Einkommen mit ihm teilte und seinem geist durch freundschaftliche und lehrreiche gespräche die Tätigkeit wiedergab, die das Elend zu vernichten pflegt. Er kam, zwar als es schon dunkel ward, doch beizeiten nach seinem Keller zurück, weil der Torgroschen ein Kapital war, das er zu sparen nötig hatte. Er war schon in den finstern gang getreten, der zu seiner Schlafstätte führte, als er in einiger Entfernung sich etwas regen sah und bei näherer Untersuchung einen Menschen in einem Winkel sitzend fand.
Sebaldus hielt ihn für einen Dieb, und ob er sich gleich etwas entsetzte, so sagte er doch ganz kalt:
"Freund, wenn du etwas zu stehlen suchst, so bist du hier an den unrechten Ort gekommen."
"Ach, mein lieber Herr", antwortete eine unbekannte stimme, "ich bin kein Räuber, verraten Sie einen Unglücklichen nicht."
"Nein, Freund", sagte Sebaldus, "ein Mensch, der selbst elend ist, ist nicht grausam." Und hiemit ging er in die schon geöffnete Kellerstube, schlug Licht an (denn sein Wirt, der Marktelfer, war noch nicht zu haus) und erblickte einen jungen Menschen, wohlgestaltet, aber totenblass. Sebaldus bot ihm die Hand, führte ihn hinein, hiess ihn gutes Mutes sein und fragte, wie er hieherkäme.
"Ich habe", sagte der Jüngling, "studiert; aber bei einer unglücklichen Schwärmerei auf einem dorf, welche die Jugend Lustbarkeit nennt, in einer Stunde, wo ich meiner Sinne nicht mächtig war, habe ich mich zum Soldaten anwerben lassen. Die Reue folgte auf diesen Schritt nur allzubald. Ich wusste, dass mein Vater Vermögen hat, meine Loskaufung zu bezahlen. Er ist Generalsuperintendent in ***."
"Wie? In ***? Und er heisst?"
"Stauzius."
"Ich kenne Ihren Vater", sagte Sebaldus sehr gelassen, "und Sie sollen hier einen sichern Aufentalt haben, bis Sie an Ihren Vater schreiben können."
"Das ist schon geschehen. Er antwortete mir, dass er morgen vormittag mit der Landkutsche hier eintreffen werde. Ich sollte aber schon morgen früh mit einem Rekrutentransporte abgehen. Ich war ausser mir vor Furcht, dass alsdann meines Vaters Hilfe zu spät kommen möchte, und da die Schildwacht auf einen Augenblick nicht aufmerksam genug war, entsprang ich im Dunkeln und dachte, in diesem Winkel unentdeckt zu bleiben. Was ich morgen tun soll, weiss ich nicht; denn mein Vater ist ein strenger und harter Mann, und ich fürchte mich beinahe so sehr, ihm unter die Augen zu treten als meinen Werbern."
"Fürchten Sie sich nicht, er wird väterliche Gesinnungen haben. Ich bin auch Vater; wenn ihn auch fremdes Unglück nicht rührt, wird das Unglück eines Sohnes ihn rühren. Ich will Ihren Vater aufsuchen, wenn ich nur einigermassen weiss, wo ich ihn treffe."
"Er ist leicht zu finden, er wird im 'Blauen Hechte' abtreten, wo Sie nur nach dem Passagier fragen dürfen, der mit der jenaischen Landkutsche angekommen ist."
Unter diesem gespräche kam der Hauswirt, der ehrliche Marktelfer, nach haus. Ob er sich gleich vor den Soldaten sehr fürchtete, so liess er sich doch durch natürliches Mitleid und durch Sebaldus' Zureden bewegen, den Fremden aufzunehmen, und stand ihm einen Anteil an dem gemeinschaftlichen Strohlager zu.
Des andern Morgens ging Sebaldus beizeiten nach dem "Blauen Hechte" und ward sogleich in das Zimmer des Fremden geführt, den er suchte. Die Kleidung des Sebaldus und die Hagerkeit seines Gesichts zeigte, dass er ein Sohn des Elendes war; und Stauzius, den das Bewusstsein eigener Wichtigkeit niemals verliess, konnte sich nichts anders vorstellen, als Sebaldus, vom Elende niedergedrückt, wolle eine reinere Ortodoxie angeloben und sich zu anderweiter Beförderung empfehlen. Weil er aber noch nicht geneigt war, einem alten Gegner seiner Meinungen so geschwind zu vergeben, dass dessen Grundsätze vernünftiger gewesen als die seinigen, so fuhr er ihn beim ersten Anblicke an:
"Ist es nicht entsetzlich, dass einen die Bettler überlaufen, wenn man kaum aus dem Wagen gestiegen ist? Was will Er, Freund? Denke Er nur nicht, dass ich Ihm glauben werde, wenn Er mir etwas vom Widerrufe seiner grundstürzenden Irrtümer vorschwatzen will; das sind lauter leere Worte. Er ist viel zu lange in Finsternis gewandelt, als dass man von Ihm eine aufrichtige Besserung hoffen könnte. Wir wollen bei uns keine Wölfe in Schafskleidern haben; ich möchte einem Menschen, der einmal so verdammliche Grundsätze gehabt hat, nicht einmal einen Küsterdienst anvertrauen. Was will Er also von mir? Ich kann Ihm nicht helfen."
Sebaldus antwortete sehr gelassen:
"Ich komme nicht meinetwegen, ich kenne Sie und mich zu genau, als dass ich von Ihnen Hilfe erwarten sollte."
"Und doch", sagte Stauzius, der den Sebaldus von oben bis unten ansah und in diesem Augenblicke auf seine Leibesgestalt ein Projekt baute, "und doch könnte ich Ihm vielleicht einige Hilfe angedeihen lassen! Er ist in elenden Umständen, das sehe ich, im geistlichen stand ist nichts für Ihn zu tun, was will Er also anfangen? Höre Er an, werde Er Soldat; zwar ist Er nicht mehr jung, aber Er ist beinahe sechs Fuss lang, und man wird's daher nicht so genau mit dem Alter nehmen. Kann Er ja die Strapazen nicht ausstehen, so wird Er ins Lazarett gebracht,