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die Besorgung seiner Angelegenheiten, unter die Gesellschaft seiner Kinder und weniger Freunde, unter wohltätige Unterstützung seiner bedürftigen Nachbarn und unter fleissiges Studieren, das er nun völlig seiner Neigung gemäss treiben kann. Verschiedene denkende Männer unter seinen Freunden, welche, ohne selbst sehr konsequent zu sein, nicht leiden mögen, dass andere Leute inkonsequent sind, haben sich viel Mühe gegeben, ihn sowohl von der Crusiusschen Philosophie (welcher, ihrer Meinung nach, kein Mensch mehr beigetan sein sollte) als auch von seinem Irrglauben an die Apokalypse zu bekehren. Da aber niemand sein System zu ändern pflegt, wenn er über fünfzig Jahre alt ist, so sind diese Dispute so unglücklich ausgeschlagen, dass Sebaldus, anstatt bekehrt zu werden, in seinen Meinungen vielmehr bestärkt worden ist. Verschiedene dieser seiner Freunde haben ihm beweisen wollen, dass von einigen Wahrheiten, die er für ungezweifelt hält, sogar nach den Sätzen der Crusiusschen Philosophie gerade das Gegenteil folgen würde. Sie sind aber ganz an ihm irre geworden, da er auf eine eigne, ihm geläufige Weise alles aus der Crusiusschen Philosophie bewiesen hat, was sie meinten nur aus der Wolffischen oder Federischen oder wer weiss aus welcher noch neueren, folglich zehn Jahre lang noch wahreren Philosophie folgern zu können. Einige haben daher den alten Mann, obgleich mit einigem Kopfschütteln, sein lassen, wie er ist. Andere hingegen, weise, systematische Männer, haben ihn dadurch völlig in die Enge zu treiben vermeint, dass sie ihm demonstrierten, sein eigner Charakter (in welchem ohnedies, wenn man die in dem Gedichte "Wilhelmine" befindlichen Nachrichten für historisch richtig annehme, vieles bedenklich sein müsse) könne gar nicht zusammenhangen, wenn er bei seinen herrlichen teologischen Einsichten zugleich an ein so ungereimtes Ding, wie die Apokalypse sei, ferner glauben wolle. Aber hierbei ist der gute Sebaldus, wider Vermuten, ungeduldig geworden, welches diese tiefen Kenner der menschlichen natur wiederum mit seinem sonst so sanften Charakter nicht zusammenzureimen wussten. Sie haben vielleicht dabei nur nicht gleich an eine sehr gemeine Bemerkung gedacht, welche durch das Beispiel des seligen Don Quijote und durch das Beispiel verschiedener noch lebender deutscher Genies bestärkt wird, nämlich: dass ein Mensch sehr wohl in allen Dingen so denken und handeln könne, dass ihn die ganze übrige Welt für verständig gelten lässt, dabei aber in einem einzigen so, dass man ihn für einen Toren halten möchte. Sie hätten sich auch wohl erinnern können, dass der beste und bescheidenste Mensch ein Ding, worüber er seine Geisteskräfte einmal bis zu einer gewissen Anspannung angestrengt hat, sich nicht so leicht werde nehmen lassen; dass daher ein Gelehrter ein Buch, besonders ein biblisches Buch, worüber er eine ihm wichtig scheinende Hypotese erfunden hat, niemals ganz werde fahrenlassen wollen. Sie mögen übrigens deshalb unbesorgt sein, dass des Sebaldus vermeintliche abergläubische achtung gegen das, was sie für Fratzen halten, seinen andern guten Eigenschaften und guten Meinungen schaden werde. Der Mann, der seine Menschenliebe und seine Toleranz durch die bildliche Vorstellung des neuen Jerusalems noch fester begründet, zumal wenn er ein scharfsinniger Kopf ist, wird seine Teorie von Eingebung und Prophezeiung auch schon so zu modeln wissen, dass seinen menschenfreundlichen Gesinnungen dadurch kein Eintrag geschieht. Und warum sollte dies an sich schwerer sein, als solche Teorien so zu formen, dass sie zu herrschsüchtigen und verdammenden Absichten gemissbraucht werden können? Wirklich beschäftigt sich Sebaldus seit einiger Zeit mehr als jemals mit der Apokalypse und hat seinen Kommentar darüber beinahe völlig geendigt. Er hat auch schon seinem Freunde Hieronymus den Verlag desselben angetragen, welchen dieser aber, mit aller Schonung gegen einen Autor, der zugleich ein Freund ist, zu verbitten gewusst hat. Hieronymus mag freilich wohl einsehen, was Sebaldus noch nicht glauben will, dass, seitdem Öder und nach ihm Semler die Echteit dieses buches verdächtig gemacht haben, niemand mehr etwas über die Apokalypse lesen mag; sogar nicht einmal in Schwaben, wo jetzt, statt der vorherigen allgemeinen Beschäftigung mit diesem sonst für das Buch der Bücher geachteten buch, durch eine für die teologischen Wissenschaften glückliche Veränderung, so weit man Neckarwein trinkt, das Variantensammeln und arabisch Exponieren89 eingetreten ist. Diese abschlägige Antwort seines Freundes hat Herrn Sebaldus Notanker auf die Gedanken gebracht, seine Erklärung und Auslegung über die Offenbarung Johannes, die Frucht einer Arbeit von mehr als dreissig Jahren, nach dem Beispiele anderer grossen Gelehrten, auf Subskription drucken zu lassen. Es wird daher hierdurch bekanntgemacht, dass sie drei starke Bände in Grossquart betragen wird und auf feines weisses Druckpapier abgezogen werden soll. Sobald sich eine hinlängliche Anzahl Subskribenten meldet, allenfalls auch nur zu einer kleinen Auflage von etwa zweitausend Exemplaren, wird der Druck sogleich angefangen werden und vier Monate nachher die Ablieferung des ersten Teils geschehen.

Zuverlässige Nachricht

von einigen nahen Verwandten

des Herrn Magisters

Sebaldus Notanker

Aus ungedruckten Familiennachrichten gezogen

Unsers Sebaldus Vater war ein ehrlicher Handwerksmann in einem kleinen Städtchen in Türingen, der durch Fleiss und Sparsamkeit sich ein Vermögen von einigen hundert Talern erworben hatte und ein solches Ansehen in seiner Vaterstadt erhielt, dass er zum Ratmanne und zum Vorsteher des Gotteskastens erwählt ward. Indes brachten diese Ehrenstellen, die verschiedene von seinen Vorgängern bereichert hatten, ihm gar keinen Nutzen. Denn er war ein so schlechter Wirt, dass er nicht allein für seine Arbeit auf dem rataus und bei der Kirche keine Einkünfte annehmen wollte, sondern auch zum gemeinen Besten verschiedenes aufwendete, wozu er gar nicht hätte können gezwungen werden. Es kann also der ökonomische Leser leicht ermessen, dass des ehrlichen Mannes Vermögen sich