natürliche Unverschämteit verliess ihn. Er ward bald blass, bald rot, sah bald voll Verwirrung den Sebaldus an, bald wieder weg, biss sich die Nägel, schien etwas sagen zu wollen, ohne dass er etwas herausbringen konnte. Murmelte endlich: "Aber wirklich – fünfzehntausend Taler hat dieser Herr gewonnen!", sah wieder nach Sebaldus mit betroffner Miene und schlug halb beschämt die Augen nieder, wollte wieder zu reden anfangen, und das Wort schien ihm auf dem mund zu vergehen.
Während dies vorging, traten Säugling der Sohn und Mariane ins Zimmer.
"Kommen Sie, meine Tochter", rief der alte Säugling schmunzelnd. "Verteidigen Sie sich! Hier dieser Herr wollte mich eben vor Ihnen als vor der Verführerin meines Sohnes warnen."
"Nichtswürdiger!" rief Mariane und sah Rambolden mit einem Blicke voll tiefster Verachtung an. "Du denkst schändlich genug, um zur Verfolgung noch Verleumdung hinzuzutun. – Deine niederträchtige Liebe, die nur Bosheit war ..."
"Und doch sollen Sie mich gewiss noch lieben", fiel ihr der faselhafte Rambold greiflachend ins Wort, gewohnt, bei einer Geckerei, die ihm in den Kopf kam, alle ernstafte Gedanken zu vergessen.
"Wie?" rief Mariane höchst erzürnt. "Nimmermehr!"
"Aber doch gewiss, liebstes Marianchen!" neckte Rambold weiter.
Mariane erblasste vor Zorn über diese unglaubliche Unverschämteit und wiederholte: "Nimmermehr! Niederträchtiger!"
"Ja gewiss!" erwiderte Rambold, der seine Geckenmiene in eine ernstafte verwandeln wollte und unbeschreiblich einfältig aussah. "Zwar nicht als Liebhaber, aber doch als Bruder. – Ich bin Ihr Sohn", rief er und warf sich zu Sebaldus' Füssen. – "Ich fühle die grösste Reue, dass ich Ihnen nicht geschrieben und mich Ihnen hier nicht eher zu erkennen gegeben habe. – Ich wollte aber mein Glück erst festsetzen, ehe ich meinen im Kriege angenommenen Namen88 verliesse. – Ich bin weit herumgeirrt. – Ich habe, nachdem Sie von haus vertrieben worden, nie Nachricht von Ihnen gehabt. – Erst ganz kürzlich habe ich erfahren, wer Sie waren. – Da war ich gleich ausserordentlich unruhig. – Ich wollte ... Ich wusste nicht recht ..." Hier stammelte er noch einige kahle Entschuldigungen, an denen es schlechten Leuten nie fehlet.
Alle erstaunten. Sebaldus fasste sich nach einigen Augenblicken und sagte: "Mein Sohn! Du kanntest mich also doch? Edler wäre es gewesen, wenn du mich nicht verschmähet hättest, als ich noch in elenden Umständen war! Aber ich vergebe dir." Er hob ihn auf und umarmte ihn.
Auch der junge Säugling umarmte ihn. Mariane tat ein gleiches, aber nicht mit der Fülle des Herzens, womit sie sonst einen Bruder würde umarmet haben.
Rambold hingegen war guter Dinge, als ob alles so recht wäre, und da der Herr von Haberwald endlich auch aus seinem Schlafzimmer hervorkam, erzählte er ihm lachend, dass er seinen Vater und seine Schwester gefunden habe, und stellte ihm dieselben vor.
Letzter Abschnitt
Die Quaterne wurde bezahlt und Säugling kurz darauf mit Marianen verbunden. Die ersten Honigmonate verflossen in allen Entzückungen einer zärtlichen Liebe. Säugling machte sich den schönsten Plan zu einem arkadischen Schäferleben, voll Zärtlichkeit, Unschuld, Liebe und besonders voll lieblicher Gedichte; doch ging es in der folgenden Zeit nicht ganz nach diesem schön ausgesonnenen Plane. Mariane hatte während ihres einsamen Winteraufentaltes in dem haus im wald und sonst gelegenheit genug gehabt zu erfahren, wie eitel poetische Phantasien sind, wenn sie ins gemeine Leben gebracht werden. Ihr kleiner Hang zu romantischen Gesinnungen und ihre von Jugend an so gern gehegten Aufwallungen der Einbildung verschwanden, da sie in die wichtigen Verhältnisse des wirklichen Lebens trat. Ihre süssen empfindsamen Phantasien machten wirklicher Liebe Platz, unbestimmte Aussichten auf überschwengliche himmlische Seligkeiten wurden durch gemässigtes, aber wahres Wohlbefinden ersetzt. gespräche vom Wohltun gingen nun in wohltätige Geschäfte über. Sie weihte sich ganz ihren Pflichten, ward eine Landwirtin, versorgte ihr Haus und erzog ihre Kinder. Sie verschmähte auch nicht die kleinen Unannehmlichkeiten, die das häusliche Leben mit sich führt, denn ihrem edlen geist ward dadurch von seiner feinen Empfindung nichts entzogen, die vielmehr dadurch mehr Kräfte gewann. Mariane ward nunmehr inne, wie weit sentimentales Gefühl, im wirklichen Leben tätig angewendet, das leichte Geschwätz davon überwieget. Sie merkte bald, dass Hausfrau und Mutter zu sein Wohlwollen mit sich führt, das keine jugendliche Phantasei erreichen kann, so weit sie auch zu fliegen scheint. Säugling, immer gewohnt, dem Frauenzimmer zu folgen, modelte sich unvermerkt nach Marianen. Er erinnerte sich, dass er ein Mann, nicht mehr ein Jüngling sei. Er entsagte, freilich nach einigen kleinen Kämpfen, erst seiner allzu genauen Achtsamkeit auf den Kleiderputz, dann seinen zierlichen Gesinnungen und endlich selbst seinen Gedichten. Nicht nur hatte er sogar an seinen empfindsamen Roman nicht weiter gedacht, sondern ist auch allmählich ein völliger Landwirt geworden. Er steht mit dem Morgen auf, teilet seinen Leuten ihr Tagewerk aus, reitet in aller Witterung zu ihnen aufs Feld und hat sich durch unablässige Tätigkeit eine solche praktische Kenntnis des Akkerbaues erworben, dass er auf seines Vaters Gütern die wichtigsten Verbesserungen zustande bringt. Indes da sich lange angewöhnte Untaten selten ganz ausrotten lassen und weil einmal geschrieben stehet:
Qui a bu, boira!
Qui a écrit, écrira!,
so ist er doch unterderhand wieder ein Schriftsteller geworden; denn es wird nächstens