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grausamen Metzelungen, welche die Reichsexekutionsarmee unter den preussischen Heeren zuletzt angerichtet hatte, in der Stille das Herz zu laben. Eben beim Zeitungslesen traf ihn Sebaldus an, und dies war für sein Anliegen nicht vorteilhaft. Der Hofmarschall fuhr ihn ziemlich darüber an, dass er nicht Busse gepredigt hätte, anstatt durch seine Predigt eine Armee zu verstärken, wovon, wenn das verwünschte Rekrutieren nicht wäre, schon kein Mann übrig sein müsste. Er hielt ihm dabei eine lange Predigt vom deutschen vaterland, die der berühmte Verfasser des deutschen Nationalgeistes und der Reliquien irgendwo auch einmal gehört haben muss, weil man in diesen Büchern wörtlich wiederfindet, was damals der alte podagrische Hofmarschall zum Pastor Sebaldus sagte. Nachdem diese Lektion eine halbe Stunde gedauert hatte, kam er auf Sebaldus' Anliegen zurück, weshalb er ihn an den Konsistorialpräsidenten verwies. Doch versicherte er ihn, als ein alter Hofmann, höflich bei allen Gelegenheiten seiner Protektion und hob seine Hand auf, um an seine Schlafmütze zu greifen; weil er aber vermutlich vergass, dass er die Hand nicht wohl beugen konnte, empfand er plötzlich einen so empfindlichen Schmerz, dass er ein Sakra ... ausrief, sogleich nach Goezens "Todesbetrachtungen" griff und laut anfing zu lesen: "Betrachtung am 15. Junius."

Sebaldus war durch diesen Besuch wenig getröstet worden. Er suchte seinen Freund Hieronymus auf, hörte aber, derselbe wäre verreiset; er ging daher nach einem wirtshaus, wo er den Rest des Tages blieb. Des andern Morgens früh machte er sich auf nach Rennsdorf, dem Sitze des Grafen von Nimmer, wo er gegen elf Uhr ankam. Diese Zeit, die dem bürgerlichen teil der menschlichen Gesellschaft beinahe Mittag ist, war für den hochgräflichen Greis kaum Morgen. Seit einer halben Stunde ungefähr hatte er das Bette verlassen, hatte das wichtige Geschäft des Küchenzettels abgefertigt und war jetzt beschäftigt, auf einem weichen Sofa seine Schokolade einzuschlürfen und auf die Verdauung der gestrigen Mahlzeiten zu warten. Sobald sich Sebaldus anmelden liess, ward er sogleich vorgelassen. Er näherte sich mit wenigstens zwanzig Bücklingen dem hochgräflichen Lager und stammelte etwas einem Komplimente Ähnliches, welches der Graf in eine Frage nach seinem Befinden verdolmetschte und nach verschiedentlichem Räuspern antwortete: "Nicht recht wohl, mein lieber Herr Pastor, mein böser Morgenhusten quält mich alle Tage mehr! Ich kann nichts mehr essen. Gestern habe ich's gewagt, eine Auerhahnpastete zu kosten, die liegt mir heute noch im Magen. Ich bin gar zu schwach. Selbst die Melonen wollen mir nicht bekommen, die Ananas machen mir Blähungen. Ich habe mir heute bloss ein einziges Ragout fin bestellt, ich muss heute fasten, um meinen Magen wiederherzustellen. Aber ist's nicht elend, mein lieber Herr Pastor, wenn man nicht essen kann?" Sebaldus antwortete mit einem tiefen Seufzer: "Jawohl, Ew. Hochgräfliche Gnaden, beinahe ebenso schlimm, als wenn man nichts zu essen hat; ich befürchte beinahe, dass ich in diesem Falle ..." Der Graf fiel ihm ins Wort: "Sie haben recht, lieber Herr Pastor, bald wird man auch gar nichts zu essen haben, der leidige Krieg verderbt alles. Ich habe vorigen Winter recht elend zugebracht. Die Austern kamen sehr unrichtig an. Den ganzen Winter über habe ich aus Preussen kein Birkhuhn gesehen, auch Störe bekommt man nicht mehr daher. sehen Sie, Herr Pastor, ich bin ein deutscher Patriot, ich kann das französische Essen nicht leiden. Ich kann ihre Consommés à la cardinale, ihre C-les d'agneau frites nicht ausstehen. Lieber Herr Pastor, wir müssen bedenken, dass wir Deutsche sind. Wir können uns zwar die guten französischen Brühen gefallen lassen, aber unsere speisen selbst müssen echt deutsch sein. Ich weiss, was in allen deutschen Provinzen das Beste ist. Wenige Leute verstehen zum Beispiel hierzulande, was eine pommerische grosse Muräne dreiviertel Ellen lang oder eine Flunder von der Insel Hela oder ein berlinischer Zander für Dinge sind, die habe ich sonst posttäglich bekommen. Aber jetzt, Herr Pastor, jetzt ist alles aus! Ich habe mir im vorigen März aus Hanau eine kalte Pastete und aus Frankfurt am Main einen gewürzten Schwartenmagen kommen lassen, den haben die preussischen Husaren bei Fulda aufgefangen; welcher Teufel soll denn auch denken, dass die Kerle schon im März aus den Winterquartieren sein werden? Im vorigen Oktober sollte ich Krammetsvögel vom Harze bekommen, die hatten sich die Lucknerischen Husaren wohl schmecken lassen. Im Februar habe ich Fasanen aus Böhmen verschrieben, ja, wenn nicht die Gränitzer bei Wilsdruf gestanden hätten! Die Franzosen machen's nicht besser. Meine westfälischen Schinken und den Champagner, worin ich sie wollte kochen lassen, haben sie im vorigen Monate in Bielefeld geplündert. Da sieht man's klar, dass es ihnen mehr um die westfälischen Schinken als um den Westfälischen Frieden zu tun ist. Ich liess mir Kaviar aus Königsberg kommen, da haben die Russen die Post bei Köslin angehalten und ihn bei Kohlberg auf die Flotte gebracht. Ich möchte nur wissen, was mein Kaviar auf der Flotte zu tun hätte, ich habe niemals ein Korn davon zu kosten bekommen. Jetzt habe ich aus Sonnenburg Krebse verschrieben, Herr Pastor, dies sind die schönsten Krebse an Grösse und Geschmack; aber die werden wohl die Schweden speisen, denn das 'Frankfurtische staates-Ristretto' schreibt, sie würden nächstens in Berlin sein. So sind wir allentalben mit Feinden umgeben, die uns alles wegnehmen