wieviel Fleiss an jede Art der Übersetzung zu wenden nötig ist und welche Mittel anzuwenden sind, damit ihre Übersetzungen allentalben angepriesen und dem berühmten mann öffentlich gedanket werde, der die deutsche gelehrte Welt damit hat beglücken wollen.
Sebaldus: Sie wissen, wieviel Fleiss an eine jede Art der Übersetzung zu wenden nötig ist? Gehört denn nicht einerlei Grad von Fleiss zu jeder Übersetzung, wenn sie in ihrer Art gut sein soll? Magister: Keinesweges! Dies kann nach den Umständen sehr verschieden sein. Zum Beispiel zu teologischen Büchern tut gemeiniglich ein hochwürdiger Herr einem Buchhändler den Vorschlag, sie unter seinem Namen und mit seiner Vorrede übersetzen zu lassen; es versteht sich aber, dass er das Buch nicht selbst übersetzt, sondern er gibt es gegen zwei Dritteile der mit dem Verleger abgeredeten Bezahlung an einen seiner Arbeiter ab.
Dieser verdingt es gemeiniglich gegen drei Vierteile dessen, was ihm der hochwürdige Herr gönnen will, an einen dritten, der es zuweilen, wenn die Manufaktur stark gehet, an einen vierten gegen fünfzehn Sechzehnteile dessen, was er bekommt, ablässt. Dieser übersetzt es wirklich, so gut oder schlecht er kann. Bei dicken Beweisen, dass der Messias schon gekommen ist6, bei biblischen Geschichten in zwölf Bänden, bei voluminösen Dogmatiken, bei Predigten, aus dem Französischen oder Engländischen übersetzt, kann dies ohne Bedenken gewagt werden; denn die Leser solcher Bücher merken nicht, ob irgendwo etwas falsch übersetzt sei; und die teologischen Kunstrichter sind nicht so schlimm, dass sie durch den Namen eines berühmten Vorredners oder durch ein höfliches Schreiben eines Bruders im Herrn nicht sollten zur Duldung und Schonung einer schlechten Übersetzung bewegt werden können. Die Ausgaben der Übersetzungen historischer Werke, Reisebeschreibungen und dergleichen sind meistens das Werk der Buchhändler, die sich dazu einen wohlgebornen oder hochedelgebornen Herrn aussuchen, weil in diesem Fache die Übersetzungsunternehmer nicht so häufig sind als im teologischen Fache. Doch werden solche Übersetzungen gemeiniglich auch an Unterarbeiter ausgeteilt.7 Diese müssen sich aber schon mehr in acht nehmen, dass sie wenigstens die eigenen Namen richtig übersetzen und die Jahrzahlen recht abschreiben, denn auf solche Sachen lauern unsere historische Rezensenten wie Falken. Dagegen ist auch nicht soviel daran gelegen, ob etwa die Vorstellungen der begebenheiten und die eingestreuten Reflexionen etwas flüchtig und schielend übertragen wären; auf die Art werden sie der Schreibart einiger deutschen Geschichtschreiber desto ähnlicher, die in ihrer Freunde gelehrten Zeitungen und Journalen gewohnt sind, am lautesten gelobt zu werden! Aber neue Komödien und neue Romane muss meistens der selbst übersetzen, der als Übersetzer bekannt sein will, weil diese Bücher allzu vielen Lesern in die hände kommen; und hier sind die Kunstrichter gleich bei der Hand und lassen sich selten durch einen berühmten Namen vom Tadel abschrecken.
Sebaldus: Ich erstaune immer mehr über das, was Sie da sagen. Es ist mir, als ob Sie von einer andern Welt redeten. Sie können auch unmöglich Deutschland im Sinne haben!
Magister: Sie vielmehr kommen aus einer andern Welt, aus der schönen Welt der Imagination, wo jeder berühmte Mann viel Verdienste hat, wo jeder Schriftsteller zu Untersuchung der Wahrheit schreibt, wo die Vorreden wahre Nachrichten vom buch entalten, wo niemals ein Journalist den Verfasser anschwärzt, dem er nicht wohlwill, wo kein beleidigter Schriftsteller Kabalen macht, wo ein Lehrer der Tugend auch allemal tugendhaft und ein Lehrer der Weisheit weise ist. Mein lieber Freund, träumen Sie nicht ferner, so angenehm Sie auch träumen mögen; sehen Sie um sich herum, was in Deutschland vorgeht, und Sie werden finden, was ich Ihnen sage, ist keine Erdichtung.
Sebaldus: Nun, wenn auch jemand einmal so etwas unternähme, so kann doch das Publikum nicht lange in der Verblendung bleiben; und dann wird es mit der Manufaktur bald zu Ende gehen.
Magister: Unser Publikum ist sehr nachsehend, zumal bei dicken Büchern, das heisst bei denjenigen, welche die Übersetzer von Profession am liebsten wählen. Ich versichere Sie, dass wenigstens der dritte teil der deutschen Bücher auf diese Art fabriziert wird. Denn ich sage nicht zuviel, wenn ich behaupte, dass beinahe die Hälfte der neuen deutschen Bücher Übersetzungen sind, und ich sage gewiss zuwenig, wenn ich nur zwei Drittel der Übersetzungen als Manufakturarbeit ansehe.
Sebaldus: Gott behüte! Die Hälfte unserer neuen Bücher sind Übersetzungen! Was wird denn alles übersetzt?
Magister: Was? Bogen und Alphabete! Um den Inhalt bekümmert sich weder Verleger noch Übersetzer, zum höchsten der Leser, wenn er will und kann.
Sebaldus: Allein da wird denn auch der Leser gemeiniglich sehr unzufrieden sein.
Magister: Ach nicht doch! Die Leser der Übersetzungen sind gutwillige Seelen. Sie haben gegen alles, was schwarz auf weiss gedruckt ist, eine grosse Ehrerbietung. Und wenn sie auch etwas nicht recht verstehen, so nehmen sie die Schuld selbst auf sich und zählen Übersetzer und Verfasser los. Kein deutscher Leser wird das Unglück einer neuen Übersetzung machen, sowenig als noch ein deutsches Parterre jemals eine neue übersetzte Komödie ausgepfiffen hat.8
Sebaldus: Aber wenn auch niemand es merket, so ist's doch einem Gelehrten unanständig, die Gelehrsamkeit bloss zu einem schimpflichen Gewerbe zu machen und die Fortpflanzung der Wahrheit und Tugend ganz aus den Augen zu setzen.
Magister: Seien Sie aus allzu grosser Gerechtigkeit nicht ungerecht. Unser Vaterland kann von den Gelehrten nicht mehr fordern, als es um sie verdient. Wo ist das deutsche Land, wo ein deutscher Gelehrter als Gelehrter leben kann? Wo ist es möglich, ohne