dieser Predigten gekommen sei, erhellet nicht allein deutlich, dass sie nicht wohl vom Sebaldus gewesen sein könnten, sondern wir kommen dadurch auch auf eine sehr wahrscheinliche Vermutung, wo sich diese Papiere eigentlich herschreiben mögen.
Es heisst S. XLV der Vorrede "Vor einiger Zeit kam ein dessauischer Jude zu mir, der, nebst andern Waren, verschiedene Paar schwarze seidne Strümpfe, Halskrausen und so weiter, fast alles in beschriebenes Papier eingewickelt, mir zum Verkaufe anbot. 'Aber, mein guter Mann', sprach ich, 'wie kommt Er denn zu christlichen Halskrausen?' – 'In einem dorf, nicht weit von hier', antwortete er, 'hat sie mir ein Bauer verkauft, der sie vor einigen Jahren, nebst dem übrigen, an der Landstrasse gefunden zu haben vorgab.' Kurz vorher hatte ich Notankers geschichte gelesen. Gleich fiel mir's aufs Herz, ob diese Sachen nicht von dem geplünderten Postwagen sein möchten."
Ist diese Erzählung richtig, so hätte auf den Titel gesetzt werden sollen: Aus dem Makulatur eines dessauischen Juden abgedruckt, nicht aber: Aus Sebaldus' Papieren gezogen, denn dies letztere Vorgeben ist durch nichts erwiesen. Der Herausgeber hat bei seiner Mutmassung, die er bloss auf seine Erzählung bauet, in der Tat sehr wenig historische Kritik gezeigt, worin wir Deutsche doch sonst so stark sind. Hätte er nur mehr auf die Chronologie, welche die Fackel der geschichte ist, geachtet! Ist es wohl wahrscheinlich, dass Kleidungsstücke, welche 1763 auf einem Postwagen verlorengegangen sind, noch 1773 unverkauft, mit dem Papiere, worin sie anfänglich gewickelt gewesen, in den Händen eines Juden sein sollten? Und warum tat denn der unbekannte Herr an den Juden die unnötige Frage, wie er zu christlichen Halskrausen komme? Es ist ja bekannt, dass die Juden abgetragene christliche Kleider mit ebensowenig Bedenken in ihre Laden aufnehmen, als die Christen manche abgetragene jüdische Lehre in ihre Dogmatik aufgenommen haben! Und wie kann er auf des Juden unbestimmte und unbewiesene Antwort das geringste bauen? Wären auch alle die Sachen, die der Jude zum Verkaufe anbot, wirklich auf der Landstrasse gefunden worden, so können sie doch sicherlich nicht unserm Sebaldus gehört haben. Wie wäre er, der zeitlebens in einer ländlichen Einfalt gelebt hatte und der aus Not seine besten Sachen hatte verstossen müssen, zu seidnen Strümpfen gekommen? Wozu hätte er wohl, nachdem er abgesetzt worden, Halskrausen91 mit sich geführt Und da er bei seiner Abreise, wie S. 134 des ersten Teils seines Lebens berichtet worden, seinen ihm so werten Kommentar über die Apokalypse bei seinem Freunde Hieronymus zurückliess, ist es wohl wahrscheinlich, dass er die Konzepte von alten Predigten solle mitgenommen haben?
Die Mutmassung des ungenannten Herausgebers ist also höchst unwahrscheinlich. Wenn man nun aber hingegen aus den sichersten Familiennachrichten weiss, dass Cyriakus seines Vaters Kleider, Halskrausen und Manuskripte sowie auch den geringen Nachlass des frühzeitig verstorbenen Elardus geerbt hat, wenn ferner unwidersprechlich bewiesen werden kann, dass Cyriakus, als er 1772 von Leipzig wegreisen wollte, seine sämtliche Kleidung, Bücher und Papiere zu einem Trödler getragen hat, der vor dem Grimmischen Tore in der Gegend des Richterschen Kaffeegartens wohnt und seinen hauptsächlichen Abzug an dessauische Juden hat, so wird es nun vielmehr sehr wahrscheinlich, dass die dem ungenannten Herausgeber so zufälligerweise in die hände geratenen Predigten, wenn sie gleich nicht von Sebaldus Notanker sind, dennoch sehr wohl von Erasmus Notanker, von Elardus Notanker und von Cyriakus Notanker herrühren können.
Diese Mutmassung wird beinahe zur Gewissheit, wenn man die innere Beschaffenheit dieser Predigten betrachtet. Gleich der erste Absatz der ersten Predigt, von der Einigkeit in der Ehe, kann ganz unmöglich aus Sebaldus' Feder geflossen sein; denn es kommt darin, ob er gleich nur eine halbe Seite lang ist, sechzehnmal das liebe Ich vor. Man höre: "Nichts wünsche Ich so sehr, als dass ihr glücklich sein möget. Ihr werdet es von Mir überzeugt sein, Meine lieben Zuhörer, dass Ich dieses aufrichtig wünsche; denn ihr wisst, wie Ich zu euch eile, um euch zu trösten, wenn ihr traurig seid, und wie gern Ich auch an euren Freuden Anteil nehme, wenn ihr einen fröhlichen Tag habt. Mein Amt und Mein Herz macht Mir dieses zur Pflicht. Mein Amt, weil es Mir zunächst aufgetragen ist, euch an Meiner Hand durch die Bahn dieses Lebens zu führen und euch zu einem seligen Leben, das euch nach diesem erwartet, zu bereiten. Aber auch Mein Herz macht es Mir zur Pflicht, weil Ich euch aufs herzlichste liebe. Ein Hirt kann nicht so sehr seine Schafe, ein Vater nicht so sehr seine Kinder lieben als Ich euch."
So ein grober Egoist war der bescheidene Sebaldus keineswegs. Er sprach nicht so viel von sich. Er liebte seine Kirchkinder; aber diese Liebe trug er nicht öffentlich zur Schau. Er stand seinem amt vor, er tat seine Pflicht; aber er hatte sein wichtiges Amt, seine teure Pflicht, nicht immer auf der Zunge, um seinem guten Herzen ein Kompliment zu machen. Hingegen der ruhmsüchtige Erasmus, der hauptsächlich nur deswegen predigte, um sich von der Kanzel herab in seiner Grösse zu zeigen, redete beständig von sich selbst, von seinem guten Willen gegen seine Zuhörer, von seinem Herzen, von seiner Liebe, von seinem Vertrauen; kurz, er predigte sich selbst, um sein Selbst willen.
Wenn ferner diese Predigt vom Sebaldus oder auch nur von irgendeinem