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zu der grossen Masse des Kummers seinen reichlichen Anteil hinzu. Charlottchens Krankheit stieg schnell bis auf den äussersten Gipfel. Je mehr die Säfte ihres Körpers in die schreckliche Gärung gerieten, welche alle Teile aus der Mischung, worin sie sich einander zusammenhalten und ernähren, in die versetzet, worin sie sich einander zerstören und auflösen, desto mehr nahm ihr zarter Geist an gezwungener Stärke, an tumultuarischer Tätigkeit zu. Phantasien traten an die Stelle der Empfindungen und ein stumpfes Hinbrüten an die Stelle der Ruhe, die Körper und Geist erquickt. Sie geriet endlich einen Tag lang in einen betäubenden Schlummer, woraus sie mit der Heiterkeit einer gesunden person erwachte. Sie streckte ihre kleinen hände mit einem zärtlichen Lallen nach dem Bette ihrer schwachen Mutter aus, redete ihren Vater und ihre Schwester an, welche sie seit acht Tagen bei aller zärtlichen Bemühung derselben, ihr zu helfen, nicht gekannt hatte, richtete ihr Haupt auf, forderte ihres Vaters Segen, aber, indem er einen Schritt zu ihr trat, sank sie tot in die arme ihrer Schwester. Mariane tat einen lauten Schrei, Sebaldus fiel auf den entseelten Körper, die schwache Wilhelmine richtete sich auf, als ob sie ihrer Tochter helfen wollte. Umsonst, sie war dahin. Nun sank Sebaldus in die tiefe Betäubung, die keinen teil des Elends einzeln empfindet, weil das Ganze die Seele völlig eingenommen hat. Auch Marianens Kräfte reichten nicht zu, so viel Unglück zu ertragen. Sie fiel unter einem Strome von Tränen auf ihr Lager und blieb den ganzen Tag in einer betäubenden Mattigkeit, ohne dass sie imstande war, ihrer kranken Mutter die gewöhnlichen zärtlichen Liebesdienste zu leisten. Wilhelmine aber, welche bisher in der äussersten Entkräftung gelegen hatte, rief alle ihre Lebensgeister hervor, um ihr überschwengliches Elend zu empfinden, denn bei grosser Wehmut ist die Wehmut selbst der einzige Genuss. So schwach sie war, fand sie doch Kräfte, bald zu klagen, bald zu seufzen, bald, weil selbst der Anblick der Leiche ihre Zärtlichkeit stärker auf die Lebendigen zog, ihren Mann und ihre Tochter zu trösten. Sie wollte sogar aufstehen, um denen Handreichungen zu leisten, deren Handreichung sie selbst nötig hatte. Aber hier merkte sie, dass ihr Körper schwächer war als ihr Geist, denn nun fiel sie ermattet nieder und konnte nur noch bloss durch Zureden Trost geben. So brachte diese unglückliche Familie eine Nacht und einen Tag zu, ihr Elend ganz zu fühlen und einen sehr kleinen teil davon durch wechselseitigen Trost zu erleichtern. Am Ende dieses Tages fiel Wilhelmine in eine ausserordentliche Ermattung und in ein mit vieler Hitze verknüpftes Fieber. Kaum konnte sie gegen Mitternacht einen unruhigen, unerquickenden Schlaf geniessen. Sie brachte den folgenden Tag in einem schmachtenden Zustande hin. Gegen Abend ergriff sie das Fieber mit viel stärkerer Hitze, sie erwachte des andern Morgens bei Sonnenaufgang äusserst entkräftet und empfand etwas, dergleichen sie noch nie empfunden hatte. Sie legte ihre Hand in die Hand ihres Mannes, der nebst Marianen die ganze Nacht über nicht von ihrem Bette gewichen war, und sagte mit schwacher stimme: "Ich sterbe, ich fühle es. Vergib es mir, lieber Mann, dass mein unbedachtsamer Entusiasmus, den ich oft genug bereuet habe, die unerwartete Folge gehabt hat, unsere ganze Familie unglücklich zu machen. 'Der Tod fürs Vaterland'' ist der Vorwand unsers Unglücks; wollte Gott, ich könnte ihn sterben, diesen Tod! Doch, ich würde glauben, fürs Vaterland gestorben zu sein, wenn unser Unglück, von einer empfindsamen Seele nacherzählt, unsere Geistlichen warnen könnte, wegen Verschiedenheit der Lehre nicht die bittere Feindschaft aufeinander zu werfen, die die eigentliche Ursache unsers Unglücks ist. Meine Absicht war gut. Mich und unsere Feinde richte der allmächtige Gott, der das Innerste der Herzen kennet. – Lebe wohl, meine liebe Tochter, lebe so, wie dich deine Eltern gelehret haben, tugendhaft und unsträflich. Gott gebe, dass du deinen Bruder noch einmal glücklich wiedersehest. Ist's möglich, so unterstütze deinen alten Vater, solange er lebt. Gott sei dein Erhalter! Seiner Vorsorge empfehle ich dichdenn leider von Menschen bist du verlassen! Umarme mich!"

Hier entrannen Tränen ihren sich brechenden Augen. Mariane küsste sie auf und drückte ihren Mund auf den Mund ihrer Mutter, deren Haupt in diesem Augenblicke sanft auf ihre linke Schulter sank, und die matten hände glitten ab, die sie eben um ihre Mariane schlingen wollte. Sie entschlief. Mariane hatte nur noch Kraft, ein wimmerndes Seufzen hören zu lassen, indem sie ihr nochmals den kalten Mund küsste und die mütterlichen Augen zudrückte. Sie fiel stumm zurück, ohne Träne, gleich einem unbeweglichen Bilde. Sebaldus in tränenloser Verzweiflung, stumm und staunend, sass ohne Bewegung, ausser dass er seinen düstern blick von der Leiche seiner kleinen Tochter zu der Leiche seiner Frau wendete. So sassen zwischen zwei geliebten Leichen zwei Lebende, totenähnlich, in stummem Todeskummer. Der einzige laut, den man hörte, war von dem guterzigen Bauer, der, auf der Bank am Ofen sitzend, den Kopf an die Wand gelehnt, innerlich schnuckte.

Sie sassen so, und der Mittag war vorbei, ohne dass jemand sich gereget oder etwas zu sich genommen hätte, als ein Mann in einem grossen Reiserocke und in einer Reisekappe vor der tür vom Pferde stieg und in die stube trat. Es war Hieronymus, den sein Rückweg von einer Geschäftsreise durch dieses Dorf führte und welcher daher seinen alten