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Aufgange der Sonne ging Sebaldus nach der Stadt. Wilhelminen hatten ihre süssen Hoffnungen eine ruhige Nacht verschafft, wodurch sie merklich gestärkt ward. Sie liess sich einige Stunden nachher in einen Grossvaterstuhl setzen, trank Tee und hielt den Kopf der kleinen Charlotte, die selbst die Nacht sehr unruhig zugebracht hatte und über Hitze und Bangigkeit klagte. Sie wollte sich eben von Marianen etwas aus Wielands "Sympatien" vorlesen lassen, als Tuffelius unangemeldet in ihr Schlafzimmer trat. Er war im Schlafrocke und hatte eine von seiner eigenen Hand sehr weiss gepuderte Perücke aufgesetzt. "Ich freue mich", sagte er (nachdem er ihr Friede im Herrn gewünscht hatte), "Sie ausser dem Bette und so gesund, stark und munter zu sehen, welches sehr gut ist, indem Sie mir anheute ohne Widerrede das ganze Haus einräumen müssen." Wilhelmine, ganz erstaunt, stellte ihm die Unmöglichkeit vor. Tuffelius erwiderte aber: "Es kann kein fernerer Aufschub stattfinden. Auf nächstkünftigen Sonntag wird meine Introduktion vor sich gehen, daher wird der Herr Generalsuperintendent des Sonnabends bei mir abtreten, dazu muss ich in meinem haus alle nötigen Anstalten machen, zumal da er die Jungfer Ursula Stauziin mit sich bringen wird, mit welcher ich mich in ein christliches Eheverlöbnis eingelassen, so ich Ihnen aus nachbarlicher Freundschaft hiemit will notifiziert haben. Säumen Sie also nicht ferner. Es stehet geschrieben: Bittet, dass eure Flucht nicht geschehe im Winter! – Jetzt sind wir mitten im Sommer, und Sie können also wohl zufrieden sein." Hiebei blieb es. Wilhelminens Gründe, Marianens Bitten, Charlottchens Weinen und Ächzen, ob sie sich gleich ihm zu Füssen warf, halfen nichts. Er führte sie säuberlich eine nach der anderen zur tür hinaus, wo sie zu ihrem nicht geringen Erstaunen vier fürstliche Trabanten, von einem Unteroffizier befehligt, vorfanden. Durch dieselben liess Tuffelius alles, was im haus befindlich war, sehr behutsam auf die Strasse setzen und gab selbst achtung, dass nicht das geringste zerbrochen ward.

Es war heller Sonnenschein, da dies geschah, es war daher nicht Tuffelius' Schuld, dass eine Viertelstunde darauf ein starker Regen fiel. Wilhelmine mit ihren Kindern flüchtete unter einen am haus gelegenen Schuppen. Alle Bauern waren zusammengelaufen. Sie hätten bei einer anderen gelegenheit ihrem Pfarrer vielleicht nachdrücklich Hilfe geleistet. Aber der Anblick der fürstlichen Uniform und des blanken Pallasches des Unteroffiziers erinnerte sie ihrer treugehorsamsten Pflicht. Einer kratzte sich den Kopf, der andere schüttelte den Kopf, und so ging einer nach dem anderen weg, bis sie der Regen vollends zerstreute.

Nur ein Bauer, den Sebaldus bei einem gewissen

Vergehen, weshalb er ihn hätte zur Kirchenbusse zwingen können, bloss mit einer liebreichen Ermahnung bestraft hatte, liess sich das Elend zu Herzen gehen. Er führte Wilhelminen mit ihren Kindern in sein Haus und holte mit seinem Knechte ihre Sachen nach, die er bis auf weitere Anordnung wenigstens vor dem Regen sicherstellte.

Sebaldus war unterdes in der Stadt angekommen.

Sein erster gang war zum Hofmarschalle, bei dem er sich melden liess und auch nach einem halbstündigen Warten vorgelassen ward. Der Hofmarschall war nicht mehr so wie vor einigen zwanzig Jahren, als er Wilhelminen dem Pastor zuführte. Er hatte sich unterdessen mit der schönen Clarisse vermählet. Dies war ein eitles, verschwenderisches, kokettes Ding, bei der er wenig vergnügte Stunden genoss. Sie verprasste seine Güter, putzte sich den halben Tag und brachte die andere Hälfte mit ihren Liebhabern zu, die sie alle vier Wochen wechselte. Zu ihrem Gemahle kam sie nicht, als wenn sie von ihm Geld zur Bezahlung ihrer Spielschulden zu fordern oder mit ihm zu zanken hatte, und endlich nach einem zehnjährigen Ehestande starb sie im Wochenbette, welches, wie damalige Hofnachrichten bezeugen, dem Hofmarschalle ganz unerwartet kam. Er auf seiner Seite unterliess nie, wie es einem treugehorsamen Hofmarschalle gebühret, mehr als fünfundzwanzig Jahre lang alle Hoffeste feierlich zu begehn und zur Ehre des Fürsten dessen Wein nie zu sparen, sondern alle durchreisende, hochadlige, freiherrliche und gräfliche Laien redlich unter den Tisch zu trinken. Hingegen war er auch freilich von manchen geistlichen Herren, als Äbten, Domherren, Mönchen, Kapitularen, Deutschen Rittern und Malteserrittern, wieder redlich unter den Tisch getrunken worden. So hatte er in den Diensten der gnädigen Landesherrschaft seine Gesundheit und den grössten teil des Vermögens, das ihm die schöne Clarisse noch übriggelassen hatte, zugesetzt, welches ihm ein Recht zu geben schien, für seine treu geleisteten Dienste mit einer ansehnlichen Pension auf Lebenszeit belohnt zu werden. Er hatte damals vor einigen Wochen darum angesucht, statt derselben aber in sehr gnädigen Ausdrücken seinen Abschied mit dem Prädikat als fürstlicher Geheimer Rat erhalten. Seit dieser Zeit bekam er öftere Anfälle von Devotion, die mit den Anfällen vom Steine, vom Chiragra und Podagra abwechselten; und jetzt, da Sebaldus ihm aufwarten wollte, hatte er gerade einen Anfall von Devotion, Chiragra und Podagra zugleich. Er lag auf einer Bergère3, beide Füsse in Flanell gewickelt, und auf einer nebenstehenden Servante4 von Mahagoniholze lagen Goezens "Todesbetrachtungen auf alle Tage" und "Der wohlgerüstete Himmelswagen" nebst den Frankfurter Reichs-Ober-Post-Amts-Zeitungen. Sobald der Schmerz in den Händen und Füssen zu arg ward, ergriff er eins von den Büchern und las überlaut eine Betrachtung oder Gebet über das andere, und um desto heftiger und lauter, je mehr der Schmerz zunahm; sobald er aber nachliess, ergriff er die Zeitungen, um sich an den Berichten von den