. Kein Wunder, wenn wir schon ganz ausgehungert sind!" Indem er das sagte, kam der Kammerdiener und fragte, ob es Seiner Hochgräflichen Gnaden gefällig wäre, das Frühstück zu sich zu nehmen.
"Ja", sagte der Graf, "und gebt noch ein Kuvert für den Herrn Pastor. Sie müssen wissen", fuhr er fort, "dass ich meinen Küchenzettel zu Mittage und Abend selbst mache, aber das Frühstück zu wählen, überlasse ich meinem Koche; der sinnet denn, mir jeden Tag etwas Neues zu machen, das ist mir unerwartet und reizt ein wenig den Appetit. Wir wollen einmal sehen, was wir heute zum besten haben. Aha, einen Kapaun, und mit Trüffeln gefüllt – nicht übel, hier haben Sie, Herr Pastor!" Hiemit legte er dem Sebaldus ein Stück vor, und nun ging weiter kein Wort aus seinem mund, so dass Sebaldus, nachdem er ein paar Bissen verzehrt hatte, Zeit genug bekam, seine und seiner Familie Not vorzutragen. Der Graf schüttelte dabei den Kopf, sagte mit vollem mund manches Hm und brach endlich aus: "Herr Pastor, ich wüsste nicht, wie ich Ihnen helfen sollte, die zeiten sind gar zu elend. Ja, wenn die preussischen Einfälle nicht wären! Stellen Sie sich nur vor, dass gestern der Rittmeister, der eine Meile von hier auf Postierung steht, sechzehn Stück Rotwildbret in meinem Holze hat schiessen lassen, und noch dazu meistens Ricken. Da möchte man vergehen, jetzt in der Setzzeit." Sebaldus versicherte Seiner Gräflichen Gnaden, dass er von Ihnen keine weitere Unterstützung verlangte als nur Dero hohes Vorwort bei dem Konsistorialpräsidenten, damit er nicht aus der Pfarre geworfen werde. "Ja so", versetzte der Graf, "mein Vorwort wollen Sie haben? Ich bedaure, dass ich Ihnen damit nicht dienen kann, denn ich komme jetzt gar nicht mehr nach der Stadt; sehen Sie, man isst da gar zu erbärmlich, zumal beim Präsidenten, dem komme ich in meinem Leben nicht wieder. Er hat mir vor einem halben Jahre eine Zwiebelsuppe und darin kleine Nürnberger geräucherte Würste vorgesetzt, ich begreife gar nicht, wie eine menschliche Kreatur sich mit so etwas nähren kann. Nein, Herr Pastor, bleiben Sie heute mittag bei mir, nur auf ein Gericht Gerngesehn, aber das doch besser sein soll als ein Traktament beim Präsidenten." Sebaldus entschuldigte sich damit, dass er heute noch zu haus sein müsse. "Nun, so bedauere ich, dass ich Sie nicht bei mir sehen kann. Leben Sie wohl, Herr Pastor, meinen Empfehl an die Frau Liebste." Sebaldus stand nach also erhaltenem Abschiede voller Verwirrung auf, machte drei oder vier Bücklinge, griff dem Grafen nach dem Schlafrockzipfel, der ihn aber zurückschlug und dafür den Pastor umarmte, der, ganz verwirrt über diese gräfliche Gnade, wieder Bücklinge vorwärts und rückwärts zu machen anfing, so dass er nicht wusste, wie er zur tür hinauskam, und da er hinaus war, nicht wusste, ob er freudig oder betrübt sein sollte.
Indes nach kurzer Zeit fing die Betrübnis wieder an, die Oberhand zu gewinnen. Er sah nur allzuwohl ein, dass er jetzt alle Hoffnung verloren hätte, von seinen Gönnern einige Hilfe zu erlangen, und wanderte traurig nach haus. Aber wie gross war sein Entsetzen, da er sein Haus von einem andern eingenommen, seine Familie in einer fremden Hütte, seine Frau und seine jüngste Tochter auf dem Krankenbette und seine älteste Tochter ganz in Tränen zerfliessend antraf! Er sank trostlos auf eine Bank nieder, stand nach einigen Minuten auf, umarmte seine Frau und seine Kinder. "Ich bin nicht so glücklich gewesen", sagte er, "bei Menschen einige Hilfe für uns zu finden; wir müssen alle Hilfe von dem allmächtigen Gott erwarten, und der wird die unglückliche Unschuld nicht verlassen."
Sechster Abschnitt
Wilhelminens Krankheit nahm sehr schnell zu, und bei der kleinen Charlotte, die einige Tage in der äussersten Hitze lag, fingen sich an die Blattern zu zeigen. Der ehrliche Bauer pflegte sie so sehr, als es seine eignen notdürftigen Umstände erlaubten. Er gab ihnen seine einzige stube ein, und er und Sebaldus schliefen abwechselnd in der Scheune und wachten bei den Kranken; Mariane aber kam ihrer kranken Mutter und Schwester nie von der Seite. Alles, was möglich war, um ihnen Erleichterung zu verschaffen, tat sie, aber leider war nur sehr wenig möglich, denn mit jedem Tage vermehrte sich das Elend. Wilhelmine in der äussersten Entkräftung, Charlottchen mit zusammenfliessenden Eiterbeulen überdeckt, keine Arznei, wenig Speise, keinen Freund ausser dem ehrlichen Bauer, keine Hoffnung, dass dieser Zustand verbessert werden, keine Aussicht, wie man darin fortleben könne. Schon seit mehrern Wochen hatte die Familie von dem Verkaufe einiger Wäsche und Mobilien gelebt, die der Bauer, wenn er zum Markte fuhr, in der Stadt verhandelte. Es war zu übersehen, dass diese kleine Hilfe nicht lange dauren könnte. Hernach zeigte sich der kommende Winter, keine Nahrung, kein Obdach, das bitterste Elend. "O grosser Gott", rief Sebaldus aus, "verdienet eine Abweichung von den symbolischen Büchern, dass eine Familie, welche beständig nach deinen Geboten zu wandeln beflissen gewesen, in den kläglichsten Mangel gestürzt werde!"
Inzwischen beschäftigte das gegenwärtige und vergangene Elend den Geist viel zu sehr, als dass oft an das künftige gedacht werden konnte. Jeder Tag setzte