich bewegen und rief zur Tür hinaus, der Superintendent sollte warten.

Sebaldus fing nun an, dem Major weitläuftig vorzustellen, dass ihm mit dem Unglücke der beiden Stauze gar nicht gedient sei, dass er die Rettung des Sohnes wünsche und dem Vater von Herzen vergebe, weil Religion und Moral ihm verböten, Rache zu hegen, dass ...

"Zum tausend Element, Herr", rief der Major, "lasse Er sich von der Religion verbieten, was Er will, mir soll sie nimmer verbieten, dass ich einen Schurken bestrafe und einem ehrlichen mann Recht verschaffe, wenn ich zu beiden die Gewalt in Händen habe."

"Sie wollen gerecht gegen meinen Feind sein, Herr Major, sein Sie es auch gegen mich. Was sollen tugendhafte Leute von mir denken, wenn ich eine so grausame Rache an meinem Feinde nehme?"

"Was sie denken werden? Herr, dass Er recht hat! Der alte Bösewicht hat Ihn nicht allein von Haus und Hof gebracht, er ist auch am tod Seiner Frau schuld, er hat Seine Kinder unglücklich gemacht. Herr, ich habe nie Frau oder Kinder gehabt, aber, straf mich Gott, hätt ich sie, so würde ich sie lieben wie meine Seele, und wer mich darum brächte, den hasste ich bis in den Tod und wollte ihm den Degen durch die Rippen jagen, sobald ich ihn vor mir hätte."

"Aber wollten ihm doch nicht durch einen andern hinterrücks einen Dolch in die Seite stossen lassen?"

"Herr, Herr! – Wofür sieht Er mich an? Ich selbst sehe meinem Feinde das Weisse im Auge und lass' ihn dann sich verteidigen, wenn er kann."

"Mein Freund, Herr Major, ist ja wehrlos! Wäre es Ihnen anständig, einem verteidigungslosen mann den Dolch ins Herz zu stossen? Würde es mir anständig sein? Mein Stand verbietet mir, Unrecht mit dem Schwerte zu rächen; meine Religion gebietet mir, es zu vergeben und Böses mit Gutem zu vergelten. Ich wäre nicht wert, Friede und Versöhnung gepredigt zu haben, wenn ich durch Sie mich an meinem Feinde rächen wollte, da er ohne Verteidigung in Ihrer Gewalt ist, wenn sich diese schreckliche Rache bis auf einen unschuldigen Jüngling erstrecken sollte, der mich nie beleidigt hat, noch mehr, der mein Gastfreund ist, der in meiner elenden Schlafstelle Schutz und Zuflucht gesucht hat. – Nein, Herr Major, erniedrigen Sie mich nicht so sehr! Lassen Sie den jungen Menschen frei. Lassen Sie mich an dem Vater die viel edlere Rache nehmen, ihm zu zeigen, dass der, den er beleidigt hat, sein wahrer Freund ist. Seine Bestrafung überlassen Sie seinem eigenen Gewissen, das in niemand schläft, der eine böse Tat begangen hat."

"Blitz und Hagel! Dass ein Pfaffe nobler denken soll als ein Soldat! – Herr, Er hat recht!" (Hier wischte er ein paar Tränen ab, die ihm über seine grauen Augenwimper tröpfelten.) "Der junge Kerl soll los. Aber der Kapitän wird ihn nicht umsonst losgeben, das will ich auch nicht. Ich will ihn dem Hauptmanne bezahlen, aber Ihm, Herr Magister, soll der Vater das Lösegeld geben; ich schenke Ihm den Rekruten zwar, aber ich will das Lösegeld bestimmen."

Sebaldus mochte einwenden, was er wollte, der Major schritt nach der tür zu und rief den Superintendenten hinein.

Stauzius, der eben mit Schrecken die Wendung der Sache vernahm, war vor Angst halb ausser sich und trat in der Stellung eines armen Sünders hinein. Der Major sah ihn von oben bis unten an und sagte: "Sein Sohn, Herr, ist ein Deserteur und muss hangen oder sechsunddreissigmal Spiessruten laufen. Einem so schlechten Kerl zu Gefallen, wie Er ist, Herr Superintendent, oder was Er sonst sein mag, würde ich ihn zwar nimmermehr losgeben; aber hier steht ein ehrlicher Mann, auf dessen Fürbitte soll Seinem Sohne nicht allein die Strafe erlassen sein, sondern Er soll ihn auch loshaben, wenn Er tausend Taler für ihn bezahlt."

Stauzius, halb erfreut, halb bestürzt, stellte stammelnd vor, dass eine so starke Summe nicht möglich wäre.

"Herr, räsoniere Er nicht. Der Kerl hat elf Zoll, Er soll tausend Taler geben, und zwar keine Bernburger; oder Sein Sohn soll Gassen laufen, und Ihn will ich hinstecken lassen,