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Freund, den Pastor, hatte besuchen wollen. Er fand aber im Pfarrhause anstatt seines Freundes den Magister Tuffelius und den Superintendenten, die eben abgespeiset hatten und nach Tische bei einem Glase Wein sich noch von alten Geschichten unterhielten, von der Konvention zu Kloster-Seven und von dem Ateismus, der in den brandenburgischen Landen statt der symbolischen Bücher eingeführt werden sollte, und dergleichen mehr. Sie nötigten ihn aufs freundlichste hinein, sobald er aber von ihnen den ganzen Vorgang erfuhr, setzte er sich, alles Nötigens ungeachtet, wieder zu Pferde und ritt nach dem ihm bezeichneten Bauerhause.

Hier fand er den traurigsten Anblick. Das Kind im Sarge, die Mutter erblasset, die Tochter halb ohnmächtig, den Vater vor Schmerz betäubt, den guterzigen Bauer, der anfing, ihnen Trost zuzusprechen, da er selbst Trost nötig gehabt hätte. Beim Anblicke des Hieronymus ergoss sich das weiche Herz Marianens in einen Tränenstrom. Sie zeigte auf die Leiche ihrer Mutter und Schwester, ihre Blicke sagten mehr als ihre gestammelten Worte. Hieronymus konnte auch nichts als Tränen anstatt Worte hervorbringen. Mariane fiel erschöpft in seinen Armen in Ohnmacht. Er brachte sie mit Hilfe des guterzigen Bauers wieder zu sich. Nun ging seine sorge auf Sebaldus, welcher dasass, starre Blicke auf beide geliebte Leichen geheftet, ohne Empfindung dessen, was um ihn vorging. Auf alles Zureden des Hieronymus antwortete er nur durch abgebrochene Worte, tiefe Seufzer und starre Blicke gegen Himmel. Endlich stand er auf, hob beide hände empor, faltete sie und brach folgendermassen aus: "Ja, ich habe unrecht, o meine verklärte Wilhelmine, dich zu beklagen, dass du einer Welt voll Elend, voll Betrug, voll Bosheit bist entrissen worden, wo das Laster in güldenem Stücke gehet, wo Tugend und Menschenfreundschaft betteln muss, wo fühllose Priester noch jenseit dieses Lebens ihre Verdammungen ausspenden. Wohl dir, dass du gestorben bist! Zwar betrübt mich dein Abschied jetzt sehr, aber wieviel freudiger wird unsere Zusammenkunft sein, wenn wir uns in dem himmlischen Jerusalem wiedersehen werden, wo kein Verbanntes mehr sein wird, wo wir sehen werden den lautern Strom des lebendigen Wassers, klar wie ein Kristall, wo die, die da siegten an dem Tiere und seinem Bilde und an der Zahl seines Namens, stehen werden und haben Gottes Harfen und singen das Lied Mosis und das Lied des Lämmleins und sprechen: Gross und wundersam sind deine Werke, Herr Gott, Allmächtiger, gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, du König der Nationen! Wer sollte dich nicht fürchten, Herr, und deinen Namen verherrlichen, weil du so gnädig bist!"

Mit diesen und andern Worten der Apokalypse suchte Sebaldus Kräfte, sein Leid zu ertragen. Hieronymus liess ihn in dieser beruhigenden Ekstase, ging zu seinem Mantelsacke, der noch auf dem Pferde lag, holte daraus ein paar gebratene Hühner und unter einem seiner Pistolenhalfter eine geschliffene Flasche Rheinwein hervor, denn er pflegte auf Reisen die Pistolen für seine Feinde und den Wein für seine Freunde bei sich zu führen. Er zog seinen schweren Reiserock aus und bereitete in der Scheune das Mahl, von dem er und der Bauer, ihrer Traurigkeit ungeachtet, dennoch herzlich assen, weil beide hungrig waren. Sebaldus und Mariane aber nahmen, auf wiederholtes Zureden, wenigstens so viel zu sich, dass der Körper in den Stand gesetzt ward, die Bekümmernisse der Seele zu ertragen.

Nach der Mahlzeit trug Hieronymus mit dem Bauer Wilhelminens erblassten Körper und den Sarg der kleinen Tochter in die Scheune, die dem Sebaldus bisher zum Nachtlager und noch kürzlich zum Speisezimmer gedient hatte. Er riet Sebaldus und Marianen, nunmehr ihren Körper zu pflegen, da sie die Toten nicht mehr pflegen könnten. Er versprach, in zwei Tagen wiederzukommen und für Wilhelminens und des Kindes Begräbnis zu sorgen. Zuletzt erbot er sich, alsdann Sebaldus und Marianen mit sich nach der Stadt zu nehmen, wo sie in seinem haus willkommen sein sollten. Beide nahmen ein so freundschaftliches Anerbieten mit Dank an. Hieronymus bat Vater und Tochter nochmals, ihre Traurigkeit zu mässigen, gab, als er seinen Reiserock aus der Scheune holte, dem Bauer etwas Geld, um sie besser pflegen zu können, umarmte sie und ritt nach haus.

Siebenter Abschnitt

Nach zwei Tagen erschien Hieronymus vor des Bauers Hütte, abermal zu Pferde. Ihm folgten zwei von seinen Kornwagen, leer, nur dass auf einem ein Sarg stand, worin Wilhelminens Leichnam gelegt ward. Unterdes der Bauer mit seinen und Hieronymus' Knechten des Sebaldus sämtliche Mobilien auf die Wagen packte, ging Hieronymus zum Magister Tuffelius, um für die doppelte Beerdigung die Gebühren zu bezahlen. Tuffelius bezeigte über des Sebaldus Unfälle ein christliches Mitleiden, versicherte, er hege gegen denselben gar keine Feindschaft, und um sein verträgliches Gemüt zu zeigen, erbot er sich sogar, der sel. Frau Pastorin eine öffentliche Leichenpredigt zu halten, wenn es dem Herrn Hieronymus beliebte, die Gebühren dafür zu entrichten. Dieser fand es aber nicht nötig, sondern kehrte nach dem Bauerhause zurück, wo er mit Beihilfe des guterzigen Bauern die Beerdigung beider Leichen besorgte und unmittelbar darauf Sebaldus und Marianen mit sich nach der Stadt nahm.

Sie hielten sich einige Monate in Hieronymus' haus auf, ohne dass ihnen der geringste Unfall begegnet wäre. Zwar hielt Doktor Stauzius den Sonntag nach ihrer Ankunft eine scharfe Gesetzpredigt über den Spruch: Einen ketzerischen Menschen meide!, worin er sehr deutlich zeigte, dass derjenige, der einen ketzerischen Menschen beherberget, sich seiner Sünden teilhaftig machet