und da ist Er versorgt. Lasse Er sich also anwerben, es finden sich gewiss Leute, die Ihm ein gutes Handgeld geben werden."
Sebaldus sagte lächelnd: "Es war eine Zeit, wo es mir sehr übelgenommen ward, dass ich Leuten geraten hatte, in den Krieg zu gehen."
"Ja, das war etwas anders, an heiliger Stätte schickte sich dies nicht. Aber jetzt ..."
"Soll ich an Ihres Sohnes Stelle vielleicht Soldat werden?"
"An meines Sohnes Stelle? Was weiss Er von meinem Sohne?"
"Ich weiss, dass Ihr Sohn sich hat anwerben lassen, dass er gestern abend aus der Wache entsprungen ist, dass ich ihn bei mir aufgenommen habe und dass ich bloss zu Ihnen gekommen bin, um Ihnen zu melden, dass er bei mir in sichrer Verwahrung bleiben soll, bis Sie sein Schicksal werden können zu verbessern suchen. Ich verlange von Ihnen keinen Dank dafür, weil ich gegen einen Menschen Mitleid empfand und es ihm bloss deshalb nicht versagen wollte, weil er Ihr Sohn war. Wollen Sie noch, dass ich mich für ihn soll anwerben lassen? Wenn dies das einzige Mittel wäre, Sie und Ihren Sohn glücklich zu machen, so wäre es in dem Elende, worin ich schmachte, nur ein geringes Opfer."
Stauzius war ganz erstaunt und versetzte stammelnd, dass Sebaldus – wirklich sehr gütig wäre; und nun folgte eine Unterredung, deren Schluss war, dass der junge Stauzius so lange bei Sebaldus bleiben sollte, bis der Vater seine Loslassung bewirkt hätte.
Nun ging Sebaldus nach haus, den Jüngling zu trösten. Aber er hatte kaum Zeit, das Vorgegangene zu erzählen, als ein Kommando Soldaten in die stube stürzte und beide auf die Hauptwache schleppte, wo sie den ehrlichen Marktelfer schon fanden.
Stauzius erfuhr diesen Vorfall sehr bald und dachte ihn sogleich zu seinem Vorteile anzuwenden. Es war ihm rechter Ernst gewesen, seinen Feind Sebaldus oder den Marktelfer anstatt seines Sohnes anzuwerben und dadurch desselben Loslassung um einen desto wohlfeilern Preis zu bewirken. Er fand aber sehr bald, dass die Loslassung des jungen Stauzius jetzt weit mehr Schwierigkeiten habe als vorher, da der Hauptmann gar nicht geneigt war, anstatt eines Rekruten, den er losgeben sollte, sich einen vorschlagen zu lassen, den er auch schon in seiner Gewalt hatte.
In diesem Zustande blieben die Sachen einige Tage, in denen Sebaldus alles, was Elend und Kummer Schreckliches haben kann, ausstehen musste. Ohne Nahrung, ohne Lager, war er den ganzen Tag dem Lärmen und dem Spotte roher Soldaten ausgesetzt, und innerlich nagte ihn der Kummer, dass dadurch sein Wohltäter, der Marktelfer, auch unglücklich geworden war. Mit diesen traurigen Gedanken beschäftigte er sich eines Tages, als der Unteroffizier, der ehemals durch seine Predigt zehn Rekruten erhalten hatte, in die Wache trat, um sich nach einem Arrestanten zu erkundigen. Er erblickte unter andern den Sebaldus, lief auf ihn zu, drückte ihm treuherzig die Hand und fragte, wie er hieherkäme. Sebaldus erzählte es kürzlich. Der Unteroffizier schwor mit einem kräftigen Fluche, dass ein so rechtschaffener Mann nicht länger im Gefängnisse bleiben sollte, ging stehenden Fusses zu seinem Major, der das Bataillon kommandierte, und in weniger als einer Stunde kam er zurück, befreite sowohl Sebaldus als den Marktelfer und führte den erstern sogleich mit sich zum Major.
Dieser war ein Mann in seinem siebenundfünfzigsten Jahre, der seit seiner ersten Jugend Soldat gewesen und von unten auf gedienet hatte. Er war brav wie sein Degen, aber seine moralischen Grundsätze würden, wenn man sie nach Millers Einleitung in die Mosheimische "Sittenlehre" oder nach sonst irgendeiner teoretischen Moral hätte prüfen wollen, freilich sehr unzusammenhängend und widersprechend erfunden worden sein. Er glaubte die Unsterblichkeit der Seele nicht und bekümmerte sich doch sehr wenig um die Fortdauer seines Lebens, sondern setzte es sehr oft ohne sonderliche notwendigkeit in Gefahr. Er war eben nicht sehr religiös und auch eben nicht ein Lobredner des geistlichen Standes; dennoch aber ehrte und beschützte er ihn vor allen andern. Er ging selten in die Kirche, aber seine Soldaten hielt er sehr streng dazu an. Er schwor und fluchte sehr oft, aber kein Subaltern durfte fluchen, wenn er es hörte. Er war aus Temperament keusch; aber auf einen jungen Soldaten, von dem er wusste, dass er sich niemals in ein Mädchen verliebt hatte, liess er beständig achtgeben, weil er sich nicht viel Gutes zu ihm versah. Sein Versprechen, wenn er es einmal gegeben hatte, war unwiderruflich; gleichwohl widersprach er seiner eignen Meinung schnell, sobald er merkte, er könnte geirret haben. Er beleidigte kein Kind, aber, beleidigt, war er äusserst rachgierig aus dem Grundsatze: ein braver Mann müsse nichts auf sich sitzen lassen.
Als Sebaldus vor ihm erschien, nahm er ihn bei der Hand und dankte ihm für die zehn schönen Rekruten, die er durch seine geistreiche Predigt dem Bataillon verschafft hätte. Als ihm aber Sebaldus in der Folge des Gesprächs erzählte, welche traurige Folgen diese Predigt für ihn und seine Familie gehabt habe, geriet er in ein tiefes Nachsinnen, worin er den Sebaldus von Zeit zu Zeit anblickte, und als dieser fortfuhr zu erzählen, dass der Superintendent Stauzius, der Vater des arretierten Rekruten, die eigentliche Ursache seines Unglücks sei, sprang er auf und rief mit einem kräftigen Schwure aus:
"Wohl mir, dass ich den alten Schurken in meiner Gewalt habe! Solange